Wie Kreativität entsteht

„Ich fürchte, unsere allzu sorgfältige Erziehung liefert uns nur Zwergobst.“ Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), Mathematiker und Schriftsteller K reativität bedeutet laut Duden schöpferische Kraft. Über diese verfügen zum Beispiel Menschen, die es verstehen, gekonnt mit Wörtern und Sätzen zu spielen.
08.03.2016, 00:00
Lesedauer: 8 Min
Zur Merkliste
Wie Kreativität entsteht
Von Jürgen Wendler
Wie Kreativität entsteht

Ob es Äste sind, Blätter oder was auch immer: Wenn Kinder im Freien herumlaufen, etwa auf einer Wiese oder in einem Wald, finden sie vieles, das sich spielerisch kombinieren lässt. Das Spiel fördert zugleich ihre Kreativität.

Ulrich_Perrey und dpa - picture alliance, picture-alliance / dpa

K reativität bedeutet laut Duden schöpferische Kraft. Über diese verfügen zum Beispiel Menschen, die es verstehen, gekonnt mit Wörtern und Sätzen zu spielen. Kreativ sind aber auch all jene, die bei der Lösung von Problemen neue Wege einschlagen oder neue Produkte entwickeln. Weil Gesellschaften wie die deutsche in hohem Maße vom wirtschaftlichen Erfolg abhängig sind, wird Kreativität in ihnen große Bedeutung beigemessen. Besonders deutlich wurde dies zum Beispiel im Jahr 2009, das von der Europäischen Union zum Jahr der Kreativität und Innovation erklärt worden war. Wer Kreativität allerdings nur deshalb eine Bedeutung beimessen wollte, weil sie dem wirtschaftlichen Wachstum zugutekommt, hätte wenig begriffen. Kreativität ist bei der Beantwortung gesellschaftlicher Fragen ebenso wichtig wie beispielsweise in der Kunst oder Grundlagenforschung. Was aber fördert Kreativität? Manche Wissenschaftler nehmen an, dass völlig Neues sogar im Schlaf entstehen kann. Eine aktuelle Studie weckt allerdings Zweifel an dieser Sichtweise.

Eine Forschergruppe um Denise Cai von der University of California in San Diego hat vor einigen Jahren von Hinweisen berichtet, dass der REM-Schlaf bei der Entwicklung kreativer Ideen eine besondere Rolle spiele. REM steht für „rapid eye movement“, bezeichnet also eine Schlafphase, die durch schnelle Augenbewegungen gekennzeichnet ist. Die Psychologen hatten zahlreiche Testpersonen mit Aufgaben konfrontiert, bei denen es unter anderem um die logische Fortsetzung von Wortreihen ging. Die Testpersonen sollten die Antworten erst nach einer längeren Ruhephase geben. Dabei stellte sich heraus, dass jene, die während dieser Phase in den REM-Schlaf gefallen waren, bei der Beantwortung der Fragen deutlich mehr Erfolg hatten. Die Forscher zogen aus ihren Ergebnissen den Schluss, dass der REM-Schlaf wichtig sei, um neue Informationen mit bereits vorhandenen Gedächtnisinhalten zu verbinden und dabei neue gedankliche Netze zu knüpfen.

Auch wenn die Bedeutung des Schlafs noch nicht bis ins Letzte geklärt ist, gilt als sicher, dass er eine Reihe von Aufgaben erfüllt. Wer ständig schlecht oder zu wenig schläft, bekommt Schwierigkeiten, aufmerksam zu sein und sich zu konzentrieren. Außerdem haben Forscher herausgefunden, dass Schlaf die Wundheilung fördert und das Immunsystem stärkt. Der Hinweis, dass Menschen im Schlaf lernten, lässt sich nach Angaben von Wissenschaftlern durchaus wörtlich nehmen. Schlaf hilft, Erlerntes im Langzeitgedächtnis zu speichern. Aber fördert er tatsächlich auch die Kreativität?

Eine Gruppe um Professor Christoph Nissen vom Universitätsklinikum Freiburg hat kürzlich im Fachjournal „Sleep“ Studienergebnisse veröffentlicht, die zwar den positiven Einfluss des Schlafs auf das Gedächtnis bestätigen, aber keine Anzeichen für eine größere Kreativität liefern. Die Grundlage für die Untersuchung bildete die Annahme, dass sich Kreativität in der Fähigkeit zeigt, Verknüpfungen herzustellen. Diese lässt sich mit sogenannten Assoziationstests untersuchen. Ein Beispiel: Studienteilnehmer erhalten die Aufgabe, die drei Begriffe Flocke, Eule und Besen sinnvoll mit einem Wort zu ergänzen. Das Lösungswort lautet Schnee.

