Aberglaube Zwischen den Jahren: Bloß nicht waschen

Es ist ein Brauch, der sich seit Menschengedenken in den Köpfen hält: Zwischen den Jahren wird nicht gewaschen. Viele halten sich noch daran und befürchten Schlimmstes, wenn in dieser Zeit gewaschen wird.
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Von Christina Denker

Es ist ein hartnäckiger Brauch, der sich seit Menschengedenken in den Köpfen hält: Zwischen den Jahren wird nicht gewaschen. Viele halten sich noch daran und befürchten Schlimmstes, sogar den Tod eines Familienangehörigen, wenn in dieser Zeit die sauberen Laken an der Leine im Wind flattern.

In Nordbremer Haushalten wird zwischen Weihnachten und Neujahr nicht gewaschen. Falls es doch sein muss, dann häufig mit einem schlechten Gefühl. "Das macht man einfach nicht", sagt Renate Rach, die auf dem Wochenmarkt am Sedanplatz Obst verkauft. Eine Kundin aus Bremen-Nord möchte zwar ihren Namen nicht sagen, doch auch sie lässt zwischen den Jahren Bettlaken, Tischdecken und Handtücher liegen. Auch wenn ihr Ehemann das für Quatsch hält.

Auf alle Fälle hat es was mit dem Tod zu tun

Aber so denken viele. Warum zwischen den Jahren keine Wäsche gewaschen werden und schon gar nicht draußen auf der Leine im Wind flattern darf, das wissen viele nicht. Es gibt immer noch Haushalte, in denen sich dieser Brauch noch im Zeitalter des Wäschetrockners hartnäckig hält, auch wenn niemand mehr weiß, warum das eigentlich so ist. Auf alle Fälle habe es etwas mit dem Tod zu tun.

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Weil dann ein Mitglied der Verwandschaft stirbt – da war sich Renate Rasch mit Gisela Boot und anderen Passanten auf dem Wochenmarkt einig. Auch bei Klaus Peters vom Verein Burg Blomendal bleibt die Wäsche zwischen den Jahren liegen. Warum, weiß der Heimatfreund nicht, ist aber mit seinen Vermutungen nahe dran. "Wahrscheinlich ist das ein heidnischer Brauch, der mit bösen Geistern zusammenhängt", orakelt er.

Es droht Verderben

Und richtig: Wotan soll es sein, der diesem Mythos bis heute Nahrung gibt. Wotan, der nordische Gott, der mit seinem achtbeinigen Hengst Sleipnir in der Zeit zwischen Weihnachten und dem sechsten Januar unterwegs ist.

Das sind die Raunächte, in denen die Gesetze der Natur früher als aufgehoben galten. Und wehe, wenn sich Wotan draußen in den Wäscheleinen verheddert: Dann droht Verderben.

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Die Wäsche allerdings einfach im Haus aufzuhängen ist einer weiteren Überlieferung nach ebenfalls gefährlich: Sie könnte von den stöhnenden, heulenden und johlenden Reitern der Wilden Jagd, die zur Zeit der Raunächte durch die Lüfte zieht, gestohlen werden und im Laufe des Jahres seinem Besitzer nur noch als Leichentuch dienen.

Zwischen Aberglaube und freier Interpretation

Das sind zwei von vielen Interpretationen, die sich um das Waschverbot in den zwölf Raunächten rankt. Und darum will Renate Rach lieber auf Nummer sicher gehen. "Ich sammle meine Wäsche und warte bis Neujahr". Gisela Boot wäscht zwar ab und an, zum Beispiel Handtücher für einen Saunabesuch, "aber ich versuche es eigentlich zu vermeiden", sagt sie. Sicher sei eben sicher. Gisela Boot hat mit dieser Tradition ein Leben lang gelebt. Auch Erna Dobschinski aus Blumenthal kennt diesen Brauch von ihrer Mutter. Trotzdem hat sie ihr ganzes Leben lang die Wäsche auch zwischen den Jahren gewaschen. Sie glaubt nicht an Wotans Rache. Eine Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte, schon: "Ich bin sehr abergläubig". In ihrer Familie sei es auch schon passiert, dass ein Mitglied zwischen den Jahren gestorben sei. Ob es an der Wäsche lag?

Noch mehr Aberglaube zwischen den Jahren

"Allgemein ist die Wilde Jagd dem Menschen nicht feindlich gesinnt, doch ist es ratsam, sich niederzuwerfen oder sich im Hause einzuschließen und zu beten. Wer das Heer provoziert oder ihm spottet, wird unweigerlich Schaden davontragen, und wer absichtlich aus dem Fenster sieht, um das Heer zu betrachten, dem schwillt etwa der Kopf an, so dass er ihn nicht zurückziehen kann", so ist es überliefert.

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Es gibt indes noch viel mehr Aberglaube zwischen den Jahren. So sollen zum Beispiel dem Volksglauben nach alle Träume in den zwölf Nächten zwischen Weihnachten und dem sechsten Januar in Erfüllung gehen. Und allein mit dem Waschverbot ist es auch nicht getan: Nähen oder Spinnen, Stall auszumisten oder Kehrricht zusammenzufegen – auch dass durfte früher nicht sein. Die christlichen Daten übrigens haben die heidnischen überlagert. Letztere sehen die Wilde Jagd ab der Wintersonnenwende, 21. Dezember, und dann zwölf Nächte lang bis zum 2. Januar über den Himmel ziehen.

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