Wetter: Regen, 10 bis 18 °C
Integration in Thedinghausen
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

„Wir sind gefordert“

Onno Kutscher 10.10.2018 0 Kommentare

Petra Hille-Dallmeyer, Judith Lübke und Cathrin Schley (von links) im Haus auf der Wurth. Vor allem dort findet Integrations- und Begegnungsarbeit in Thedinghausen statt.
Petra Hille-Dallmeyer, Judith Lübke und Cathrin Schley (von links) im Haus auf der Wurth. Vor allem dort findet Integrations- und Begegnungsarbeit in Thedinghausen statt. (Björn Hake)
Frage: Frau Lübke, Sie sind jetzt seit gut einem Jahr in Thedinghausen und kümmern sich im Haus auf der Wurth um die interkulturelle Begegnungsarbeit und die Integration der geflüchteten Menschen. Ein aufregendes Jahr?

Judith Lübke: Ja, auf jeden Fall. Positiv aufregend. Es waren ganz neue Aufgabengebiete für mich, ich habe viele neue Menschen kennengelernt und spannende Erfahrungen gemacht.

Haben Sie sich Ihre Aufgaben so vorgestellt?

Lübke: Im weitesten Sinne schon. Es war ja auch klar, dass ich bei dieser Tätigkeit viele Möglichkeiten haben werde, selbst zu gestalten. Das ist ja auch das Schöne an dieser Arbeit. Unklar war im Vorfeld, wie sich die Zusammenarbeit mit der Initiative "Ankommen in Thedinghausen“, der Kirchengemeinde und dem Rathaus gestalten würde. Da gab es schon so Momente, in denen ich stutzig wurde und erst einmal gucken musste, wie die Abläufe und Wege sind.

Die Kirchengemeinde Thedinghausen hat 2016 den Antrag für die Schaffung dieser Stelle bei der Gemeinde und Samtgemeinde gestellt. Sie ist auf zwei Jahre befristet, also endet im kommenden Jahr. Was würde das Ende für die Begegnungs- und Flüchtlingsarbeit in Thedinghausen bedeuten?

Cathrin Schley: Das wäre ein harter Schlag, weil Judith tolle Arbeit leistet. Sie tut viel für die Integration der Menschen und das Zusammenleben der Geflüchteten und der Einheimischen. Wenn Sie nicht mehr da ist, dann weiß ich nicht, inwieweit man diese wichtige Arbeit aufrechterhalten kann.

Petra Hille-Dallmeyer: Das sehe ich ganz genauso. Es wäre eine Katastrophe. Wir hatten ja erst gedacht, dass wir diese Stelle brauchen, um vor allem die Koordination der Ehrenamtlichen, die sich um die Geflüchteten kümmern, zu steuern. Das ist auch passiert. Aber es ist auch so, dass das Engagement der Ehrenamtlichen zurückgeht, aus den unterschiedlichsten Gründen. Und trotzdem haben wir im Haus auf der Wurth eine ganz lebendige Arbeit aufrechterhalten können und das lag natürlich daran, dass wir die Unterstützung von Judith hatten. Selbst wenn man viele Ehrenamtliche hat, braucht man jemanden, der das koordiniert.

Schley: Judith ist da eine Art Motor, der etwas in Gang bringt und es am Laufen hält. Wenn dieser Motor fehlt, dann wird auch viel von der Integrationsarbeit verloren gehen. Alle reden immer von Integration, aber die Politik ist dann oft nicht bereit, die nötigen Gelder freizusetzen.

Das ist viel Lob für Sie, Frau Lübke. Es ist vielleicht schwierig, aber Sie können ja mal schildern, wie zufrieden Sie mit Ihrer Arbeit sind. Vielleicht gibt es ja auch etwas, was Sie im Nachhinein anders gemacht hätten.

