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Wie das Miteinander Menschen prägt

Zum Menschsein gehört die Fähigkeit, mit seinesgleichen umgehen zu können. Als soziale Wesen entwickeln Menschen Verhaltensweisen, die für das Miteinander wichtig sind.
29.04.2016, 00:00
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Wie das Miteinander Menschen prägt

Kinder teilen

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Zum Menschsein gehört die Fähigkeit, mit seinesgleichen umgehen zu können. Als soziale Wesen entwickeln Menschen Verhaltensweisen, die für das Miteinander wichtig sind. So lernen beispielsweise schon kleine Kinder, mit anderen zu teilen und sich so zu verhalten, dass gemeinsame Ziele erreicht werden können. Ob im Kinderchor, in der Fußballmannschaft oder im Betrieb: Die Zusammenarbeit spielt eine große Rolle. Forscher interessieren sich nicht nur dafür, wie Verhaltensweisen entstanden sind, sondern gehen auch der Frage nach, was sie bei einzelnen Menschen bewirken. Dabei haben sie unter anderem dies herausgefunden: Körpervorgänge wie die Atmung können sich bei verschiedenen Menschen, die zusammenarbeiten, angleichen. Es kommt zu sogenannten Synchronisationseffekten.

Auch Teilen will gelernt sein

Vieles spricht für die Annahme, dass die Menschheit bereits sehr früh in ihrer Entwicklungsgeschichte den Nutzen der Zusammenarbeit erkannt hat. Diese erleichterte zum Beispiel die Jagd auf große Tiere. Außerdem war es gemeinsam mit anderen einfacher, sich vor Feinden oder einer unwirtlichen Umwelt zu schützen. Der Gedanke liegt nahe, dass aus gemeinsamen Anstrengungen auch das Ideal entstanden ist, gerecht mit anderen zu teilen. Wenn zusammen ein Tier erlegt wurde, sollten auch alle Beteiligten von der erbeuteten Nahrung profitieren. Wie Wissenschaftler erklären, gibt es bei Schimpansen, den nächsten Verwandten des Menschen, keine Verbindung zwischen gemeinsamen Anstrengungen und dem Teilen von Beute. Bei Menschen hingegen lässt sich beobachten, dass schon Dreijährige bereitwillig Belohnungen mit anderen teilen. Voraussetzung ist dabei, dass die Belohnung das Ergebnis gemeinsamer Bemühungen ist.

Einen Beleg für die herausragende Bedeutung der gemeinsamen Bemühungen hat bereits vor mehreren Jahren eine Studie geliefert, die eine internationale Forschergruppe um Katharina Hamann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig im Fachjournal „Nature“ veröffentlicht hat. Darin waren Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren vor unterschiedliche Aufgaben gestellt worden. Mal konnten sie diese lösen, ohne einander zu helfen, mal war Zusammenarbeit nötig. Eine Aufgabe bestand zum Beispiel darin, gleichzeitig an den Enden eines Seils zu ziehen, um an Spielzeuge zu gelangen. Wie sich herausstellte, neigten einzelne Kinder zum Egoismus, wenn sie aufgrund einer von ihnen allein gelösten Aufgabe oder gar ohne ersichtlichen Grund von Erwachsenen eine Belohnung erhielten. Sie zogen es in solchen Fällen vor, den Großteil des Lohns für sich allein zu behalten. War die Aufgabe hingegen gemeinsam gelöst worden, teilten sie. Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler: Situationen, in denen zusammengearbeitet wird, könnten eine entscheidende Rolle dafür spielen, dass Kinder eine Vorstellung von der Bedeutung der Verteilungsgerechtigkeit entwickeln.

Menschen sind zwar von Geburt an soziale Wesen, erwerben für das Miteinander wichtige Fähigkeiten aber erst nach und nach. So helfen Säuglingen Blicke, Berührungen oder ein Lächeln, um mit Erwachsenen Emotionen auszutauschen. Kleinkinder beobachten nicht nur das Verhalten anderer, sondern auch, welche Ziele sie verfolgen. Zu den Wissenschaftlern, die sich große Verdienste um die Erforschung der kindlichen Entwicklung erworben haben, gehört der Schweizer Biologe Jean Piaget (1896 bis 1980). Er konnte zeigen, dass Kinder zunächst die Vorstellung haben, dass ihre Welt die Welt schlechthin sei. Erst im sozialen Miteinander lernen sie, den eigenen Standpunkt von dem anderer zu unterscheiden. Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, ist für das Miteinander von großer Bedeutung. Wie eine Studie zeigt, die Markus Paulus von der Ludwig-
Maximilians-Universität München und Chris
Moore von der Dalhousie University im kanadischen Halifax im vergangenen Jahr in der Fachzeitschrift „Social Development“ veröffentlicht haben, ist sie auch für die Bereitschaft wichtig, anderen etwas zu geben.

