Hannover Wie Rauchen das Erbgut verändert

Dass Rauchen Krebs verursachen kann, ist seit Langem bekannt. Forscher versuchen herauszufinden, welche Veränderungen im Erbgut von Zellen – der DNA (Desoxyribonukleinsäure) – den Erkrankungen zugrunde liegen.
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Von Michel Winde

Dass Rauchen Krebs verursachen kann, ist seit Langem bekannt. Forscher versuchen herauszufinden, welche Veränderungen im Erbgut von Zellen – der DNA (Desoxyribonukleinsäure) – den Erkrankungen zugrunde liegen. Aus einer in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals „Science“ veröffentlichten Arbeit von Wissenschaftlern aus den USA und England geht hervor, dass die Zahl der Mutationen in der DNA von der Zahl der gerauchten Zigaretten und vom Organ abhängt. Wer eine Schachtel pro Tag konsumiere, könne im Schnitt mit rund 150 Mutationen pro Jahr in jeder Lungenzelle rechnen, heißt es.

Veränderungen des Erbguts infolge des Rauchens gibt es nicht nur in der Lunge, sondern auch in anderen Organen. So treten im Kehlkopf der neuen Studie zufolge bei einer Schachtel Zigaretten pro Tag im Jahr im Schnitt zusätzlich 97 Mutationen pro Zelle auf. In der Rachenhöhle seien es 39, im Mund 23. Auch Organe wie die Harnblase (18 Mutationen) und die Leber (sechs Mutationen), die nicht direkt mit dem Tabakrauch in Berührung kämen, seien betroffen. Die Heidelberger Krebsexpertin Martina Pötschke-Langer hält die Studie vor allem in ihrem Umfang für bedeutsam. „Diese Studie wird sicherlich für große Aufmerksamkeit sorgen“, sagt die ehemalige Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention des Deutschen Krebsforschungszentrums.

Die an der Arbeit beteiligten Wissenschaftler untersuchten mehr als 5000 Krebsgeschwülste und verglichen Tumoren von Rauchern mit Tumoren von Menschen, die noch nie geraucht hatten. Dabei fanden sie im Erbgut von Rauchertumoren bestimmte molekulare Fingerabdrücke. Fünf Mutationsmuster brachten sie mit Krebs von Rauchern in Verbindung. Eine Variante, „Signatur 4“, tauchte hauptsächlich in jenen Organen auf, die unmittelbar mit dem Tabakrauch in Kontakt kommen. Andere führten die Forscher auf die Aktivität eines bestimmten Enzyms zurück, von dem bekannt ist, dass es Mutationen auslöst. Die Variante „Signatur 5“, deren Ursprung unklar ist, wurde bei allen durch Rauchen verursachten Krebstypen entdeckt.

Tabakrauch enthält der Studie zufolge mehr als 7000 Chemikalien, von denen über 70 krebserregend sind. In Deutschland rauchen nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums 28 Prozent der Erwachsenen. An den Folgen des Tabakkonsums stürben hierzulande pro Jahr rund 120 000 Menschen. Die Quote der Raucher ist laut Bundesgesundheitsministerium seit den 1980er-Jahren insgesamt leicht rückläufig. Bei Jugendlichen gebe es einen stärkeren Rückgang. Der Anteil der Raucher unter den 12- bis 17-Jährigen ist den Angaben zufolge seit 2001 von 27,5 Prozent auf 7,8 Prozent zurückgegangen.

Schon länger ist bekannt, dass das Risiko für die meisten Krebsarten bei Menschen, die mit dem Rauchen aufgehört haben, schon nach einigen Jahren deutlich sinkt. Bereits nach einem Jahrzehnt hat sich das Lungenkrebsrisiko nach Darstellung des Deutschen Krebsforschungszentrums halbiert. Bis das Niveau eines Nichtrauchers erreicht sei, dauere es allerdings 20 bis 30 Jahre. Die genauen Ursachen des Krebsrisikos bei Rauchern sind auch nach Veröffentlichung der neuen Studie keineswegs vollständig entschlüsselt. Vor allem bei den Organen, die nicht mit dem Rauch in Berührung kommen, bestehen Unklarheiten. „Unsere Forschung macht deutlich, dass der Weg, auf dem Rauchen Krebs verursacht, noch komplexer ist als gedacht“, erklärt Mike Stratton vom Wellcome Trust Sanger Institute.

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