Smart Farming Ackern mit der App

Analoges Ackern ist nicht mehr. Smart Farming, der digitalisierte Bauernhof, ist das neue große Versprechen. Auf eine effektivere, umweltfreundlichere Landwirtschaft. Nur wer glaubt daran?
03.08.2019, 19:33
Lesedauer: 5 Min
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Ackern mit der App
Von Nico Schnurr

Die Vergangenheit liegt eingehüllt in einer Klarsichtfolie. Wenn Ludwig Wreesmann nostalgisch wird, geht er in sein Büro, tritt über den Orientteppich, vorbei am Holzschreibtisch, vor das Regal mit den Aktenordnern. Mit dem Zeigefinger streicht er über den Rücken der Hefter, mustert die Zahlen und fliegt über die Betriebsjahre. 1992, 1989, 1985. Noch eine Reihe tiefer im Regal, dann ist der Bauer angekommen: 1982. Ein wichtiges Jahr, der Anfang vom Ende des analogen Ackerbaus auf dem Hof am Rande von Friesoythe.

Wreesmann, Vollbart, randlose Brille, hohe Stirn, zieht den Ordner heraus und blättert über die Seiten wie durch ein Fotoalbum, bis er eine Klarsichtfolie entdeckt. Er fingert eine untertassengroße Magnetscheibe aus der Hülle, schwarz, sehr dünn, leicht biegsam: eine Floppy Disk, seine erste Diskette, nicht mal ein Megabyte Speicherplatz. Groß genug damals, um Daten über die Kühe und Äcker zu sichern.

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Schon in den 1980er-Jahren plante Wreesmann seinen Betrieb auf einem Rechner. Eine Weile schloss er sich nachts in seinem Büro ein, fuhr den Computer hoch und entwickelte ein Programm, das ihm helfen sollte, Futterrationen und Güllemengen zu dokumentieren. Zu einer Zeit, als Digitalisierung noch ein merkwürdiges Fremdwort war, mit dem sich maximal ein paar Wissenschaftler beschäftigten, verabschiedete sich Wreesmann bereits von handgeschriebenen Stalltabellen und Ackerkarten. „Hätte es das Wort früher schon gegeben“, sagt er, „dann hätte man mich wohl Nerd genannt.“

Der Traktor weiß, was er zu tun hat

Heute steuert Wreesmann, 64 Jahre alt, seinen Betrieb übers Smartphone. Manchmal fährt er seine hundert Hektar Land noch mit dem Traktor ab, das schon, aber lenken muss er nur noch selten, in der Nähe von Bäumen etwa, am Waldrand. Ansonsten navigiert sich die Maschine dank GPS selbst. Der Traktor weiß, was er zu tun hat. Die Fahrspuren sind zentimetergenau eingespeichert. Auch das Ackern übernimmt eine App. Wenn Wreesmann auf dem Schlepper sitzt, zieht er sofort sein Smartphone aus der Hosentasche. „Hat sich viel getan seit dem ersten Rechner“, sagt er, „das Büro habe ich inzwischen immer dabei.“ Die App warnt den Bauern, wenn er zu viel Gülle aufs Feld bringt. Das Programm kümmert sich auch um den Pflanzenschutz. Es erkennt Unkraut und meldet, wann es Zeit ist, Pestizide zu spritzen.

Analoges Ackern ist nicht mehr. Smart Farming, wie der digitalisierte Bauernhof auch genannt wird, ist das neue große Versprechen. Nur für wen? Die Bauern erhoffen sich eine effektivere Landwirtschaft, weniger Mühe, mehr Ertrag. In vielen niedersächsischen Ställen stehen schon heute Melkroboter, die sich um die Kühe kümmern, auch erkennen, wenn Tiere krank werden. Digitales Ackern soll nun folgen. Es verheißt vor allem: mehr Umweltschutz. Dünger und Pestizide kommen auf den Feldern meist großflächig zum Einsatz und landen oft nicht nur da, wo sie hingehören. Mithilfe der neuen Technik soll sich das ändern, soll alles genauer werden.

Friesoythe, ein ungewöhnlich heißer Morgen im Juli. Die Sonne brennt auf den Schirm, unter dem ein Bauer sitzt, der laut über die Zukunft seiner Branche nachdenkt. Wird Smart Farming die Landwirtschaft so sehr revolutionieren wie der Traktor? Ludwig Wreesmann überschlägt die Beine und fährt sich durch den Bart. „Nicht abzusehen“, sagt er, „wir stehen erst am Anfang.“ Nach einem Tag auf dem Acker schickt er die neuen Daten erst an einen Computer, auf dem sie dann in einem digitalen Feldkalender gespeichert und ausgewertet werden. Geht es nach den Entwicklern der neuen Apps, sollen die Maschinen bald nur noch direkt miteinander sprechen. Sensoren und Drohnen geben Befehle, der Traktor reagiert in Echtzeit, alles automatisch. Aber wollen die Bauern das überhaupt? Oder ist Wreesmann, dieser Programmierer, auf dessen Hof eine Europaflagge weht, der in seinem Wohnzimmer Folkkonzerte veranstaltet und sich um Kinder aus Tschernobyl kümmert, ist dieser Typ einfach eine Ausnahme unter den Landwirten?

