Bremen

Wo sind die Vögel?

Für viele Menschen in Deutschland ist es eine Selbstverständlichkeit, Vögeln in der kalten Jahreszeit Futter anzubieten. Zu den Arten, die besonders häufig an Futterstellen in Gärten und anderswo anzutreffen sind, gehören zum Beispiel Blau-, Kohl- und Schwanzmeisen, Haussperlinge (Spatzen), Amseln und Rotkehlchen.
16.12.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Wo sind die Vögel?
Von Jürgen Wendler

Für viele Menschen in Deutschland ist es eine Selbstverständlichkeit, Vögeln in der kalten Jahreszeit Futter anzubieten. Zu den Arten, die besonders häufig an Futterstellen in Gärten und anderswo anzutreffen sind, gehören zum Beispiel Blau-, Kohl- und Schwanzmeisen, Haussperlinge (Spatzen), Amseln und Rotkehlchen. Zurzeit scheinen sich diese und andere Vögel jedoch deutschlandweit rar zu machen, wie Naturschützer unter Hinweis auf viele Anrufe besorgter Vogelfreunde berichten. Welche Erklärungen gibt es für das Fernbleiben der Tiere?

Antwort: Eine einfache Erklärung könne er zwar nicht geben, wohl aber auf eine Reihe von möglichen Gründen hinweisen, sagt Sönke Hofmann vom Bremer Landesverband des Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Das milde Wetter dieser Tage zähle ebenso dazu wie die Tatsache, dass bei manchen Arten in diesem Jahr weniger Nachwuchs überlebt habe. Dies hänge mit der nasskalten Witterung im Frühjahr zusammen. Nicht zu unterschätzen seien aber auch die Folgen des Einsatzes von Pestiziden in der Landwirtschaft. Viele Vögel füttern ihren Nachwuchs mit Fluginsekten, doch deren Zahl ist zurückgegangen. Infektionskrankheiten misst Hofmann allenfalls eine untergeordnete Rolle bei. In Süddeutschland habe das Usutu-Virus im Spätsommer Amselbestände reduziert, und in Bremen habe es bei Finken einige Todesfälle gegeben, die auf einen bestimmten Krankheitserreger zurückzuführen seien. Die Vogelgrippe scheide bei Gartenvögeln als Ursache weitgehend aus. Der Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes, Leif Miller, äußert sich zu diesem Thema so: „Singvogelarten werden generell nicht von der aktuellen Form der Vogelgrippe befallen, und auch die betroffenen Wildvogelarten, meist Wasservögel oder Aasfresser, sterben lediglich in so geringen Zahlen, dass Auswirkungen auf die Gesamtpopulationen nicht feststellbar wären.“

Wie Hofmann, so bringt auch Miller die geringe Zahl von Vögeln in Gärten mit den vergleichsweise hohen Temperaturen in Verbindung, sprich: Die Tiere finden auch anderswo noch genügend zu fressen. „Wahrscheinlich ist, dass viele Vögel derzeit in den Wäldern aufgrund eines guten Baumsamenjahres und anhaltend milder Witterung noch genug Nahrung finden und deshalb Futterstellen in Gärten weniger nutzen“, erklärt er. Außerdem könne eine Rolle spielen, dass bislang nur wenige Vögel aus dem Norden und Osten Europas gekommen seien. Laut Hofmann sind Wintergäste wie Kohlmeisen aus dem Norden, Gimpel, Zeisige, Buch- und Bergfinken noch nicht eingetroffen. In Bremen seien allerdings ein paar Schwärme bunter Seidenschwänze gesichtet worden.

Haussperlinge, manche Meisenarten wie etwa Blau- und Kohlmeisen, Spechte und Elstern zählen zu den Vogelarten, die nicht zum Überwintern in wärmere Gebiete ziehen, also nicht zu den Zugvögeln gehören. Sie werden als Stand- oder auch Jahresvögel bezeichnet. Bei den sogenannten Strichvögeln handelt es sich um Tiere, bei denen es vorkommt, dass sie im Winter ungünstiger Witterung ausweichen und andere Landstriche aufsuchen, ohne gleich wie Zugvögel in weit entfernte Gebiete zu ziehen. Ein Beispiel liefern Enten, die auf eisfreie Gewässer in anderen Gegenden ausweichen. Bei Buchfinken und Rotkehlchen kann es passieren, dass einige Individuen oder Populationen in wärmere Gefilde ziehen, während andere in ihrem Brutgebiet bleiben. Diese Tiere werden deshalb den Teilziehern zugerechnet.

Bei der Fütterung von Vögeln gilt es zu bedenken, dass unterschiedliche Arten unterschiedliche Nahrung benötigen. Fachleute unterscheiden sogenannte Körner- und Weichfutterfresser. Zu der zuerst genannten Gruppe gehören unter anderem Finken, Sperlinge und Meisen, die Samen zu schätzen wissen. Weichfutterfresser hingegen bevorzugen Früchte und Insekten. Zu dieser Gruppe werden neben Amseln und Drosseln unter anderem auch Rotkehlchen und Zaunkönige gerechnet. Ob Vögel auch im Winter Insekten finden, hängt nicht zuletzt von der Gestaltung der Gärten ab. Naturschützer weisen immer wieder darauf hin, dass es im Interesse der Tierwelt ratsam sei, abgestorbene Halme von Stauden und Gräsern den Winter über stehen zu lassen und erst im Frühjahr abzuschneiden. Oft überwinterten in solchen Halmen Insekten. Vögel könnten diese aufspüren und bekämen so eine eiweißreiche Nahrung.

Wer Weichfutterfressern über den Winter helfen möchte, so Experten, könne ihnen zum Beispiel Rosinen, Obst, Haferflocken und Kleie in Bodennähe anbieten. Meisen wiederum hätten eine besondere Vorliebe für Gemische aus Fett und Samen, wie sie in Meisenknödeln zu finden seien. Absolut tabu seien Küchenabfälle und Speisereste, weil Salz und exotische Gewürze schon in kleinen Mengen zum Tod der Tiere führen könnten.

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