Wie Kraniche den richtigen Weg finden

Vögel wie Haussperlinge, Elstern und Spechte bleiben das ganze Jahr über in bestimmten Gebieten und werden deshalb als Stand- oder auch Jahresvögel bezeichnet. Andere Vögel hingegen machen sich auf die Reise, wenn es in bestimmten Gebieten kälter wird. Um in wärmeren Gegenden zu überwintern, legen viele von ihnen weite Strecken zurück. Zu diesen Zugvögeln gehören auch die Schreikraniche. Biologen haben erforscht, wie sie die bestmöglichen Zugrouten finden.
04.09.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Wie Kraniche den richtigen Weg finden
Von Jürgen Wendler

Vögel wie Haussperlinge, Elstern und Spechte bleiben das ganze Jahr über in bestimmten Gebieten und werden deshalb als Stand- oder auch Jahresvögel bezeichnet. Andere Vögel hingegen machen sich auf die Reise, wenn es in bestimmten Gebieten kälter wird. Um in wärmeren Gegenden zu überwintern, legen viele von ihnen weite Strecken zurück. Zu diesen Zugvögeln gehören auch die Schreikraniche. Biologen haben erforscht, wie sie die bestmöglichen Zugrouten finden.

Dass sich Forscher besonders stark für Zugvögel interessieren, zeigt die Vielzahl an Studien, die es zu dem Thema gibt. So wird schon seit vielen Jahrzehnten die Frage untersucht, wie sich die Tiere orientieren. Als sicher gilt inzwischen, dass Zugvögel, aber zum Beispiel auch Brieftauben, ihre Flugrichtung mithilfe der Sterne, des Sonnenstands und des Erdmagnetfelds bestimmen können.

Selbst Haushühnern wird nachgesagt, zur Orientierung das Magnetfeld der Erde zu nutzen. In speziellen Sehzellen der Hühner wiesen Forscher ein Molekül namens Cryptochrom 1a nach, das sie mit der Magnetfeldorientierung in Verbindung bringen. Aktiviert wird dieser Magnetkompass nach ihren Erkenntnissen durch Licht. Eine Gruppe um die Biologie-Professoren Roswitha und Wolfgang Wiltschko von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main hat kürzlich im „Journal of the Royal Society Interface“ von neuen Belegen für die Richtigkeit dieser Theorie berichtet.

Licht ist elektromagnetische Strahlung, die unterschiedliche Wellenlängen haben kann. Bestimmte Wellenlängenbereiche entsprechen bestimmten Farben. Bei ihren Experimenten mit lebenden Hühnern stellten die Frankfurter Wissenschaftler fest, dass Cryptochrom 1a zum Beispiel bei Wellenlängen aktiviert wird, die der Farbe Grün entsprechen. Rotes Licht hingegen aktiviert das Molekül nicht. Dies, so betonen die Forscher, passe zu der Beobachtung, dass Hühner nicht nur im Dunkeln, sondern auch bei rotem Licht die Orientierung verlören. „Unsere Befunde sprechen stark dafür, dass Cryptochrom 1a wirklich das Rezeptormolekül für den Magnetkompass der Vögel ist“, sagt Roswitha Wiltschko.

Sich zu orientieren ist eine Sache, zu wissen, wohin man fliegen muss und welche Route dabei die beste ist, eine andere. Letzteres haben Wissenschaftler des Frankfurter Biodiversität und Klima Forschungszentrums und der University of Maryland bei Schreikranichen erforscht. Weltweit gibt es mehr als ein Dutzend Kranicharten. In Mittel- und Nordeuropa ist der Graue oder Eurasische Kranich heimisch. Die Zahl der Kranichpaare, die in Deutschland brüten, ist von einigen Hundert unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg inzwischen auf einige Tausend gestiegen. Experten führen dies unter anderem auf die Renaturierung von Feuchtgebieten zurück. Kraniche, die sich unter anderem von Insekten, Würmern und Reptilien ernähren, brüten am liebsten auf nassen Flächen. Zum Überwintern fliegen viele Kraniche nach Südspanien und Nordafrika.

Während der Graue Kranich eine Höhe von etwa 120 Zentimetern erreicht, bringt es der nordamerikanische Schreikranich auf mehr als 150 Zentimeter. Diese Art war in den Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts infolge der Umwandlung von Feuchtgebieten in Agrarland fast ausgestorben. Intensive Aufzucht- und Auswilderungsprogramme haben dazu geführt, dass es inzwischen wieder mehr wild lebende Vögel dieser Art gibt. Wie das Biodiversität und Klima Forschungszentrum erklärt, sammeln sich im Sommer ungefähr 250 wilde Schreikraniche in Kanada. Zum Überwintern flögen die Vögel nach Texas. Eine weitere Population werde seit einigen Jahren im Osten der USA aufgebaut.

Wenn die Jungvögel zum ersten Mal vom Sommer- ins Winterquartier fliegen, werden sie von Menschen in Ultraleichtflugzeugen geführt. Später fliegen die Vögel selbstständig und schließen sich dazu meist älteren Schreikranichen an. Mithilfe von Peilsendern und Beobachtungen vom Boden aus haben Wissenschaftler die Flüge dokumentiert und dabei auch eine Antwort auf die Frage gefunden, ob die Fähigkeit, möglichst den direkten Weg zu wählen, angeboren oder erlernt ist. Wie eine Forschergruppe um den Biologen Thomas Müller im Fachmagazin „Science“ berichtet, lernen die Jungvögel von älteren Tieren. Jungvögel, die in Gruppen mit älteren Artgenossen flogen, wichen im Durchschnitt nur 63,9 Kilometer vom direkten Weg ab, ohne Altvögel fliegende Jungkraniche dagegen im Durchschnitt 97,1 Kilometer. Je älter der älteste Vogel einer Gruppe war, desto näher blieben die Tiere am direkten Weg.

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