Wie Lesen das Hirn prägt

Der berühmte Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick (1921 bis 2007) hat darauf hingewiesen, dass es unmöglich sei, nicht zu kommunizieren. Dabei bezog er sich auf Menschen, die im Miteinander mit anderen ständig etwas mitteilen – sei es über Sprache, ihre Kleidung, ihre Gesten oder ihre Mimik.
06.06.2017, 00:00
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Wie Lesen das Hirn prägt
Von Jürgen Wendler
Wie Lesen das Hirn prägt

Die Schrift ist eine vergleichsweise junge kulturelle Errungenschaft. Für das menschliche Gehirn bedeutet das Lesen deshalb eine große Herausforderung.

Jens Kalaene, dpa

Der berühmte Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick (1921 bis 2007) hat darauf hingewiesen, dass es unmöglich sei, nicht zu kommunizieren. Dabei bezog er sich auf Menschen, die im Miteinander mit anderen ständig etwas mitteilen – sei es über Sprache, ihre Kleidung, ihre Gesten oder ihre Mimik. Genau genommen gilt die Aussage aber auch für alle anderen Lebewesen. Ohne Übertragung von Botschaften zwischen Zellen hätten sich niemals komplexe Organismen entwickeln können. Der Austausch von Informationen gehört zu den wichtigsten Lebensvorgängen. Dass für die Kommunikation von Menschen die Schrift eine entscheidende Rolle spielt, steht außer Frage. Für jemanden, der nicht lesen kann, ist es wesentlich schwerer als für andere, Wissen zu erwerben. Nimmt man die gesamte Menschheitsgeschichte zum Maßstab, so ist die Schrift eine junge Errungenschaft. Die Notwendigkeit, lesen zu lernen, gibt es dementsprechend erst seit wenigen Jahrtausenden. Nach Angaben von Forschern erklärt dies auch die besonderen Vorgänge, die beim Lesenlernen im menschlichen Gehirn ablaufen.

Als Vorläufer der Schrift gelten die steinzeitlichen Höhlenmalereien. Sie waren zwar nicht an den sprachlichen Ausdruck gebunden, hielten aber ähnlich wie geschriebene Wörter Informationen fest, die sowohl dem, der sie schuf, als auch anderen Menschen etwas sagten. Die frühen Bilderschriften vermittelten Botschaften, indem sie in stilisierter Form unter anderem Tiere, Pflanzen, Behausungen und Tätigkeiten zeigten. Zu diesen Bilderschriften gehört die der Sumerer, die bereits für das vierte vorchristliche Jahrtausend belegt ist.

Der Nachteil solcher Schriften besteht darin, dass die Vielzahl möglicher Botschaften nur mit einer entsprechend großen Zahl von Bildern vermittelt werden kann. Deshalb bedeutete es einen erheblichen Fortschritt, dass sich aus den stilisierten Zeichen für Wörter im Laufe der Zeit Silben- und Lautzeichen, die Vorläufer der heutigen Buchstaben, entwickelten. So entstand etwa in Mesopotamien aus der Bilder- die Keilschrift, und die Ägypter entwickelten abgekürzte Formen der Hieroglyphenschrift. Die griechische Schrift ist nach Ansicht vieler Experten über Zwischenschritte aus ägyptischen Schriften entstanden.

Von den heute gebräuchlichen Schriften ist die lateinische, die auch deutsche Kinder in der Schule lernen, die am weitesten verbreitete. Sie geht auf griechische Vorbilder zurück und ist im antiken Rom entstanden. Ursprünglich kannte sie nur Großbuchstaben. Außerdem hatte das lateinische Alphabet anfangs nicht 26, wie heute, sondern lediglich 21 Zeichen. So gab es zunächst zum Beispiel kein J.

Was im Gehirn geschieht, wenn Menschen lesen lernen, haben Forscher der in Leipzig und im niederländischen Nijmegen angesiedelten Max-Planck-Institute für Kognitions- und Neurowissenschaften sowie Psycholinguistik gemeinsam mit indischen Kollegen untersucht. Weil das Lesen eine relativ junge kulturelle Errungenschaft ist, gibt es im Gehirn nach ihren Angaben keinen eigenen Bereich dafür. Während des Lesens würden Hirnregionen umfunktioniert, die zuvor für andere Fähigkeiten genutzt worden seien. Dabei verändere sich das Gehirn grundlegend; selbst entwicklungsgeschichtlich sehr alte Strukturen passten sich an die neuen Herausforderungen an.

Für ihre Studie hatte die internationale Forschergruppe indische Frauen im Alter zwischen 24 und 40 Jahren ausgewählt. Indien ist ein Land mit einer sehr hohen Analphabetenrate von rund 39 Prozent; betroffen sind vor allem Frauen. Zu Beginn konnte ein Großteil der Studienteilnehmerinnen kein einziges Wort aus ihrer Sprache, dem Hindi, entziffern. Innerhalb eines halben Jahres machten die Frauen jedoch große Fortschritte. Beim Lesenlernen stelle das erwachsene Gehirn seine Formbarkeit eindrucksvoll unter Beweis, erklärt der Leiter der Studie, Falk Huettig vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik.

Im Zuge des Lesenlernens werden nach Darstellung der Wissenschaftler Hirnbereiche, die fürs Erkennen von komplexen Objekten wie Gesichtern zuständig sind, in Anspruch genommen, um Buchstaben in Sprache zu übertragen. Dadurch entwickelten sich einige Gebiete des visuellen Systems zu Schnittstellen zwischen dem Seh- und Sprachsystem. Laut Huettig sind Fachleute bislang davon ausgegangen, dass sich die Veränderungen lediglich auf die äußere Großhirnrinde beschränken. Tatsächlich aber werden der neuen, im Fachjournal „Science Advances“ veröffentlichten Studie zufolge Umstrukturierungen in Gang gesetzt, die bis in den Thalamus, das heißt ins Zwischenhirn, und den Hirnstamm hineinreichen. Thalamus- und Hirnstammkerne scheinen der Sehrinde zu helfen, wichtige Informationen aus der Flut visueller Reize herauszufiltern.

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