Lübke: Das ist in der Tat nicht leicht. Aber gemessen an dem, was man an Rückmeldung bekommt, sei es von den Ehrenamtlichen, den Geflüchteten oder auch aus der Politik, würde ich ganz selbstbewusst schon sagen, dass ich vieles in Gang gebracht habe und dadurch das Haus auf der Wurth auch zu einem Anlaufpunkt wurde. Es gibt auch immer wieder Erfolgserlebnisse, zum Beispiel dann, wenn ich eine Frau im Sprachkurs unterbringen konnte, die vorher noch nicht versorgt war. Oder wenn kulturelle Veranstaltungen, die wir organisiert haben, gut angenommen werden. An solchen Dingen gemessen, bin ich schon sehr zufrieden. Ein Punkt in der Stellenausschreibung war ja die Motivation und Gewinnung von neuen Ehrenamtlichen. Dieses Thema ist nicht so leicht umzusetzen. Aber zumindest haben während meiner Zeit, in der ich jetzt aktiv bin, nicht viele aufgehört. Der feste Kern ist noch immer da. Aber die Gewinnung ist ein Punkt, der mich beschäftigt und ich überlege, wie man das umsetzen kann. Was kann man tun? Wo gibt es Ansatzpunkte?

Hille-Dallmeyer: Kleiner Zwischenruf: Es sind ja einige Ehrenamtliche neu dazugekommen. Und das wegen dir, Judith. Durch deine Art und dein Alter sprichst du ja noch ganz andere Menschen an als wir aus der älteren Generation. Also: Du hast schon einiges dafür getan, neue Ehrenamtliche zu gewinnen.

Lübke: Es kommen tatsächlich einige Menschen hier ins Haus und wollen sich engagieren. Da ist es gut, dass ich als Ansprechperson da bin. Ich kann sie in Empfang nehmen und direkt erklären, was es für Aufgaben gibt. Das merke ich immer wieder: Die Menschen kommen vorbei und wollen eine ganz genaue Aufgabe haben. Zum Beispiel einmal in der Woche vorbeikommen und Nachhilfe im Deutschunterricht geben. Sie haben aber verständlicherweise kein Interesse an der Organisation und der Koordination, das ist dann eben meine Aufgabe. Aber dennoch: Die Frage nach weiteren Ehrenamtlichen, die beschäftigt mich am meisten.

Mit welchen täglichen Problemen haben Sie vor Ort zu kämpfen, wenn es um das Thema Integrations- und Begegnungsarbeit geht?

Lübke: Zusätzlich zur interkulturellen Begegnungsarbeit habe ich seit Mitte Juni zehn Stunden hinzu bekommen. Die Stelle ist also auf 30 Stunden aufgestockt worden. Roland Gewiß, der im Rathaus als Flüchtlingskoordinator angestellt war, hat aufgehört und diese Arbeiten habe ich mit übernommen. Dadurch hat sich mein Aufgabengebiet erweitert. Nun bin ich auch für die Alltagssorgen der Geflüchteten zuständig. Das war ich vorher zwar auch, aber jetzt kommen die Geflüchteten mit ihren Briefen und Anliegen zu mir und dabei geht es vor allem auch um Behördengänge. Ich bin jetzt erste Ansprechpartnerin, wenn es um Kontakte zum Rathaus oder zum Landkreis geht. Da merkt man immer wieder, dass die Sprache das größte Problem ist, selbst wenn jemand schon gut Deutsch versteht und spricht, ist Behördensprache noch eine weitere Hürde. Aber die bestehenden Kommunikationsschwierigkeiten mit Ämtern und Institutionen wie Schulen, die ich täglich miterlebe, lassen sich nicht nur einseitig erklären. Sprich, dass den neuen Mitbürgern mit wenig Verständnis für ihre Situation, geschweige denn dem Willen dazu, begegnet wird.

Hille-Dallmeyer: Ich würde unterscheiden zwischen Begegnungs- und Flüchtlingsarbeit. Uns in der „Initiative“ ist es wichtig, dass wir nicht nur für die Flüchtlinge da sind, sondern eine Begegnung zwischen den Neuankömmlingen und den Menschen aus Thedinghausen schaffen. Es ist nach wie vor schwierig, Menschen aus Thedinghausen ins Haus auf der Wurth zu holen. Da werden wir aber weiterhin Ideen entwickeln, um das zu ändern. Problematisch ist es auch, Wohnraum für Flüchtlinge zu finden – insbesondere für die jungen Männer. In der Arbeit mit den Flüchtlingen selbst merkt man, dass es sehr schwer für diese Menschen ist, die deutsche Sprache zu lernen. Insbesondere die, die eine Ausbildungsstelle bekommen haben, haben kaum eine Chance in der Berufsschule.

