Der Bremer Sozialmediziner Norbert Schmacke hat sich homöopathische Heilmethoden genauer angesehen

„Wirkung von Globuli nicht bewiesen“

Herr Schmacke, mit dem Buch „Der Glaube an die Globuli – die Verheißungen der Homöopathie“, das Sie gerade herausgegeben haben, werden Sie sich nicht nur Freunde machen.Norbert Schmacke: Nein, wahrscheinlich nicht. Aber ich bin 67 Jahre alt und nicht so leicht zu erschüttern.
09.11.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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„Wirkung von Globuli nicht bewiesen“

Laut dem Mediziner Norbert Schmacke gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, dass homöopathische Präparate wie Globuli irgendetwas enthalten, das eine spezifische Wirkung hat.

Frank Rumpenhorst, dpa

Herr Schmacke, mit dem Buch „Der Glaube an die Globuli – die Verheißungen der Homöopathie“, das Sie gerade herausgegeben haben, werden Sie sich nicht nur Freunde machen.

Norbert Schmacke: Nein, wahrscheinlich nicht. Aber ich bin 67 Jahre alt und nicht so leicht zu erschüttern. Und ich habe natürlich gewusst, dass es bei diesem Thema Ärger geben kann.

Die Homöopathie- und Esoterikgemeinschaft wird jedenfalls nicht gerne lesen, dass es der alternativen Medizin an Grundlagen fehlt, die ihren Nutzen nachweisen.

So ist es. Man könnte noch sagen: Bei Husten, Schnupfen und Heiserkeit ist es kein Problem, wenn man Globuli verschrieben bekommt, die nicht besser wirken als wenn man abwartete. Aber bei anderen Krankheiten sieht es anders aus.

Was hat Sie veranlasst, homöopathische und anthropologische Heilmethoden unter die Lupe zu nehmen?

Ich habe mich schon vor einigen Jahren gefragt, warum Kranke Homöopathen aufsuchen. Es handelt sich durchaus um ein ernst zu nehmendes Phänomen. Dann sind alternative Heilverfahren zu einem Wettbewerbsinstrument bei den Krankenkassen geworden. Schließlich bin ich auf Homöopathen gestoßen, die versprechen, Krebs oder andere lebensbedrohliche Krankheiten zu heilen. Das war Auslöser für das Buch. Denn das kann man so nicht stehen lassen.

Es gibt seit geraumer Zeit einen Konflikt zwischen Befürwortern der sogenannten Schulmedizin und alternativer Heilmethoden. Für Homöopathen, schreiben Sie auch selbst, gilt Schulmedizin als aggressiv oder reaktionär, für Schulmediziner ist Homöopathie mehr oder weniger Hokuspokus. Und Sie sind Schulmediziner . . .

Das ist richtig. Allerdings bin ich in der Vergangenheit nicht dadurch aufgefallen, dass ich mich beispielsweise bei der Pharmaindustrie beliebt gemacht habe, eher im Gegenteil. Aber wenn Homöopathen behaupten, dass die sogenannte Schulmedizin bei Krebs nicht helfen kann, ist das einfach falsch. Es gibt nicht bei allen, aber bei vielen Krebsarten enorme Fortschritte.

Anders als bei homöopathischen Behandlungsmethoden – Sie sind da teilweise auf schockierende Ergebnisse gestoßen.

Das kann man nicht anders sagen, und es betrifft vor allem die Versprechen gegenüber Schwer- oder Todkranken, die sich an jeden Strohhalm klammern. Es gibt einen Homöopathen namens Jens Wurster, der als Oberarzt in einer Schweizer Klinik praktiziert und angibt, belegen zu können, dass er Krebs heilt. Ich habe mir seine Belege angesehen und die Menschen befragt, auf die er sich beruft. Nicht einer von ihnen hat bestätigt, was Wurster veröffentlich hat. Eine solche Falschaussage habe ich nicht für möglich gehalten.

Was treibt diese Branche an – Geld oder eine Art von Ideologie?

Das ist schwer zu sagen. Man kann natürlich nicht alle Homöopathen über einen Kamm scheren, wie man das bei Medizinern nicht kann. Es gibt unter Homöopathen sicher viele, die von ihrer Philosophie und nicht von Geldgier beseelt sind, aber es gibt sicher auch Beutelschneider. Und vor allem gibt es Opportunisten, die sich sozusagen an einen Trend hängen, um möglichst viel Geld zu verdienen, indem sie den Kunden geben, was die Kunden haben wollen.

