Ärztekammer-Präsidentin im Interview „Die junge Generation wurde vergessen“

Die junge Generation zählt zu den Verlierern der Pandemie, sagt Martina Wenker. Im Interview spricht die niedersächsische Ärztekammer-Präsidentin über die Jugend in der Krise und die neue Ethikrat-Initiative.
25.07.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Die junge Generation wurde vergessen“
Von Nico Schnurr
Frau Wenker, gibt es gesellschaftliche Verlierer dieser Pandemie?

Martina Wenker: Ganz sicher. Deutschland ist bislang gut durch die Corona-Krise gekommen. Doch das ist auch auf dem Rücken einiger Bevölkerungsgruppen passiert.

Wen meinen Sie?

Alte, junge und schwer kranke Menschen. Vor allem sie sind durch Anordnungen in die Isolation verbannt worden.

Das müssen Sie erklären.

Schulen und Kitas wurden geschlossen, die Altenheime und Klinikstationen wurden abgeschottet. Mich hat besonders bewegt, was das für Sterbende bedeutet hat. Zu Beginn der Pandemie haben viele schwer kranke Menschen ihre letzten Tage einsam verbringen müssen, weil die Familien nicht ins Krankenhaus durften. Niemand hat sie gefragt, ob sie das so wollen. Das war bedrückend. Im Lauf der Zeit hat sich die Situation bei den Kranken und Alten entspannt, Besuche in Kliniken und Altenheimen sind wieder möglich. Inzwischen besorgt mich die Situation der jungen Menschen.

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Was genau beschäftigt Sie?

Wir haben die junge Generation vergessen. Wahrscheinlich war das anfangs nicht anders möglich. Die Pandemie kam plötzlich, wir wussten wenig über das Virus. Die drastischen Corona-Maßnahmen waren richtig. Doch auf Dauer dürfen wir diese Krise nicht auf Kosten der Kinder und Jugendlichen bewältigen. Wir haben die Ethikrat-Initiative Niedersachsen ins Leben gerufen, um denen eine Stimme zu geben, die bei der Diskussion um die Corona-Maßnahmen bislang kaum gehört werden. Wenn wir die junge Generation weiter übergehen, machen wir sie noch stärker zu den Leidtragenden der Pandemie.

Ist das bislang passiert?

Ich denke schon. Junge Menschen konnten über Monate nicht richtig lernen. Kita, Schule, Uni – das alles war gar nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich. Als die Schule wieder langsam startete, wurden Kinder mit Vorerkrankungen stigmatisiert, manche mussten zu Hause bleiben. Dabei ist niemand gefährdet, weil ein Kind mit Typ-1-Diabetes ein bisschen Schnupfen hat. Es steckt eine große Angst in den Köpfen von vielen, die im Bildungsbereich verantwortlich sind. Wir sollten mutiger werden.

Was heißt das?

Kinder und Jugendliche sollten an den Debatten über diese Krise beteiligt werden. Wir müssen sie fragen, was sie wollen.

Und was wäre das?

Ich glaube, viele wollen wieder regulär in die Schule oder Uni gehen, ihr Umfeld treffen. Junge Menschen brauchen junge Menschen um sich herum. Das wurde in dieser Krise ignoriert. Zunächst war das verständlich. Doch nun müssen wir kreativ sein und überlegen, wie ein neuer Alltag für junge Menschen in Pandemie-Zeiten aussehen kann.

Haben Sie eine Idee?

Die Schulen und Unis müssen nach den Ferien zu einem neuen Normalbetrieb finden.

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Wie soll das aussehen: Normalbetrieb in Pandemie-Zeiten?

Die Schüler sollten in kleineren Gruppen lernen als bisher, auch damit Cluster-Isolierungen funktionieren. Generell halte ich es für wichtig, Corona-Ausbrüche künftig schnell und regional in Kohorten über die Kontaktpersonen zu isolieren. Wenn ein solches Konzept nicht wirken sollte, muss man es eben überdenken. Den bisherigen Krisenmodus dürfen wir aber besonders im Bildungswesen nicht ewig beibehalten.

Und wenn das sicherer wäre?

Wir können nicht die Wirtschaft hochfahren und die Bildung weiter einschränken. Das können wir uns gar nicht leisten. Schon vor Corona hatten wir einen Fachkräftemangel. Nun brauchen wir diese jungen Leute mehr denn je, auch deswegen müssen die Schulen und Unis wieder regulär öffnen.

Und was, wenn die Fallzahlen im Herbst ansteigen sollten?

Auch dann sollten wir einen generellen Lockdown vermeiden und stattdessen versuchen, die Ausbrüche regional zu kontrollieren. Die Schulen und Universitäten müssen auch im Herbst öffnen. Uns sollte klar sein: Schon jetzt werden Kinder und Jugendliche die Last der Pandemie über Jahrzehnte aushalten müssen.

