Hinter den Kulissen einer Mega-Veranstaltung in Osterholz-Scharmbeck 350 Kilo Grünkohl für 950 Kohltouristen

Osterholz-Scharmbeck. Warm eingepackt und mit festem Schuhwerk gut gerüstet gegen die eisige Kälte nähern sich unzählige, meist junge Kohltouristen von allen Seiten der Jacob-Frerichs-Straße. Ihr Ziel ist die Stadthalle. Denn die große Stadthallen-Grünkohl-Party ist angesagt.
22.02.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Ilse Okken

Osterholz-Scharmbeck. Warm eingepackt und mit festem Schuhwerk gut gerüstet gegen die eisige Kälte nähern sich unzählige, meist junge Kohltouristen von allen Seiten der Jacob-Frerichs-Straße. Ihr Ziel ist die Stadthalle. Denn die große Stadthallen-Grünkohl-Party ist angesagt.

Schon morgens um 7.30 Uhr hat Koch Bernd Meier-Wischhusen mit seinem Team in Wellen die ersten Vorbereitungen getroffen. "Für 950 Personen haben wir 300 Kilo Kartoffeln, 350 Kilo Grünkohl, je 100 Kilo Kasslernacken und Kasslerrücken sowie 80 Kilo Kasslerbauch zubereitet. Außerdem kalkulieren wir pro Person zwei Pinkel und zwei Kochwürste ein", berichtet der Küchenchef, während er die deftigen Speisen in den Wärmeschrank schiebt. "Wir verwenden eher die Bremer Pinkel. Gegenüber der Oldenburger Fleischpinkel ist da mehr Grütze drin enthalten", verrät Koch Thomas Stechel. Auch die Vegetarier kommen bei diesem Essen nicht zu kurz: Für sie hat das Küchenteam 50 Gemüseaufläufe eingeplant.

Während in der Catering-Zone Grünkohl und Pinkel auf Temperatur gebracht werden, instruiert Rumpelstilzchen-Chefin Ulrike Büntemeyer im Foyer der Stadthalle die Kellner-Riege. "Lächeln!", lautet ihre erste Anweisung an die 50 jungen Männer und Frauen, die an diesem Abend auf ihrem Weg durch die Tischreihen sicherlich fast ebenso viele Kilometer zurücklegen werden wie die Kohltouristen vorher in den Hammewiesen. Mit Rollwagen werden sie das deftige Essen direkt an die Tische bringen und dampfend heiß servieren.

"Wir haben jetzt zum vierten Mal die Stadthalle gemietet, weil wir die große Nachfrage allein in unseren Räumen nicht mehr befriedigen konnten. Schon im Oktober waren wir ausgebucht", berichtet die Veranstalterin. Sportvereine, Nachbarschaften, die Hälfte der Mitarbeiter aus der Stadtverwaltung und diverse Landjugendgruppen von Schwanewede bis St. Jürgen finden sich auf ihrer Reservierungsliste. Fleischermeister Tommy Meyer, der vor vier Jahren nach Norwegen auswanderte, kommt jedes Jahr eigens aus Skandinavien nach Osterholz-Scharmbeck zurück, um mit der Gruppe "Ponyhof" die Kohlparty in der Stadthalle zu feiern.

Grüne und rote Kurze sind begehrt

Gelb-weiß eingedeckt warten im Saal und auf der Empore lange Tischreihen auf die hungrigen Gäste. Sogar auf der Bühne hinter dem Discjockey stehen noch Tische. Gut vorbereitet sind auch Uwe Arndt und Jörg Helfers, die mit ihren Helfern die beiden Theken betreuen. Grüner und roter Kurzer sowie Cola-Havanna seien momentan der Renner bei den Getränken, sagen die beiden. Aber es gebe auch Alkoholfreies und Kaffee, versichern sie.

"Wir sind blau", stellt die Nachbargruppe Hartmann fest, die als erste angekommen ist und sich vor der farbigen Planskizze mit der Sitzaufteilung versammelt, um ihren Tisch zu finden. Auch die Landjugend Schwanewede und St. Jürgen sowie die Grasberger Fußballmädchen sind schon da. Am Eingang der Stadthalle erhalten alle ein grünes Armband. Damit ist sichergestellt, dass sie an diesem Abend den Komplettpreis für Speisen und Getränke entrichtet haben. Während drinnen schon die ersten Gruppen mit Kohl und Pinkel versorgt werden, drängt draußen bei frostigen Temperaturen die Menge mit Macht ins Gebäude.

Der Eingangsbereich wird schnell zum Nadelöhr und es kommt zu leichter Panik weil immer mehr Menschen von hinten nachdrängen, wie einige Teilnehmer berichten. "Ich habe gut 20 Minuten in der Schlange gestanden und irgendwann die Füße nicht mehr auf den Boden bekommen. Das war schon ein herber Stimmungsknick", meint Rainer Tietjen aus Bremen. "Wie bei der Loveparade, nur die Brücke fehlte", so einige Teilnehmer der Ponyhof-Gruppe. "Vielleicht sollte man nächstes Mal Wellenbrecher, auch Hamburger Gitter genannt, aufstellen. Damit kann man Zickzackschlangen bilden und so den Druck entlasten". meint Sicherheitsexperte Marco Gevatter, der mit drei Kollegen als Trouble-Shooter" engagiert ist.

"In verbaler Deeskalation sind wir geschult"

Später am Abend wird Marco Gevatter noch zwei weitere Kollegen anfordern, um auf Reibereien unter Gruppen, die sich nicht grün sind, besser reagieren zu können. Mit dem Alkoholpegel steigt auch das Aggressionspotenzial, weiß er aus Erfahrung. "Wenn die Leute aneinandergeraten, sprechen wir sie an. Meistens ist das dann schnell geklärt. In verbaler Deeskalation sind wir geschult", sagt er.

Swen Fink und Diana Sasse vom Deutschen Roten Kreuz stehen ebenfalls für Notfälle bereit. "Wir hoffen, dass es ruhig bleibt. Aber bei Kohltouren muss man immer mit jungen Menschen rechnen, die umkippen", so die beiden. Ein Krankentransporter wartet für alle Fälle draußen hinter der Halle.

Gegen 18.30 Uhr werden die letzten Nachzügler johlend im Saal begrüßt. Jetzt heißt es "ran an den Speck". Das norddeutsche Traditionsgericht lassen sich alle ausgiebig schmecken. Während einige noch die Pinkel aus der Pelle kratzen oder mit Kohl gefüllte Schüsseln hin und her reichen, werden an anderen Tischen schon die Königswürden neu verteilt. Tierische Kieferknochen, zierliche Strasskrönchen oder aus Metall gesägte Schweinesilhouetten dienen den frisch gekürten Kohlmajestäten als Insignien der Macht.

Kurz nach 20 Uhr sind alle satt und zur Musik von "Yolanda Be Cool" wird das Parkett freigegeben. Bei "Every time of my life" drängen sich die frisch gewählten Kohlkönigspaare und ihr Gefolge auf der Tanzfläche. Wenig Schlager, viel Neues aber auch guten alten Rock hat DJ Mike vorbereitet. Denn für diese Mischung sei das "Rumpel" bekannt, sagt der Aufleger aus Bremen. "Es macht einfach Spaß", findet er. Das Parkett ist voll und in den Pausen sind auch die Theken umlagert. Tanzen und Trinken heißt die Devise für den Rest der Nacht. "Hoffentlich bleibt es friedlich", hoffen die Sicherheitskräfte.

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