Interview

Achimer Tafel-Chef: „Die Situation hat sich entspannt“

Die Rahmenbedingungen für die Arbeit der Tafeln sind nicht viel besser geworden, auch wenn sie wie in Achim mittlerweile weniger Flüchtlinge zu versorgen haben. Der Chef der Achimer Tafel im Interview.
30.01.2019, 16:33
Lesedauer: 7 Min
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Achimer Tafel-Chef: „Die Situation hat sich entspannt“
Von Kai Purschke

Herr Kunze, die Tafel gibt Lebensmittel ausschließlich an Menschen aus, die dafür eine Berechtigung benötigen. Sie werden allgemein als Bedürftige beschrieben. Wer verbirgt sich dahinter?

Menschen, die nicht genügend Geld zum Leben haben, ganz allgemein gesagt. Als wir 2007 angefangen haben, waren es in Deutschland ganz andere Zeiten: Die Hartz-IV-Welle war auf dem Höhepunkt, wir hatten vier Millionen Arbeitslose. Das hat sich mittlerweile halbiert, wir haben eine Vollbeschäftigung und einen Fachkräftemangel. Die Exportzahlen sind nach wie vor gut, Privatleute geben eine Menge Geld aus. Aber: Es gibt mittlerweile 940 Tafeln in Deutschland, der Bedarf ist noch genauso vorhanden. Und ich weiß noch, wie man uns damals, als wir in Achim angefangen haben, sagte, arme Leute gebe es doch gar nicht. Und das war jetzt in der Vorweihnachtszeit auch wieder der Fall, als ich gefragt wurde, warum es uns überhaupt noch gibt. Die Leute hätten doch alle einen Job, alle hätten Geld, allen ginge es gut. Dabei haben wir noch Minijobber, davon gibt es zehn Millionen in Deutschland, die ungefähr das Geld verdienen, was es inzwischen als Hartz-IV-Satz gibt. Und da sind die sogenannten Aufstocker – es gibt viele prekär Beschäftigte. Oder die Rentnerin, die früher nicht gearbeitet hat.

Das ist die eine Seite, auf der anderen steht die Lebensmittelverschwendung und dazwischen sitzt die Tafel.

Sie sagen es. Die zweite Säule des Tafelgeschäfts neben der prekären Beschäftigung ist der Wahnsinn an Lebensmittelvernichtung – elf Millionen Tonnen sind das in Deutschland jedes Jahr. Wir bemühen uns darum, auf beide Seiten zu wirken. Schauen Sie sich doch nur mal das Saisongeschäft an, was jetzt wieder zu Weihnachten gelaufen ist. Die Kekse, Adventskalender, Weihnachtsmänner, all diese Waren sind ja nicht zum 24. Dezember schlecht, das Verfallsdatum reicht bis Mitte nächsten Jahres. Nur wer kauft denn nach Weihnachten noch einen Weihnachtsmann? Wir werden wohl noch bis Ostern die ganzen Weihnachtssüßigkeiten an die Tafelkunden ausgeben. Das gehört genauso zu unseren Rahmenbedingungen wie das unselige Mindesthaltbarkeitsdatum auf den Frischwaren. Niemand stirbt, der zwei Tage nach dem Ablaufdatum einen Joghurt isst – oder zwei Monate danach.

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Dank der Tafeln fällt die Lebensmittelverschwendung kleiner aus, klingt nach einer Erfolgsgeschichte durch ehrenamtlichen Fleiß?

Wir reden nicht von einer Erfolgsgeschichte. Der größte Erfolg, den wir haben könnten, wäre der, wenn wir morgen oder übermorgen sagen könnten, wir haben alle Probleme gelöst und jetzt suchen wir uns eine andere ehrenamtliche Tätigkeit. Daran ist nicht zu glauben. Den Bedarf wird es immer geben. Denn von vielen unseren Kunden wissen wir, dass sie überhaupt nicht mehr in der Lage sind, in den Arbeitsprozess integriert zu werden.

Der Bedarf an Tafeln war doch zeitweise riesig, als die Flüchtlingszuwanderung vor drei Jahren eingesetzt hat oder nicht?