Über Jahrzehnte?

Natürlich. Meine Generation geht irgendwann in Rente. Aber die Kinder und Jugendlichen werden die enorme Verschuldung, die Deutschland nun zu Recht auf sich nimmt, tragen müssen. Die Krise bringt große Lasten mit sich, und wir müssen aufpassen, dass diese Lasten nicht sehr ungleich verteilt werden.

Worauf wollen Sie hinaus?

Corona wird die soziale Kluft vergrößern. In der Krise gibt es Berufe, die dringend gebraucht werden, und solche, die nun vorübergehend wegfallen. Und das sind Millionen von Jobs. Kinder solcher Familien werden Nachteile spüren. Das müssen wir aufbrechen.

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Wie soll das gelingen?

Indem wir die nächste Phase der Krise mit mehr Fantasie meistern und der jungen Generation wieder mehr ermöglichen. Die Zeit der Anordnungen muss vorbei sein. Jetzt braucht es eine Zeit der Eigenverantwortung.

Momentan treffen sich Tausende junge Leute auf den öffentlichen Plätzen der Städte zum Feiern, mehrfach ist die Lage eskaliert.

Ich beobachte das mit großer Sorge. Natürlich war ich auch mal jung. Natürlich kann ich mir vorstellen, wie sehr die Corona-Beschränkungen die jungen Leute nerven. Natürlich gibt es gerade weniger Optionen an einem Samstagabend als sonst, die Clubs sind nun mal dicht. Dennoch habe ich für die öffentlichen Feiern kein Verständnis. Das sind erschreckende Bilder, die von Verantwortungslosigkeit zeugen.

Was ärgert Sie daran besonders?

Niemand würde den Autogurt beim Fahren weglassen, weil jahrelang nichts passiert ist. Nur weil wir die Pandemie in Deutschland gerade ganz gut im Griff haben, sollten wir das Virus nicht unterschätzen. Als Ärztin will ich diesen Jugendlichen sagen: Es ist nicht so, dass nur die Alten krank werden. Auch Jüngere erkranken zum Teil schwer an diesem Virus. Auf diesen Feiern spielt jeder nicht nur mit der Gesundheit der anderen, sondern auch mit seinem eigenen Leben.

Was tun also?

Ich denke an Cluster-Isolierungen, sollte es auf solchen Feiern zu Corona-Ausbrüchen kommen. Übrigens müsste das aus meiner Sicht auch für Ballermann-Urlauber gelten. Wer dort gefeiert hat, sollte sich nach der Rückreise für zwei Wochen in Quarantäne begeben – zum Schutz der großen Mehrheit, die sich sehr achtsam verhält. Auch das sind aber Themen, für die ich als Ärztin allein keine Lösungen präsentieren kann.

Deswegen haben Sie die Ethikrat-Initiative gegründet.

Corona verändert alle Bereiche des Lebens, es braucht viele Sichtweisen auf diese Pandemie. Also haben sich nun niedersächsische Ärzte, Medizinethiker, Juristen, Philosophen und Theologen zusammengetan. Wir wollen die Debatte erweitern um Stimmen und Perspektiven, die bislang zu selten vorkommen.

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Wie soll das funktionieren?

Im September wollen wir Betroffene befragen, darunter auch viele junge Menschen. Wir wollen wissen, was ihre Ideen sind, wie es nun vorangehen kann. Die Initiative soll eine Plattform für diejenigen sein, die unter dieser Krise besonders leiden. Auch wir kennen die Antworten auf viele Probleme noch nicht. Aber wir wollen anfangen, sie zu finden.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Martina Wenker ist Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen. Bis 2019 war sie auch Vizepräsidentin der Bundesärztekammer. Wenker ist Fachärztin für Innere Medizin, Lungen- und Bronchialheilkunde. Nun hat sie die niedersächsische Ethikrat-Initiative ins Leben gerufen.

Info

Zur Sache

Initiative Niedersächsischer Ethikrat

Elf Personen zählen zum Gremium der Initiative Niedersächsischer Ethikrat (INE). Dazu gehören neben Wissenschaftlern mit ethischer Expertise Repräsentanten der kirchlichen Wohlfahrtsverbände, etwa die Ärztekammer Niedersachsen, die Evangelische Akademie Loccum und das Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover. Die Initiative will Stellungnahmen zur politischen und gesellschaftlichen Bewältigung der Pandemie-Folgen erarbeiten.

Sie ist von Ärztekammer-Präsidentin Wenker, der SPD-Landtagsabgeordneten Thela Wernstedt, Hannovers evangelischem Landesbischof Ralf Meister und Osnabrücks katholischem Bischof Franz-Josef Bode ins Leben gerufen worden. Zur künftigen Rolle des Gremiums in politischen Entscheidungsprozessen laufen Gespräche mit den Landtagsfraktionen und der Landesregierung.

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