Schley: Das ist mir auch sofort eingefallen. Gerade die motivierten jungen Männer, die gerne möchten, und dann daran scheitern, weil es an der Schule nicht klappt. Wobei es natürlich auch Deutsche gibt, die eine Ausbildung leichter schaffen würden, wenn die Schule nicht wäre. Und eins muss ich auch noch einmal aufgreifen: Die Begegnung zwischen Einheimischen und Geflüchteten ist nach wie vor schwierig. Ein gutes Beispiel ist unser vergangenes Sommerfest im Freien. Da waren viele Menschen. Aber jetzt, wo es wieder kälter wird und die Veranstaltungen drinnen stattfinden, kommen weniger Bürgerinnen und Bürger vorbei. Der Schritt und der Wille ,Ich geh da jetzt rein ins Haus auf der Wurth', der fällt vielen sehr schwer.  

Hille-Dallmeyer: Da müssen wir weiter dran arbeiten. Das ist die einzige Möglichkeit, Vorurteile abzubauen und aufkommenden Rassismus zu bekämpfen. Wir werden uns weiter kreativ Gedanken machen.

Frau Schley, die Stelle von Frau Lübke war vor der Schaffung nicht ganz unumstritten. In den politischen Gremien in Thedinghausen gab es durchaus auch kritische Stimmen, da Gemeinde und Samtgemeinde die Stelle mitfinanzieren. Sind diese Kritiker mittlerweile verstummt?

Schley: Also diese Stimmen gibt es immer wieder. Interessant wird es sicherlich, wenn es erneut darum geht, die Stelle am Leben zu halten und neue Mittel zu generieren.

Um jetzt Nägeln mit Köpfen zu machen: Sie möchten gerne, dass die Stelle von Frau Lübke auch nach den zwei Jahren weiterläuft oder?

Schley: Ja, dafür werden wir uns einsetzen. Hier passiert gute und sinnvolle Arbeit, und die bricht wieder weg, wenn wir jetzt nicht aktiv werden. Man muss sich doch nur angucken, wie in manch anderen Städten und Regionen rechtsradikales Gedankengut aufkeimt. Da sind wir gefordert.

Das war sicherlich auch der Gedanke hinter dem Antrag der Initiative im Samtgemeinderat, 20 gerettete Flüchtlinge in Thedinghausen aufzunehmen. Dafür gab es im Rat ja eine deutliche Mehrheit.

Hille-Dallmeyer: Ja, neben dem eigentlichen Zweck, geretteten Menschen einen sicheren Hafen zu bieten, war es uns auch wichtig, ein Zeichen für Solidarität und Toleranz zu setzen. Grundlage für beides ist die Begegnungs- und Integrationsarbeit. Ohne die Stelle von Judith geht das nicht. Sie ist ein Glücksfall für uns: Eine junge, freundliche, kompetente Frau (sie ist übrigens Diplom-Psychologin), hochmotiviert und bereit, bei uns „auf dem platten Land“ in Teilzeit zu arbeiten, statt eine klassische Karrierelaufbahn einzuschlagen – wo gibt’s denn sowas?

Frau Lübke, dann gewähren Sie uns doch einmal einen Einblick in Ihren Arbeitsalltag.