Die Flüchtlingswelle hat das Bild ab 2015 auch bei uns nachhaltig verändert. Die Situation hat sich aber Gott sei Dank entspannt. Wir hatten vor der Welle im Jahr 2014 rund 8500 Ausweise in Achim sowie den beiden Außenstellen in Bassen und Lunsen verteilt. Hinter einem Ausweis können Großfamilien bis zu elf Personen hängen. Ein Jahr später, 2015, ist die Zahl auf 11 000 gestiegen, der Höhepunkt war 2016 erreicht mit 13 000 Ausweisen. Also innerhalb von zwei Jahren von 8500 auf 13 000. Da waren wir wirklich an unsere Grenzen gelangt. Auch wir hatten überlegt, möglicherweise einen Aufnahmestopp, wie er später in Essen für Aufregung gesorgt hat, auszurufen. Das haben wir hier aber nie realisiert, es hat immer noch geklappt.

Und wie sah es in den vergangenen beiden Jahren aus?

Im Jahr 2017 sind wir dann auf 11 000 Ausweise runter und im vergangenen Jahr lagen wir bei 10 000 Ausweisen. Gegenüber 2017 hatten also wir einen Rückgang von zehn Prozent.

Könnte das wie beim Bürgerbus, wo die Zahlen einen ähnlich großen Rückgang erfahren haben, an den Flüchtlingen liegen, die die Tafel nun nicht mehr aufsuchen?

Ja, darauf ist der Rückgang ausschließlich zurückzuführen. Flüchtlinge sind wieder weggezogen, vor allem die Alleinstehenden, die am Anfang gekommen sind und in Sammelunterkünften gelebt haben. Dann sind viele Flüchtlinge zu Jobs gekommen, mit dieser Begründung haben sich auch einige von ihnen persönlich von uns verabschiedet. Auch sind sehr viele Flüchtlinge nach wie vor in schulischen Maßnahmen und die liegen zeitlich so, dass sie keine Lebensmittel abholen können.

Wie sieht es denn generell inzwischen mit dem Anteil an Flüchtlingen als Tafelkunden aus?

Der Anteil von Flüchtlingen liegt bei uns derzeit bei rund 40 Prozent. Sie sehen daran, dass der Gesamtbedarf an der Achimer Tafel auch im vierten Jahr nach der Welle fast zur Hälfte bei den geflüchteten Menschen liegt. Unter den sogenannten 60 Prozent Nichtflüchtlingen sind natürlich auch Menschen anderer Nationalitäten. Die Zahl der Nichtflüchtlinge, die zur Tafel kommen, steigt wieder an. Das haben wir ein Plus von zwölf Prozent zu 2017, während die Zahl der Flüchtlinge zu 2017 um 33 Prozent zurückging. Im vergangenen Jahr konnten wir 140 Neukunden begrüßen, es waren aber gerade mal 20 Flüchtlinge darunter. Die Messgröße für unsere Tafelarbeit ist nicht der Ausweis, sondern die Gesamtzahl der Menschen oder Familienmitglieder, die auf einem Ausweis eingetragen sind. Zurzeit sind das im Schnitt 2,6 Personen pro Ausweis. Damit kommen wir in 2018 auf insgesamt 26 000 Personen, die wir mit Lebensmitteln versorgt haben. Wie bei den Ausweisen gibt es auch hier einen leichten Rückgang von sieben Prozent.“

Insgesamt ist die Zahl der Nichtflüchtlinge dann ja aber im Vergleich zu 2014 deutlich zurückgegangen, nämlich um 2500 Menschen. Bedeutet das: Wenn es die Flüchtlingswelle nicht gegeben hätte, hätte die Achimer Tafel heute ein Viertel weniger Kunden?

Selbstverständlich. Ohne Frage hätten wir unsere Aufgabe dann sehr viel besser umsetzen können, denn die Zahl der Arbeitslosen und die der Hartz-IV-Empfänger ist ja, wie anfangs erwähnt, zurückgegangen. Ohne Flüchtlingswelle hätte es in den letzten drei Jahren bei uns anders ausgesehen, das ist schon richtig.

Ist denn deshalb ihre Arbeit nun grundsätzlich leichter oder schwieriger geworden?

Sie ist leicht schwieriger geworden. Gerade im Bereich der Kommunikation und der damit verbundenen Bürokratie – das hat sich aber inzwischen gegeben. Auch die anderen kulturellen Hintergründe der Flüchtlinge haben es uns, vor allem unseren weiblichen Helfern, die 90 Prozent des Teams ausmachen, zunächst nicht gerade einfach gemacht. Da gab es verbale Auseinandersetzungen, aber niemals körperlich. Da mussten wir ganz schön aufpassen, das wurde mit zunehmender Zeit aber besser. Grundsätzlich ist es aber schwieriger geworden im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und der Spendenakquise.