Die Freiburger Forscher stellten den 60 Teilnehmern ihrer Studie eine Vielzahl solcher Aufgaben. Sofort nach der Antwort erfuhren sie, ob ihre Lösung richtig war. Dies gab ihnen die Möglichkeit, die richtige Antwort zu speichern und zu verarbeiten. Eine Teilnehmergruppe machte den Test abends und schlief danach im Schlaflabor. Eine andere bekam die Aufgaben ebenfalls abends gestellt, durfte aber danach nicht schlafen. Eine dritte wurde morgens getestet. Bei allen drei Gruppen wurde der Test nach acht Stunden wiederholt. Die Gedächtnisleistung bewerteten die Forscher, indem sie feststellten, wie viele Antworten beim zweiten Durchgang erneut richtig waren und wie schnell diese Antworten gegeben wurden. Wie oft und wie rasch die Fragen beim zweiten Durchgang erstmals richtig beantwortet wurden, diente den Wissenschaftlern als Maß für kreatives Denken.

Die Studienteilnehmer, die nachts geschlafen hatten, erinnerten sich beim zweiten Durchgang am besten an die abends gegebenen richtigen Antworten. Wie aber auch deutlich wurde, hatte der Schlaf nicht dazu geführt, dass sie besser korrekte Antworten finden konnten. Diejenigen, die nachts aktiv geblieben waren, zeigten sich ihnen in dieser Hinsicht sogar etwas überlegen. Nissen zieht folgendes Fazit: „Aus evolutionärer Sicht dürfte entscheidend sein, dass Erinnerungen im Schlaf gefestigt werden, und weniger, dass unterschiedliche Inhalte neu vernetzt werden.“

Eine genaue Vorstellung davon, was kreative Menschen auszeichnet, hat schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts der US-Psychologe Joy Paul Guilford entwickelt. Danach gehören zur Kreativität unter anderem das rasche Erkennen von Problemen, die Fähigkeit, in kurzer Zeit viele unterschiedliche Ideen zu deren Lösung hervorzubringen, das Verlassen gewohnter Denkwege und die Entwicklung neuer Sichtweisen. Nur so ist es demnach am Ende möglich, völlig neue Wege zur Lösung von Problemen zu finden.

Der deutsche Psychologe Ernst Pöppel, der viele Jahre als Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität tätig war, hat wiederholt Beiträge zum Thema Kreativität veröffentlicht und darin unter anderem darauf hingewiesen, dass das Ziel kreativer Prozesse neues Wissen sei. „Kreativität ist eine persönliche Angelegenheit; das einmalig Neue kann immer nur einem Gehirn entspringen“, betonte er außerdem. Auch wenn mehrere Menschen zusammensäßen und sich um eine Lösung für ein Problem bemühten, komme es auf den Einfall eines Einzelnen an. Wenn andere einen Gedanken aufnähmen, könne daraus eine Innovation werden. Eine Innovation sei also letztlich ein soziales Geschehen und nicht mit Kreativität zu verwechseln.

Kreativität hängt laut Pöppel auch davon ab, in welchem Umfeld sich ein Mensch befindet. Um ihre Möglichkeiten entfalten zu können, bräuchten Menschen Sicherheit, und diese sei nur gegeben, wenn sie sich heimisch fühlten, schrieb der Wissenschaftler vor einigen Jahren. Mit Blick auf die Arbeitswelt plädierte er deshalb für Büros, die als persönlicher Raum empfunden werden und individuell gestaltet werden können – etwa durch das Aufhängen von Bildern. Wichtig sei auch die Möglichkeit, aus dem Raum hinauszuschauen. Der Blick aus dem Fenster sei nicht nur dazu da, den Geist in die Ferne schweifen zu lassen, sondern auch dazu, ihn im eigenen Raum zu verankern. Wenn Menschen hingegen laufend neue Arbeitsplätze zugewiesen würden, stehe dahinter ein Menschenbild, bei dem der Einzelne als beliebig instrumentalisierbar angesehen werde. Menschen zu instrumentalisieren heiße aber auch, auf ihre kreativen Ressourcen zu verzichten.