Lübke: Ich bin fest an den drei Nachmittagen im Haus auf der Wurth, an denen ich ansprechbar bin für Ehrenamtliche, Geflüchtete und Gäste. Zusätzlich, durch die Aufstockung meiner Zeit, auch noch vormittags zu den Bürozeiten der Behörden. Dann kommen noch flexibel Zeiten für Hausbesuche, Sitzungen sowie Abend- und Wochenendveranstaltungen hinzu. Es ist aber auch viel Schreibtischarbeit. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass ich die Arbeit von Roland Gewiß übernommen habe. Diese Telefonate landen meist bei mir. Auch Sprachkurs-Anbieter rufen an, um zu erfahren, ob es Bedarf gibt. Ich gebe Sprechstunden für Geflüchtete, zu denen eigentlich immer mindestens fünf Menschen kommen. Je nachdem, wie umfangreich das Anliegen ist, kann das dann auch mal länger dauern. Damit bin ich an den Nachmittagen sehr gut beschäftigt. Dann gehört aber auch Netzwerkarbeit dazu. Ich spreche mit anderen Flüchtlingskoordinatoren im Landkreis und nehme an Arbeitskreisen teil. Von der Basisarbeit über Gespräche führen bis zur Organisation von Begegnungsangeboten ist alles dabei.

Von der Kirchengemeinde und der Initiative „Ankommen in Thedinghausen“ gibt es ja, was Ihre Person angeht, ein klares Bekenntnis: Es soll weitergehen. Wollen Sie denn überhaupt?

Lübke: Ja, das würde ich sehr gerne.

Das Gespräch führte Onno Kutscher.

Zur Person

Judith Lübke (29)

ist seit gut einem Jahr für die Koordination der interkulturellen Begegnungsarbeit im Haus auf der Wurth in Thedinghausen zuständig. Seit Juni dieses Jahres ist sie außerdem Flüchtlingsbeauftragte der Samtgemeinde Thedinghausen.

Cathrin Schley (55)

ist seit 25 Jahren Pastorin der Kirchengemeinde Thedinghausen. Sie ist außerdem in der Initiative „Ankommen in Thedinghausen“ aktiv. Gegründet wurde diese 2014. Dort engagieren sich Menschen aus der Samtgemeinde für Geflüchtete und erleichtern ihnen das Ankommen. 

Petra Hille-Dallmeyer (63)

kommt aus Thedinghausen und engagiert sich in der Inititiative „Ankommen in Thedinghausen“.


Mein Achim
Ihr Portal für Achim

Herzlich willkommen in Ihrem Portal für Achim und den Landkreis Verden. In diesem Portal informieren wir Sie über wichtige Nachrichten und Veranstaltungen aus Ihrer Region.

Ein Artikel von
Das Porträt - alle Teile der Serie im Überblick
Ob Schützenkönig, Schulleiterin oder Stadtjuristin – in der Serie "Das Porträt" stellt der ACHIMER KURIER die unterschiedlichsten Personen aus dem Landkreis Verden vor. Die eine oder andere kennen Sie bestimmt...
Serie: Geschäftsbericht
Der Landkreis Verden – eine Region, in der neben vielen mittelständischen Betrieben und gut erschlossenen Gewerbegebieten auch immer mehr Start-ups zu finden sind. In seiner Serie "Geschäftsbericht" gibt der ACHIMER KURIER Einblicke in die Firmen selbst, zeigt die Menschen und ihre Ideen, die dahinter stecken.
Das Interview - alle Teile der Serie zum Nachlesen
Welche Pläne gibt es für die Achimer Marktpassage? Wie fühlt es sich an, das Spiel des Jahres entwickelt zu haben? Und wer entscheidet eigentlich, welche Straßen repariert werden? In seiner Serie "Das Interview" spricht der ACHIMER KURIER mit Menschen aus dem Kreis Verden über die verschiedensten Themen.
Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 18 °C / 10 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regen.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/wolkig.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 90 %
Die Sportmeldungen aus der Region
Veranstaltung für Ihre Region
Sonderthemen aus der Region
Sonderthemen aus der Region
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Traueranzeigen
WESER-KURIER Kundenservice
Leserkommentare
heinmueckausbremerhaven am 21.10.2019 20:47
Es gibt nur eine Chance wieviel Artikel beschrieben. Und jetzt schwindet mit dem Artikel von Stefan Rahmstorf das Argument, dass die BRD nur für ...
Bremen99 am 21.10.2019 20:41
Das Parken in Wild-West-Manier rund um den Freimarkt hat Tradition. Vor über 40 Jahren konnte man auch schon regelmäßig beobachten wie dreiste ...