Wie meinen Sie das?

Wir haben es letztes Jahr gemerkt und Einbußen von privaten Geldspendern in der Vorweihnachtszeit registriert. Die Leute wollten wohl gerne mal woanders hin spenden oder sie gehen fälschlicherweise davon aus, dass die Tafel genug Geld bekommt. Aber die einzigen Kosten, die wir nicht haben, sind die Personalkosten. 740 Tonnen Lebensmittel im Jahr müssen ja auch bewegt werden, dafür brauchen wir beispielsweise Fahrzeuge. Ich würde sagen, wir haben 15 Prozent weniger an Geldspenden im Jahr 2018 bekommen, über die Gesamtsumme möchte ich aber nicht sprechen. Aber insgesamt ist die Unterstützung, auch von Privatleuten, immer noch gewaltig. Wir wollen uns also nicht beklagen, merken aber den Rückgang, weil unsere Kosten steigen. Nur wenn alle unsere Unterstützer und Freunde uns so beistehen wie bisher, können wir unsere umfangreiche soziale Leistung auf gleichem Niveau leisten wie bisher.

Wie beurteilen Sie aus Achim die Geschehnisse bei der Tafel in Verden und die Veruntreuung von Geldern offenbar durch deren ehemaligen und inzwischen gestorbenen Vorsitzenden, das war doch sicher auch hier Gesprächsthema?

Wir stehen seit fünf Jahren in engem Kontakt und arbeiten gut zusammen. Das war früher mal anders. Sicher haben wir das Thema auch aus Achim verfolgt. Meiner Meinung nach hat man in Verden den Kardinalfehler gemacht, dass man den Vereinsvorsitz und das Amt des Kassenwarts in eine Hand gegeben hat. Das macht man nicht. Dadurch ist das Ganze entstanden – aber wo die Motive lagen, es so zu regeln, weiß ich nicht.

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In Verden reichte also das Zwei-Augen-Prinzip, um übers Geld zu bestimmen, welche Absicherungen gibt es eigentlich bei der Tafel in Achim?

Wir haben den großen Vorteil, dass unser Kassenwart ein Achimer Steuerberater ist und in seinem Büro angegliedert eine Mitarbeiterin sitzt, die Vereinsservice für diverse Vereine leistet. Das ist also bei uns absolut vom Vorsitz getrennt und das sollte in jedem Verein so sein. Wir haben somit sogar ein Sechs-Augen-Prinzip, ehe Geld rausgeht.

Apropos Augen, wie steht es um die Achimer Tafel im Moment personell?

Wir sind eine Truppe mit etwa Hundert Ehrenamtlichen in den Bereichen Sortierung, Ausgabe und Fahrteam sowie Büro und Verwaltung. Wir sind im Prinzip gut bestückt, aber wir überaltern. Viele Leute sind mit der Tafel zehn Jahre älter geworden. Wir haben heute 80-Jährige und es ist keine leichte Arbeit bei der Tafel. Die grünen Kisten mit den Äpfeln oder Kartoffeln drin, die wiegen ganz schön was. Wir möchten die Tafel verjüngen und sind immer offen für Leute, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Seit fünf Jahren sind wir Einsatzstelle für den Bundesfreiwilligendienst, heute haben wir dafür sechs Plätze. Darauf haben wir eine sehr gute Resonanz, zurzeit haben wir fünf Bufdis im Einsatz. Bisher sind uns alle von ihnen eng verbunden geblieben.

Das Gespräch führte Kai Purschke.

Info

Zur Person

Rainer Kunze

ist 2007 Vorsitzender des eingetragenen Vereins Achimer Tafel und somit seit dessen Gründung. Der 78-Jährige lebt seit 1980 in Achim, stammt gebürtig aus Dresden. Die letzten 13 Jahre seines Berufslebens war Rainer Kunze Exportmanager bei der Firma Vitakraft. Im Jahr 2008 eröffnete die Tafel unter seiner Führung die Ausgabestelle in Bassen, im Mai 2010 eine weitere in Lunsen.

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