Die Wissenschaftler hatten 82 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren in mehrere Gruppen eingeteilt. Manche der Kinder wurden gebeten, darüber nachzudenken, wie sie sich fühlen würden, wenn mit ihnen geteilt würde oder nicht. Andere sollten darüber nachdenken, wie es einer anderen Person in solchen Fällen ergehen würde. Anschließend erhielten die Kinder die Möglichkeit, Sticker unter sich und einer nicht anwesenden Person aufzuteilen. Ihr Verhalten wurde mit dem von Kindern verglichen, die nicht zum Nachdenken über die eigene und die Gefühlswelt anderer aufgefordert worden waren. Wie sich herausstellte, verhielten sich die Kinder, die darüber nachgedacht hatten, wie das Teilen Gefühle beeinflusst, großzügiger. Wichtig war dabei nach Darstellung der Forscher ihre Erkenntnis, was es bedeuten würde, selbst leer auszugehen. Die Möglichkeit, anderen eine Freude zu machen, sei nicht das entscheidende Motiv gewesen. Laut Paulus verdeutlicht die Untersuchung, wie sich die Bereitschaft von Kindern, mit anderen zu teilen, fördern lässt. Hilfreich sei, ihnen die negativen Gefühle aufzuzeigen, die andere hätten, wenn sie nichts erhielten.

Gleichklang durch Zusammenarbeit

Dass die Zusammenarbeit weit mehr bewirkt, als die Fähigkeit zum Teilen zu fördern, zeigen neue Forschungsergebnisse von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main und der dänischen Universität Aarhus. Sie gaben Gruppen von jeweils drei Studienteilnehmern die Aufgabe, in einer vorgegebenen Zeit so viele Boote wie möglich aus Papier zu falten. Die Gruppenmitglieder teilten dabei verschiedene Arbeitsschritte untereinander auf. Nach einer Weile konnten sie entscheiden, ob sie ihre Falttechnik beibehalten oder für den Rest der Zeit eine neue ausprobieren wollten. Während des Experiments wurden verschiedene körperliche Parameter bestimmt. Die Forscher maßen den Herzschlag, die elektrische Leitfähigkeit der Haut, die Rückschlüsse auf die Erregung erlaubt, und die Aktivität zweier Gesichtsmuskeln, die etwas über positive und negative Emotionen verrät. Wie sich zeigte, war die Muskelaktivität bei den verschiedenen Teilnehmern umso stärker im Gleichklang, je besser sie zusammenarbeiteten.

Gruppen mit hoher Übereinstimmung bei der Muskelaktivität waren eher zufrieden und blieben bei der bewährten Falttechnik, während sich Gruppen mit einer geringen Übereinstimmung häufig für einen Wechsel entschieden. Ganz gleich jedoch, wie gut die Gruppen vorher zusammengearbeitet hatten: Die Umstellung auf eine neue Methode ging meist auf Kosten des Gleichklangs. Dass es das Phänomen der Synchronisation nicht nur in positiver, sondern auch in negativer Hinsicht gibt, zeigte sich bei Problemen innerhalb von Gruppen. Diese gingen mit einer entsprechenden Übereinstimmung bei der Hautleitfähigkeit einher, die auf psychische Anspannung und Stress hindeutete. Die Studie belegt nach den Angaben der Forschergruppe um Sebastian Wallot, dass die Übereinstimmung von Körperfunktionen ein Gradmesser für die Verbundenheit innerhalb von Gruppen ist.

Schon länger ist bekannt, dass Synchronisationseffekte zum Beispiel bei Paaren und Chorsängern auftreten können. So fördert das gemeinsame Singen Übereinstimmungen bei der Atmung und beim Herzschlag. Bei Gitarristen, die gemeinsam musizierten, stellten Forscher fest, dass sich die Zusammenarbeit auch an den Hirnaktivitäten ablesen ließ. Den ersten Nachweis für die Synchronisation von Hirnwellen lieferten Wissenschaftler des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung bereits im Jahr 2009 zusammen mit Kollegen von der Universität Salzburg. Während zwei Gitarristen gemeinsam musizierten, wurde die elektrische Aktivität ihrer Gehirne mittels Elektroenzephalografie (EEG) aufgezeichnet. Wie sich herausstellte, nahmen die Ähnlichkeiten der Hirnwellenmuster beim Musizieren zu.

Aufschlussreiche Hirnwellen

Einige Zeit später konnten Wissenschaftler des Berliner Instituts zeigen, dass es auch dann zu einer Synchronisation kommt, wenn zwei Musiker nicht genau das Gleiche spielen, sondern unterschiedliche Rollen übernehmen. Die Forscher teilten 32 geübte Gitarristen in 16 Duettpaare ein, die ein bestimmtes Stück spielen sollten. Allerdings hatten die Musiker unterschiedliche Stimmen zu spielen, und einer erhielt zudem die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass beide gemeinsam einsetzten und ein gemeinsames Spieltempo einhielten. Er übernahm also die Führungsrolle, während sein Mitspieler folgte. Während des Spiels wurden mithilfe von Elektroden Informationen über die Hirnwellen der Gitarristen gesammelt. Neben einer Gleichschaltung der Hirnwellen stellten die Forscher auch fest, dass es zwischen den Signalen bestimmter Elektroden bei den beiden Musikern in Phasen, in denen sie ihre Aktivitäten koordinieren mussten, einen eindeutigen Zusammenhang gab. Die Wissenschaftler deuteten ihre Ergebnisse so, dass hirnübergreifende Netzwerke Bereiche der beteiligten Gehirne verbinden. Aus ihren Beobachtungen zogen sie auch den Schluss, dass solche Netzwerke vermutlich nicht nur beim Musizieren, sondern auch bei anderen Tätigkeiten entstehen, bei denen Menschen ihr Handeln aufeinander abstimmen, etwa beim Sport oder bei der alltäglichen Kommunikation.

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