Kurzurlaub in Leer

Teetrinken auf ostfriesisch

Leer bietet eine gemütliche Altstadt, viel Wasser und jede Menge Tee. Was ein Graf mit dem ersten Fahrrad Ostfrieslands zu tun hat und wieso trotz der Beschaulichkeit Krimiführungen gefragt sind. Ein Besuch.
21.11.2020, 05:41
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Teetrinken auf ostfriesisch
Von Olga Gala
Teetrinken auf ostfriesisch

Teetrinken gehört fest zur ostfriesischen Kultur. Seit 2016 ist die ostfriesische Teezeremonie sogar Teil des Unesco-Weltkulturerbes. Auch Leer und Tee sind untrennbar miteinander verbunden.

Olga Gala

Die kleinen Häuser aus Backstein leuchten in der Herbstsonne. Dicht an dicht gedrängt stehen sie in der Altstadt Leers. Neubauten finden sich in den Gassen nur wenige. In den 1970er-Jahren gab es Bestrebungen, die Stadt stark umzugestalten. Eine breitspurige Westtangente sollte das Umland anbinden, viele der historischen Häuser abgerissen werden. Die Leeraner wehrten sich, eine Bürgerinitiative verhinderte schließlich den Abriss. Es folgten Sanierungen, die Altstadt blühte auf. „Heute kriegen Sie kaum eine Wohnung hier“, sagt Stadtführer Günter Podlich beim Treffpunkt am Rathaus der Kreisstadt.

Normalerweise würden sich an diesem Wochenende im Oktober rund um das Rathaus Tausende Besucher tummeln – der Gallimarkt ist das größte Volksfest in Ostfriesland und findet bereits seit mehr als 500 Jahren statt. Wegen der Corona-Pandemie musste der Rummel jedoch ausfallen.

Bei schönem Wetter lässt es sich gut vor der Alten Waage entspannen.

Bei schönem Wetter lässt es sich gut vor der Alten Waage entspannen.

Foto: Olga Gala

Vom Rathaus geht es an der Alten Waage von 1714 in Richtung Leda. In dem historischen Gebäude ist das Restaurant Zur Waage und Börse untergebracht. Wenn es warm genug ist, bietet sich von dem Außenbereich aus ein toller Blick auf den Museumshafen. Ganz seicht schunkeln die Boote im Wasser. Der Verein Schipper Klottje Leer kümmert sich ehrenamtlich um die alten Schiffe. „Moin“, grüßt ein älterer Herr im Vorbeigehen, bemerkt das Interesse am Hafen und beginnt zu erzählen. „Die Seefahrt lässt einen nie ganz los.“ Kapitän im Ruhestand sei er und eben auch Vereinsmitglied der Schipper Klottje. Besucher fühlen sich in Leer willkommen und schnell auch ein bisschen heimisch. Der ältere Herr ist keine Ausnahme – gegrüßt wird an jeder Ecke. „In Ostfriesland ist es üblich. Diese freundliche Grundeinstellung finde ich sehr schön“, sagt Podlich. Nur zu ausschweifend darf die Begrüßung nicht werden. „Moin Moin ist für uns schon Gesabbel.“

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Foto: WK

Direkt am Museumshafen werde übrigens die „Friesland“-Krimireihe gedreht, erzählt Podlich. Das Interesse an den Filmen sei groß, deshalb bietet er nicht nur klassische Stadtführungen an, sondern auch Rundgänge zu den Drehorten des Krimis. So wie etwa zu dem Schiff „Marianne“ – in der Serie wohnt Kommissar Henk Cassens eine Zeit lang auf dem Hausboot. Zurück in der in der Altstadt steht in der Rathausstraße der Besuch eines weiteren Drehorts an: Die Fassade der Apotheke im Krimi gehört in Wirklichkeit zu Jimmy’s Altstadtcafé. In den Räumen des Cafés war im 19. Jahrhundert eine Schmiede untergebracht. „Hier hatte der Schlossermeister für den Grafen Carl Georg von Wedel das erste Fahrrad Ostfrieslands gefertigt“, sagt Podlich. Das Rad steht heute auf Schloss Evenburg. Die Anlage liegt etwas abseits der Altstadt und ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Mit dem Rad ist man in weniger als einer Viertelstunde dort.

Das Schloss Evenburg lädt zu einer Zeitreise ins 19. Jahrhundert ein.

Das Schloss Evenburg lädt zu einer Zeitreise ins 19. Jahrhundert ein.

Foto: Olga Gala

Im 17. Jahrhundert erbaut, 200 Jahre später erweitert und umgebaut lädt das Schloss Evenburg heute auf eine kleine Zeitreise ein. Erst seit sechs Jahren komplett der Öffentlichkeit zugänglich, sind die Räumlichkeiten nach alten Bildern und Fotos mit Gegenständen aus dem 19. Jahrhundert eingerichtet. Von der originalen Einrichtung des Grafen und seiner Familie sind nur noch die Stühle im Speisesaal übrig. Rund um das Schloss lädt ein weitläufiger Park zum Spazieren und Entspannen ein. Wer die Atmosphäre noch ein wenig auf sich wirken lassen möchte, kann im Café Schloss Evenburg mit hübscher Außengastronomie Pause machen. Dabei trinkt man in Leer Tee. Nirgendwo auf der Welt konsumieren die Menschen so viel Tee wie in Ostfriesland. Laut aktuellem Teereport des Deutschen Tee- und Kräuterverbandes verbrauchten sie 2019 insgesamt 300 Liter Schwarz- und Grüntee pro Kopf.

