Porträt

Mann der ersten Stunde

Eigentlich sollte es nur ein Nebenjob sein, um das Musikstudium zu finanzieren. Daraus geworden sind nun 40 Jahre, in denen Ichiro Asanuma Klavier an der Musikschule des Landkreises Oldenburg unterrichtet.
08.10.2020, 15:56
Lesedauer: 3 Min
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Von Kerstin Bendix-Karsten
Mann der ersten Stunde

Zum Musikstudium war Ichiro Asanuma nach Deutschland gekommen – und hat hier Wurzeln geschlagen.

TAMMO ERNST

Jeder kann Klavierspielen lernen. Talent ist nicht unbedingt erforderlich. „Entscheidend ist die Aufnahmefähigkeit“, ist Ichiro Asanuma überzeugt. Und er muss es wissen. Schließlich unterrichtet er als Klavierlehrer bereits seit 40 Jahren Schüler an der Musikschule des Landkreises Oldenburg. „Bis jetzt habe ich noch keinen Schüler rausgeschmissen“, merkt der gebürtige Japaner scherzend an. Viele seiner Schüler brachten es gar zu einiger Meisterschaft an ihrem Instrument. Um dort hinzukommen, war jedoch nicht das Talent, sondern der Fleiß entscheidend. Asanuma hält es hier ganz mit Albert Einstein, der einmal gesagt haben soll: „Genie ist ein Prozent Talent und 99 Prozent harte Arbeit.“ Wenn man das Klavierspielen einmal gelernt und verstanden hat, sei es wie Fahrradfahren.

Dass Ichiro Asanuma, der vor 64 Jahren in Yokohama geboren wurde und als junger Mann zum Musikstudium nach Bremen kam, einmal 40 Jahre an der Musikschule des Landkreises Oldenburg unterrichten würde, hätte er selbst nicht für möglich gehalten. „Mit Anfang 20 hatte ich keine feste Vorstellung, was ich machen möchte“, erzählt Asanuma. Klavierlehrer zu werden, gehörte nicht zu seinem Plan. Denn eigentlich sollte es nur ein Nebenjob sein, um das Studium zu finanzieren. „Ein Bekannter sprach mich damals an, weil er für die neu entstehende Musikschule in Ganderkesee einen Klavierlehrer brauchte“, erinnert sich Asanuma. Nach einem Blick auf die Landkarte, wo denn Ganderkesee überhaupt liegt, habe er zugestimmt. Er ist somit quasi ein Mann der ersten Stunde bei der Musikschule des Landkreises Oldenburg, die im Laufe ihrer 40-jährigen Geschichte viele Veränderungen durchlaufen hat. Und seither hat er ihr die Treue gehalten. „Es macht einfach Spaß“, resümiert der 64-Jährige. Noch ein halbes Jahr hat er bis zur Rente. Seinen Schülern wird er aber auch danach wohl nicht gänzlich verloren gehen. Denn die Hände in den Schoss legen will er noch längst nicht. „Ich würde gern als Honorarbeschäftigter weiter meine Schüler betreuen“, erklärt er.

Sein Heimatland vermisst Ichiro Asanuma nicht, somit zieht es in auch nicht nach Japan zurück. „Die Gesellschaft und das Bild hat sich verändert. Es ist modern geworden“, sagt er. Seine Heimatstadt Yokohama erkenne er nicht mehr wieder. „Es ist alles anders. Ich habe nicht das Gefühl, dass das meine Heimat ist“, stellt der 64-jährige Vater von Zwillingen fest. Er habe seine Wurzeln in Bremen geschlagen. Da trifft es sich gut, dass seine Eltern ihn und seine Familie in Deutschland gern besuchen kommen.

Fragt man den gebürtigen Japaner nach den Gründen, wieso er sich Deutschland als Studienort ausgesucht hat, lautet die einfache Antwort: „Es ist die Heimat von Beethoven.“ Ichiro Asanuma liebt die klassische Musik. In seinem Unterricht vermittelt er den Schülern, dass Bach, Mozart, Chopin und Beethoven die großen Musikstars ihrer Zeit waren und ihre Kompositionen bis heute faszinieren. Geplant hatten sie dies freilich nicht. „Beethoven hat sehr zurückgezogen gelebt. Er wollte kein Star sein“, merkt der Klavierlehrer an. Auch Chopin habe in seinem Salon nur für einen kleinen Kreis an Kollegen gespielt. Auch der 64-jährige Klavierlehrer hatte nie Ambitionen, als Solokünstler oder in einer Gruppe zu Ruhm zu kommen. „Ich spiele nicht, um mein Können zu zeigen“, sagt er. Für ihn brauche es immer einen Anlass, wie etwa das 40-jährige Jubiläum der Musikschule, zu dem er aufgetreten ist. Er ist froh, kein Profimusiker zu sein – gerade in diesen Tagen der Corona-Krise, in denen es Profimusiker besonders schwer haben, sich finanziell über Wasser zu halten.

Doch auch Ichiro Asanuma musste sich während des Lockdowns umstellen. Denn ein normaler Klavierunterricht war nicht möglich. „In der Corona-Zeit habe ich gemerkt, sieben Tage zu Hause, da fällt mir die Decke auf den Kopf“, merkt er an. Er gehöre in der Gesellschaft noch dazu. Und so lernte er in diesem Sommer, seine Schüler online zu unterrichten. Zunächst sei er etwas skeptisch gewesen. „Doch zur Überbrückung war das eine schöne Lösung“, sagt er. So habe er seine Schüler sehen können. Mehr als eine vorübergehende Lösung sieht er darin aber nicht. Er brauche den direkten, persönlichen Kontakt. Denn er arbeite viel mit dem Gehör. „Wenn es 40 Jahre nur so möglich gewesen wäre, Klavierstunden zu geben, dann wäre das nichts für mich gewesen“, betont Asanuma.

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