Gebäudekomplex im Fokus Ärger nach Corona-Ausbruch in Göttingen ist groß

Bei privaten Feiern sollen zahlreiche Mitglieder von Großfamilien gegen die geltenden Corona-Regeln verstoßen haben. Das Resultat: Jede Menge Neuinfektionen unter den Betroffenen - und Angst und Ärger in der Stadt.
03.06.2020, 18:12
Lesedauer: 3 Min
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Das Landgericht und das Finanzamt sind nur einen Steinwurf entfernt. Auf der anderen Straßenseite befindet sich der Zentralcampus der altehrwürdigen Georg-August-Universität, in einem Nebentrakt residiert die renommierte Private Hochschule. Dass das Göttinger Iduna-Zentrum seit Tagen als nationaler Corona-Hotspot für Schlagzeilen sorgt, liegt denn auch nicht an der respektablen Nachbarschaft, sondern an den Wohntürmen des Gebäudekomplexes - oder präziser ausgedrückt: An einem Teil der Bewohner.

Weil sich zahlreiche Mitglieder dort lebender Großfamilien bei privaten Feiern aus Anlass des muslimischen Zuckerfestes am 23. Mai nicht an die Hygiene- und Abstandsregeln gehalten haben sollen, gab es bislang mindestens 80 neue Covid-19-Infektionen. Hunderte Menschen kamen in Göttingen sowie anderen Kommunen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen als Kontaktpersonen in Quarantäne.

Wie es zu der Infektionswelle kommen konnte, verriet ein Schüler seiner Schulleitung: In seiner Familie hätten sich alle die Hand gegeben und sich umarmt. Zum Unterricht kann er ebenso wie alle anderen Schüler in Göttingen vorerst nicht mehr: Weil auch zwei Dutzend anderer Kinder infiziert sind, hat die Stadt die gerade erst wieder geöffneten Schulen allesamt erneut geschlossen. Auch im Landkreis Göttingen sind viele Schulen dicht.

Ob es für Göttingen noch schlimmer kommt und ob gar ein neuer Lockdown angeordnet werden muss, war am Mittwoch zunächst offen. Die Stadt rechne aber mit weiteren Infizierten, sagte Sprecherin Cordula Dankert. Zudem sollten die bisher nicht untersuchten Menschen der insgesamt rund 700 Bewohner des Iduna-Zentrums zum Wochenende auf das Coronavirus getestet werden.

Das damit einhergehende Interesse der Medien scheint nicht allen Bewohnern des vernachlässigt wirkenden Wohnkomplexes zu gefallen. Am Mittwoch wurde das Team eines privaten Fernseh-Senders nach eigener Aussage attackiert. „Die Leute haben gedroht, unsere Ausrüstung zu demolieren“, berichtete Kameramann Festim Beqiri. „Außerdem wurden wir von Balkonen herab mit rohen Kartoffeln beworfen.“

Gebäudekomplex Schwerpunkt der aktuellen Infektionen

Gegen Mittag fliegt zwar nichts mehr von den Balkonen der bis zu 18 Geschosse hohen Wohntürme. Vereinzelt blicken Bewohner auf die Straße hinab, wo inzwischen drei Streifenwagen der Polizei in Stellung gegangen sind. Hin und wieder verlässt oder betritt jemand das Gebäude, zumeist mit einem großen Hund an der Leine. Eine junge Frau, die ein aggressiv wirkendes Tier hinter sich her zerrt, will nicht sprechen. Die meisten anderen Bewohner auch nicht. Eine ältere Dame hebt zunächst zwar an, will dann aber auch nicht mehr reden. „Mein Sohn hat gesagt, ich soll lieber den Mund halten“, raunt sie und geht weiter. Warum sie schweigt, lässt sie offen.

Andreas Buick hat eine Idee: Das Iduna-Zentrum sei schon seit Jahren ein Schwerpunkt in der Arbeit der örtlichen Strafverfolgungsbehörden, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Göttingen. In jedem Fall sei der Gebäudekomplex der Schwerpunkt der aktuellen Covid-19-Infektionen, berichtete Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD). Dort - nicht in den Moscheen - sei beim Zuckerfest im Beisein auswärtiger Gäste gegen die Corona-Regeln verstoßen worden.

Schulen wieder geschlossen

„Es ist erschreckend, dass es Menschen gibt, die meinen, für sie gelten die Regeln nicht oder für sie wären die Regeln unter bestimmten Umständen außer Kraft gesetzt“, sagt dazu der Leiter der Neuen IGS Göttingen, Lars Humrich. „Gerade als Religionslehrer (evangelische Religion) stelle ich fest, dass wir vor allem im religiösen Bereich solche Verstöße beobachten, ob in einer Baptistengemeinde, in einer Pfingstgemeinde oder jetzt beim muslimischen Zuckerfest.“

Wenig Verständnis zeigte auch der Vorsitzende des Göttinger Stadtelternrat, Janek Freyjer. „Die Eltern sind erschüttert, dass eine Minderheit so unverantwortlich gehandelt hat, so dass jetzt die Schulen wieder geschlossen werden mussten.“

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Nach Angaben der Stadt stammt die Mehrzahl der Beteiligten aus dem früheren Jugoslawien - zu den genauen Nationalitäten gab es zunächst keine Angaben. Die Polizei wollte sich zu den Familien nicht konkret äußern - bei ihnen sei das Zuckerfest zum Ende des Ramadan traditionell ein großes Fest, sagte Kripo-Chef Thomas Breyer lediglich.

Ob die massenhaften Corona-Verstöße strafrechtliche Konsequenzen haben, war zunächst offen. Die Stadt sei vorerst damit beschäftigt, die Infektionsketten nachzuvollziehen, sagte Staatsanwaltschaft-Sprecher Buick. „Wenn sie etwas mehr Luft haben, werden sie entscheiden, gegen wen Ordnungswidrigkeiten-Verfahren eingeleitet und gegen wen Strafanzeigen erstattet werden sollen.“ Ein erheblicher Teil der Personen habe sich nach den Verstößen gegen die Corona-Regeln den behördlich angeordneten Tests zu entziehen versucht, sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende im Göttinger Stadtrat, Tom Wedrins. Der fordere daher eine scharfe Ahndung der Delikte. (dpa)

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