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Wenn eine Branche umrüstet, verspricht das ein gutes Geschäft für die Hersteller der Technik. Wer bei Stefan Kiefer anruft, hat nicht das Gefühl, mit einem zu sprechen, der gerade den ganz großen Gewinn wittert. Er leitet das Produktmanagement der Amazonen-Werke, einer Firma, die Landmaschinen fertigt, auch in Hude bei Oldenburg. Kiefer sagt, er sieht die Sache mit dem Smart Farming nüchtern. „Eine große Digitalisierungseuphorie gibt es unter den Landwirten noch nicht“, meint er, „besonders kleinere Betreibe zweifeln noch am Mehrwert.“

Bauern von neuer Technik überzeugen

Zu Kiefers Aufgaben gehört es, die Bauern vom Sinn der neuen Technik zu überzeugen. Gar nicht so einfach, sagt er, wenn die Pachtpreise steigen und der Klimawandel die Ernte bedroht. „Das macht die Bereitschaft, in die Digitalisierung zu investieren, nicht gerade größer.“ Die Landwirtschaft werde sich nicht in rasantem Tempo wandeln. „Dafür sind die Bauern zu konservativ“, sagt Kiefer. Viele hätten Angst, ihre Daten abzugeben. Bevor das passiere, schrieben sie lieber weiter auf Papier. Wenn Kiefer Bauern trifft, sagt er ihnen, seine Firma habe nicht vor, Daten zu klauen. Er kann aber auch nicht leugnen, dass es einige amerikanische Hersteller nicht ganz so genau nehmen mit dem Datenschutz. Wie will er das Vertrauen der Bauern gewinnen? Vielleicht so: Keine zu großen Erwartungen schüren. „Die Umweltprobleme werden sich nicht mit der Digitalisierung lösen lassen, dafür braucht es Regeln, Gesetze“, sagt Kiefer. „Smart Farming kann aber helfen, den Umweltschutz einfacher zu machen.“

Wenn der Sommer naht und die sowieso sandigen Böden in Groß Hollwedel hinter Bassum immer trockener werden, baut sich Moritz Stube zwischen seinen Feldern auf. Er steht dann zwischen Zückerrüben auf der einen und Weizen auf der anderen Seite. In den Händen hält er eine Fernbedienung, die mit ihren beweglichen Köpfen aussieht wie die Controller alter Spielkonsolen. Über der Fernbedingung klemmt ein Smartphone, darauf ist die App installiert, mit der Stubbe, Landwirt, 31 Jahre alt, seine Drohne fliegen lässt. Er macht das auch aus Spaß, aber nicht nur, der Hintergrund ist ernst. „Das ist ein bisschen Spielerei, ein bisschen Kontrolle“, sagt Stubbe. Aus der Luft lässt sich besser erkennen, wie es um den Boden steht. Ein Frühwarnsystem in Zeiten der Dürre.

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Früher ist sein Vater mit dem Traktor über den Acker gefahren, hat Löcher gegraben und Proben genommen. Heute lässt Stubbe die Drohne über seine Felder fliegen. Sie macht Aufnahmen, die er später am Laptop untersucht. Er sieht nicht nur, wo seine Pflanzen vertrocknen. Stubbe erkennt an ihrer Färbung auch, wie viel Dünger sie brauchen. Vor ein paar Jahren hat er die Drohne für etwas weniger als tausend Euro gekauft. „Man generiert viele Daten“, sagt Stubbe, „wohin das führt, muss sich noch zeigen.“

Ludwig Wreesmann hält nicht viel von Horrorszenarien. „Die Apps sind auch nur so schlau wie der Bauer, der sie nutzt“, sagt er. Wenn Wreesmann nachdenken will, setzt er sich auf seinen Traktor und fährt über die Äcker. Er genießt die Ruhe auf den Feldern, den Wind, das Nichtstun. Draußen auf den Äckern nimmt er sich Zeit. Wäre nicht dramatisch, sagt Wreesmann, wenn es bald noch etwas entspannter werden sollte auf dem Traktor. Die App kann ruhig noch mehr ackern.

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