Abwanderung aus Bremen

Achim zieht an

Achim hat im niedersächsischen Umland Bremens das stärkste Bevölkerungswachstum hingelegt, wie aus einer Analyse zu Wanderungsbewegungen hervorgeht. Achim profitiert aber nicht nur von zugezogenen Bremern.
10.12.2019, 11:25
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Achim zieht an
Von Kai Purschke
Achim zieht an

Die Stadt Achim ist insbesondere bei Bremern als neuer Wohnort beliebt.

Christian Walter

Abgesehen von den 18- bis 25-Jährigen sind bislang mehr Menschen aus Bremen in die niedersächsischen Städte und Gemeinden der Region gezogen als andersherum. Insbesondere die direkte Nachbarschaft wie Achim oder Oyten sind beliebte Ziele. Um die Hintergründe dieser sogenannten regionalen Wanderungen und mögliche Handlungsempfehlungen für Wohnungsmarktstrategien zu erfahren, hat der große Nachbar Bremen untersuchen lassen, wohin so viele Menschen aus der Hansestadt ziehen – und warum. Darüber gibt nun die Wohnungsmarktbeobachtung, eine Analyse des Büros Baumgart und Partner (BPW), ebenso Aufschluss wie dessen qualitative Untersuchung der sogenannten regionalen Wanderungsmotive (siehe unten stehenden Bericht). Beides liegt seit dem Sommer dieses Jahres vor, wurde aber jetzt erst in Bremen öffentlich gemacht.

„Absolut und relativ am stärksten gewachsen ist die Stadt Achim“, hält die Untersuchung mit Blick auf die niedersächsische Seite der Landesgrenze fest. Um rund 1600 Menschen habe die Bevölkerung in Achim zugelegt und ist damit nicht alleine: Da in Bremen und im niedersächsischen Umland die Zuzüge die Fortzüge überwogen, kam es in der gesamten Region zu einem Wachstum. Dieses beruht natürlich auf der Zahl der Menschen, die als Flüchtlinge in die Region gezogen sind – ohne sie fiele der Wanderungssaldo demnach in vielen niedersächsischen Städten und Gemeinden negativ aus. Daneben gibt es aber die „Binnenfernwanderung“, die Menschen umfasst, die von irgendwo in Deutschland (außerhalb der Umlandgemeinden) in die Region gezogen sind. So profitiert beispielsweise der Flecken Ottersberg mit der dort ansässigen Hochschule für Künste im Sozialen, die für Zuzüge sorgt.

Achim hat eine Sonderrolle

Betrachtet man nur die Mitglieder des Kommunalverbunds Niedersachsen/Bremen spielt Achim übrigens auch da eine Sonderrolle: „In der Stadt Achim, für die insgesamt ein hoher Wanderungsüberschuss festgestellt wurde, fiel das Wachstum durch Binnenfernwanderung nur gering aus.“ Das bedeutet: Ohne die zugezogenen Geflüchteten sowie die Menschen aus den regionalen anliegenden Landkreisen fiele die Binnenfernwanderung sogar negativ aus. Aber auch aus anderen Bremer Nachbarkommunen wie Stuhr oder Schwanewede zogen mehr Menschen ins übrige Deutschland fort als von dort in die hiesigen Gemeinden.

Der Stadt Achim wird übrigens – als einziger Stadt in der Region – noch bis 2030 eine geringfügige Zunahme der Haushalte mit drei und mehr Menschen prognostiziert. Diese Prognose ziehen die BPW-Gutachter aus der dynamischen Entwicklung der vergangenen Jahre durch die Ausweisung von Neubaugebieten. Die Prognose dürfe allerdings nicht als ein Ziel verstanden werden, dass in Achim auch in Zukunft „besondere viele größere Wohnungen notwendig sind – im Gegensatz zu allen anderen Städten und Gemeinden der Region“. Denn: Eine solche auf eine einzelne Stadt gerichteten spezifische Entwicklung erscheine „in einer eng vernetzten Wohnungsmarktregion nicht zielführend“. Entscheidend sei ohnehin eine gesamtregionale Betrachtung, wie sie im Kommunalverbund Niedersachsen/Bremen ja derzeit auch stattfindet.

Menschen verlassen Bremen

Etwa 82 bis 87 Prozent der Menschen, die aus Bremen wegziehen, schlagen ihre Zelte in Gemeinden in direkter Nachbarschaft oder mit guter Verkehrsanbindung zur Hansestadt auf. Da mehr Menschen aus Bremen weg ins Umland ziehen, als aus dem Umland nach Bremen, vermuten die BPW-Gutachter, „dass viele Haushalte im Radius ihres bisherigen Wohnortes eine Wohnung suchen, unabhängig von Gemeinde- oder Landesgrenzen“.

In der Betrachtung der Jahre 2011 bis 2015 lässt sich sagen, dass Achim auch vom Zuzug aus den Nachbargemeinden profitiert hat. So hat die Stadt nur im Jahr 2012 insgesamt 31 Einwohner an Thedinghausen und Ottersberg sowie 2015 an Thedinghausen verloren, aber beispielsweise in den Jahren 2014 und 2015 allein 130 Einwohner aus Oyten hinzugewonnen. „Die intensivsten Wanderungsverflechtungen bestanden in den letzten Jahren zwischen Achim und Oyten, die jedes Jahr zu einem positiven Wanderungssaldo für die Stadt Achim führten.“ In Sachen Bevölkerungsstruktur sticht – bezogen aufs Jahr 2015 – Achim ebenfalls heraus: Sowohl der Anteil der Kinder und Jugendlichen als auch der Senioren über 65 ist in der Stadt „relativ hoch“, ebenso in Lilienthal und Ritterhude.

Geringe Seniorenanteile werden dagegen Thedinghausen und Verden bescheinigt, während Oyten und Ottersberg noch einen etwas höheren Anteil haben. Für alle niedersächsischen Städte und Gemeinden gilt: Bis 2030 dürften sie eine starke Zunahme an Senioren haben, „sodass deren Anteile in vielen Städten und Gemeinden dann zwischen 27,5 und 30 Prozent liegen werden“. Dagegen zählen Achim und Oyten laut BPW zu den wenigen Kommunen, die laut Prognose einen Anstieg der Anteile an Kindern und Jugendlichen haben werden. „Das scheint auf einen dort stärker ausgeprägten Generationswechsel hinzuweisen“, heißt es von den Analysten dazu. Während Achim wie Syke oder Lilienthal laut Analyse zu den „stark wachsenden“ Städten und Gemeinden gehört, sind Oyten und Thedinghausen als „leicht wachsend“ eingestuft, die Stadt Verden als „wachsendes Mittelzentrum“. Oyten werden hohe Wanderungsgewinne besonders von über 65-Jährigen durch Seniorenheime bescheinigt, aber ebenso steigende Wanderungsverluste an Achim. Verden kann sich über einen Zuzugsüberschuss aus Thedinghausen freuen.

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