Langsam steigt die Sahne in kleinen Strudeln an die Oberfläche.

Langsam steigt die Sahne in kleinen Strudeln an die Oberfläche.

Foto: Olga Gala

„Tee wird in Ostfriesland nicht gekocht, sondern zubereitet“, sagt Celia Hübl, Leiterin des Bünting Teemuseums. Bevor der Tee aufgegossen wird, spült Hübl die Kanne mit heißem Wasser aus. So bleibt das Getränk möglichst lange heiß. Anschließend muss der Tee ziehen – wie lange, hängt vom Härtegrad des Wassers ab. Serviert wird das Getränk in einer Kanne, immer vom jeweiligen Gastgeber. Dieser schenkt jedem Gast eine kleine Tasse ein. In diese wird zuvor ein Stückchen Zucker – Kluntje genannt – platziert. Ein kleiner Brocken reicht für drei Tassen Tee. Wer mag, kann dazu Krinthstuut essen, ein mit Butter bestrichenes Rosinenbrot.

Ganz wichtig bei der Ostfriesischen Teezeremonie ist die Sahne. Hübl sagt: „Sahne gehört bei den Ostfriesen immer dazu.“ Diese wird mit einem speziellen Löffel vorsichtig in die Tasse gelassen. Langsam sinkt sie zunächst auf den Boden, steigt dann in kleinen Strudeln an die Oberfläche. Auf keinen Fall umrühren. „Diese Form des Teetrinkens gibt es schon ewig“, sagt Hübl. Seit 2016 ist die ostfriesische Teekultur sogar Unesco-Weltkulturerbe. Tee trinken habe immer etwas mit Gemütlichkeit zu tun und sei wichtig für die Gemeinschaft, sagt Hübl. Wer Leer besucht, sollte sich also die drei kleinen Tassen Tee nicht entgehen lassen.

Der Museumshafen liegt direkt gegenüber der Alten Waage.

Der Museumshafen liegt direkt gegenüber der Alten Waage.

Foto: Olga Gala

Info

Zur Sache

Leer

Anreise: von Bremen aus mit dem stündlich fahrenden Zug. Mit dem Auto über die A 28, Abfahrt Leer-Ost auf die B 436 in Richtung Leer-Hafen, Fahrzeit etwa 1,5 Stunden

Übernachten: Das 4-Sterne-Hotel Hafenspeicher (Ledastraße 23, Telefon: 0491 / 9 97 53 00) bietet Zimmer direkt am Freizeithafen. Wer es etwas ausgefallener mag, ist bei Five Rooms richtig (Königstraße 9, Telefon: 0176 / 23 83 08 05).

Gemütlich ist es in der Ostfriesischen Teestube direkt am Hafen an der Rathausstraße 4a (Telefon: 0491 / 4 54 1358), tollen Service gibt es im Antik Café Poppinga, Brunnenstraße 27 (Telefon: 0491 / 36 16). Urig geht es in der Altstadt Bäckerei Aits zu (Brunnenstraße 38, Telefon: 0491 / 29 72). Tatort Taraxacum verspricht „Krimi und Genuss“: An der Rathausstraße 23 sind Café und Buchhandlung unter einem Dach, Telefon: 0491 / 91 22 62 86.

Freizeit: Zwischen Mai und Oktober soll die handgezogene Wagenfähre Pünte nahe Leer ein Erlebnis sein. Wer will, kann sogar mit dem Auto die Jümme in Wiltshausen überqueren, www.puentenverein.de. Wissenswertes rund um Tee und Ostfriesland gibt es im Bünting Teemuseum an der Brunnenstraße 33. Aufgrund der Coronalage finden aktuell keine Teezeremonien statt. Infos unter Telefon 0491 / 992 20 44 und www. buenting-teemuseum.de. Wer mit Günter Podlich Leer erkunden möchte, kann ihn unter www.kultour-leerreich.de oder Telefon 0491 / 99 23 14 65 kontaktieren. Stadtführungen sind auch über die Touristinformation Leer buchbar, www.touristik-leer.de, Telefon: 0491 / 91 96 96 70. Unter dem Motto „Hier starten – dort abgeben“ verleiht die Touristik „Südliches Ostfriesland“ Fahrräder und Kanus. Ideal für alle, die einen Teil der Strecke radeln und den Rest paddeln wollen, Telefon: 0491 / 91 96 96 30 oder www. suedliches-ostfriesland.de/paddel-und-pedal. Einen Besuch wert ist das Leeraner Miniaturland, Konrad-Zuse-Straße 1, Infos unter www.leeraner-miniaturland.de.

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