Und nichts von dem, was diese Menschen verschreiben, tun oder empfehlen, hilft den Patienten?

Es gibt keine einzige ordentliche Studie, die belegt, dass Globuli eine eigene Wir

kung haben oder dass Misteltherapien gegen Krebs helfen, wie es behauptet wird.

Bekanntlich kann auch der Glaube Berge versetzen . . .

Sicher, es gibt sogenannte Placebo-Effekte bei jeder Behandlung, aber Homöopathie bleibt dabei stehen. Und die Vergabe von Placebos mit dem Versprechen, dass sie heilen, ist unethisch. Von der Arzneimittelindustrie wird gefordert, dass der Nutzen ihrer Medikamente schwarz auf weiß nachgewiesen wird. Und hier wird dieser Grundsatz vollkommen aufgegeben. Das leuchtet mir überhaupt nicht ein. Ich verstehe weder, warum die Gesundheitspolitik das erlaubt noch warum Krankenkassen solche Therapien finanzieren, noch warum die Bundesärztekammer nichts dagegen unternimm

t.

Allerdings, muss man sagen, gibt es auch alternative Heilmethoden, die lange belächelt wurden, aber inzwischen anerkannt sind. Beispielsweise Akupunktur.

Das stimmt zum Teil. Aber die Akzeptanz der Akupunktur hängt auch mit großen klinischen Studien zusammen. Die Wirkung von Akupunktur bei chronischen Rücken- und Kniegelenksbeschwerden ist danach zumindest für sechs Monate besser als die Behandlung mit Arzneimitteln. Es kommt also nicht auf irgendwelche Etiketten an und nicht darauf, zwischen natürlich und chemisch oder alternativ und herkömmlich zu unterscheiden. Ich bin für jede neue Heilmethode offen, allerdings muss ihr Nutzen ordentlich nachgewiesen und nicht nur behauptet werden.

Sie schreiben aber auch selbst, dass manche klinische Studien unter Medizinern umstritten sind.

Es gibt viele Fragen, die man zu einer Studie stellen kann und muss, es gibt Interpretationsspielräume, und die pharmazeutische Industrie arbeitet mit allen Tricks.

Selbst wenn das so ist, sind ordentliche Studien der einzige Weg, um – im Interesse der Kranken – Wirkung und Heilungschancen belegen zu können. Als ich als Mediziner vor Jahren im Roten-Kreuz-Krankenhaus angefangen habe, haben wir abgeguckt, wie die Oberärzte es machen. Zweifel daran gab es nicht. Glücklicherweise haben wir seitdem große Fortschritte gemacht, was die Transparenz und Nachprüfbarkeit der Qualität der Medizin betrifft.

Und Sie sind der Meinung, dass der Erfolg von Homöopathen auch etwas mit negativen Erfahrungen zu tun hat, die Patienten bei Medizinern machen . . .

Sicher haben auch Skandale der Vergangenheit, ob bei Pharmaunternehmen oder in der Ärzteschaft, ihren Anteil am Erfolg von alternativen Heilmethoden, weil Misstrauen gesät und geschürt wurde. Vor allem aber zeigt die große Nachfrage, dass Patienten bei Homöopathen etwas bekommen können, was sie bei vielen Medizinern nicht kriegen. Dazu zählen Zeit, Aufmerksamkeit und Verständnis.

Was raten Sie also Patienten?

Sie sollten jemanden finden, dem sie vertrauen, und zwar begründet vertrauen können. Dazu gehört aber auch, dass sie Antworten bekommen, wenn sie fragen, wo man das, was ihnen erzählt wird, in gescheiten Quellen nachlesen kann und ob die Wirkung von Methoden oder Arzneimitteln profund belegt ist.

Und man kann so viele Globuli schlucken, wie man will, darf aber nicht allzu viel davon erwarten.

Die Kügelchen selber können kaum schaden, aber es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass sie irgendetwas enthalten, das eine spezifische Wirkung hat. Gefährlich wird es, wenn Kranke allein auf Kügelchen vertrauen und wirksame Medizin verschmähen. Es geht nicht darum, etwas dogmatisch zu verteufeln, aber es geht um Wahrheit und Transparenz.

Das Gespräch führte Silke Hellwig

.

Zur Person

Norbert Schmacke ist Sozialmediziner und Professor des Fachbereichs Human- und Gesundheitswissenschaften an der Uni Bremen. Er hat in Marburg und London studiert und unter anderem beim AOK-Bundesverband und im Hauptgesundheitsamt Bremen gearbeitet.

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