Um sich zu entwickeln, müssen Kinder viele neue Herausforderungen bewältigen. Dabei hilft ihnen das Ausprobieren. Dass Kreativität in ihrem Leben eine große Rolle spielt, liegt auf der Hand. „Kinder haben eine angeborene Freude am Spiel und sind von Natur aus neugierig, spontan und experimentierfreudig. Deshalb möchten sie beim Spielen möglichst wenig von Erwachsenen vorgegeben, strukturiert oder organisiert bekommen“, erklärt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Wenn Kinder sich im Spiel frei entfalten können, bestimmen sie selbst, was ihre Neugierde befriedigt und ihnen als Anregung dienen kann. Ob sie vor dem Spiegel Grimassen schneiden, mit der Gabel Muster in den Kartoffelbrei ziehen, einen Stein werfen, eine Höhle bauen oder auf einen Baum klettern: Sie lernen spielerisch, wie Dinge funktionieren und wozu sie zu gebrauchen sind. Dieses Lernen ist sehr viel mehr als die bloße Ansammlung von Wissen. Wenn Kinder spielen, erwerben sie zum Beispiel die Fähigkeit, ihre Hände und Finger geschickt einzusetzen. Wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erläutert, fördert das Spielen außerdem ihr Selbstvertrauen, ihre Denkfähigkeit, ihre Kreativität, ihr Einfühlungsvermögen sowie ihre Fähigkeit, Regeln einzuhalten und Misserfolge zu verkraften. Dies alles sei langfristig von großem Nutzen. Wenn Kinder ausgiebig spielen dürften, erhöhe dies die Wahrscheinlichkeit, dass sie später stabil und erfolgreich seien.

Um das Herstellen von Verknüpfungen geht es nicht nur bei Assoziationstests, wie sie von den Freiburger Wissenschaftlern gemacht wurden, sondern auch beim spielerischen Lernen. Schon während ihres ersten Lebensjahres fangen Kinder an zu kombinieren. Genau dies geschieht zum Beispiel, wenn sie einen Gegenstand in eine Öffnung stecken. Wissenschaftler sehen im spielerischen Kombinieren von Gegenständen eine Vorstufe komplexer Verhaltensweisen, etwa des Gebrauchs von Werkzeugen. Beispiele für spielerisches Kombinieren fanden sie auch im Tierreich, unter anderem bei bestimmten Vogelarten.

Mit Blick auf das Ziel, die Kreativität von Menschen zu fördern, lässt sich aus solchen Beobachtungen ein einfacher Schluss ziehen: Den Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern sollte besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Dabei geht es nicht zuletzt um die uralte Frage nach der richtigen Erziehung. Wie sehr diese schon die Gelehrten früherer Jahrhunderte beschäftigt hat, zeigt die folgende Bemerkung des Mathematikers und Schriftstellers Georg Christoph Lichtenberg (1742 bis 1799): „Ich fürchte, unsere allzu sorgfältige Erziehung liefert uns nur Zwergobst.“ Der Wissenschaftler, der als Professor an der Universität Göttingen tätig war, war nicht der Erste, der sich kritisch mit der Frage befasst hat, wie Ältere am besten mit dem Nachwuchs umgehen sollten. Schon bei den antiken Philosophen finden sich entsprechende Überlegungen. Gestritten wird von jeher darüber, ob Kinder eher streng erzogen werden oder möglichst große Freiräume erhalten sollten. In diesem Zusammenhang ist heute auch von antiautoritären, autoritären oder auch autoritativen Erziehungsstilen die Rede.

Autoritär erziehende Eltern erwarten, dass ihr Nachwuchs Regeln befolgt. Diskussionen über Entscheidungen lehnen sie gewöhnlich ab. Die Kinder sollen nicht überzeugt werden, sondern gehorsam sein. Sind sie es nicht, werden sie bestraft. Zu den Nachteilen dieses Erziehungsstils gehört Expertenangaben zufolge, dass den Kindern zu wenig Raum für Kreativität und Spontaneität bleibt. Oft führt diese Art der Erziehung zu einem schwach ausgeprägten Selbstwertgefühl. Von einer autoritativen Erziehung sprechen Fachleute, wenn zwar Regeln vorgegeben und Kontrolle ausgeübt, aber auch die Interessen des Kindes berücksichtigt werden. Anders ausgedrückt: Die Eltern gehen zwar liebevoll mit ihrem Nachwuchs um, treten aber zugleich als Autorität auf, die Grenzen setzt.

Zu denen, die sich in den vergangenen Jahren ausdrücklich für den autoritativen Erziehungsstil ausgesprochen haben, gehört eine Forschergruppe um Carolin Donath vom Universitätsklinikum Erlangen. Ungewöhnlich war ihre Begründung. In einer im Fachjournal „BMC Pediatrics“ veröffentlichten Studie machten die Wissenschaftler deutlich, dass Kinder, die von ihren Eltern sehr liebevoll, aber auch mit starker Kontrolle und Regeln erzogen würden, später als Jugendliche ein erheblich geringeres Risiko hätten, sich selbst umzubringen. Der autoritative Erziehungsstil habe „eine schützende Wirkung“. Ein erhöhtes Suizidrisiko verzeichneten die Forscher, die Daten zu mehr als 44 000 Jugendlichen ausgewertet hatten, dann, wenn die Jugendlichen im Kindesalter von ihren Eltern vernachlässigt worden waren. Wie Carolin Donath erklärte, schaffen elterliche Zuneigung und Kontrolle gute Voraussetzungen für psychische Gesundheit.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+