Zeugen im Högel-Prozess

Ahnungslos in Oldenburg

Ein früherer Vertrauter von Niels Högel berichtet am neunten Verhandlungstag im Verfahren gegen den Ex-Pfleger von seinem Verdacht. Der stellvertretende Stationsleiter will dagegen von nichts gewusst haben.
23.01.2019, 20:18
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Von Nico Schnurr
Ahnungslos in Oldenburg

Warum hat niemand in Oldenburg Niels Högel gestoppt? Der stellvertretende Stationsleiter will nichts bemerkt haben.

Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Stephan K. hat seine Schicht an einem Abend im Frühjahr 2005 gerade beendet, als er sieht, wie Niels Högel die Intensivstation des Klinikums Delmenhorst betritt. Högel hat gleich Nachtschicht. Sein Blick gleitet durch den Raum, von Bett zu Bett, bis er einen alten Patienten entdeckt, über 80 Jahre alt. Er wurde an der Hüfte operiert, sein Zustand ist stabil. Högel mustert den Mann, dann wendet er sich zu seinem Kollegen Stephan K. und sagt: „Alte Leute zu operieren, lohnt sich das überhaupt?“

Als Stephan K. am nächsten Morgen wieder auf die Station kommt, ist der alte Mann tot. Es ist der Moment, sagt er, in dem ihm klar wird: Niels Högel könnte Menschenleben auf dem Gewissen haben. Und man könnte sagen: Dieser Moment bei Stephan K. kommt spät. Sehr spät.

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Der Pfleger kennt Högel gut, vielleicht besser als alle anderen Kollegen. Er hat mit ihm schon in Oldenburg gearbeitet, zeitweise sind sie gute Freunde. Sie helfen sich bei Umzügen, feiern Feste, reden über Fußball und Beziehungen. Über die vielen Reanimationen, an denen Högel beteiligt ist, sprechen sie nicht. Auch dann nicht, als Stephan K. nach dem Tod des alten Patienten klar wird, dass etwas nicht stimmen kann. Einige Wochen später wird Högel dann erwischt, ertappt auf frischer Tat.

Als hätte Högel in einer anderen Zeitzone gemordet

So schildert es Stephan K. am neunten Verhandlungstag im Verfahren gegen Niels Högel. Der ehemalige Krankenpfleger soll hundert Patienten umgebracht haben, für sechs weitere Taten ist er bereits zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Es geht um die größte Mordserie der deutschen Nachkriegszeit. Und auch wenn die Schuld der Klinikarbeiter erst in späteren Verfahren geklärt wird, schwebt schon jetzt über allem die Frage, warum niemand Högel gestoppt hat. Warum er so lange ungehindert töten konnte.

Und immerhin, Stephan K., einst der enge Vertraute, versucht sich an einer Antwort: Er habe solange nicht wahrhaben wollen, dass Högel Patienten etwas antut, bis die Zeichen so offensichtlich wurden, dass er sie gar nicht mehr ignorieren konnte. Bis Högel über den alten Mann spottete, bevor der am Ende der Nacht im Frühjahr 2005 verstarb.

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Stephan K. ist an diesem Tag der einzige Zeuge, der so konkret wird. Der einzige, bei dem man nicht das Gefühl hat, Högel hätte in einer anderen Zeitzone gemordet, weit weg von allen anderen. Ansonsten herrscht Oldenburger Ahnungslosigkeit, mal wieder.

Der stellvertretende Stationsleiter weiß von nichts

Johann K. will nichts aufgefallen sein. Alles lange her, und dann ist die Station 211 auch noch so groß, da kann man nicht immer alles mitbekommen. Er ist stellvertretender Stationsleiter, als Högel auf der Intensivstation des Oldenburger Klinikums arbeitet. Noch immer ist Johann K. dort angestellt.

Er kommt allein in den Festsaal der Weser-Ems-Halle. Das ist inzwischen eine Nachricht, da das Klinikum seinen Mitarbeitern einen Anwalt an die Seite stellt und bezahlt. Er will frei sprechen, sagt Johann K., und dann erzählt er nur, dass es nichts zu erzählen gibt.

Die erhöhten Kaliumwerte bei Patienten: nichts Besonderes. Dass sich Ärzte wegen der Kaliumwerte getroffen haben: an ihm vorbeigegangen. Das Gerede der Kollegen über Högel: kommt vor, „Rettungsrambo“, das habe er nicht als negativ gemeint verstanden. Die viele Reanimationen während Högels Diensten: kein Thema für ihn. Aus Berlin, seiner vorherigen Station, sei er viele Wiederbelebungen gewohnt gewesen.

„Wir werden hier zum Narren gehalten“

Einmal, da hat Högel schon die Station gewechselt, soll Johann K. den Pfleger bei einem Notfall auf dem Flur der Klinik ermahnt haben: „Fass nicht meine Patienten an.“ Weiß er nicht mehr. Wieder gilt: lange her. Johann K. will nicht mal davon erfahren haben, als Högel das Klinikum im Jahr 2001 verlässt.

Als stellvertretender Stationsleiter ist es seine Aufgabe, nah dran zu sein an den Pflegern. Erster Ansprechpartner, ständig ein offenes Ohr. Es wirkt, als hätte sich Johann K. seine Ohren über Jahre mit aller Kraft zugehalten. Er macht noch eine Weile so weiter, dann reicht es dem Anwalt einer Hinterbliebenen. „Mir platzt gleich der Kragen“, ruft er. „Der zweite Zeuge aus dem Reich der Ahnungslosen. Wir werden hier zum Narren gehalten. Bei so einem Auftritt fühlen sich die Opfer verhöhnt.“

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Sofort folgt eine Ermahnung von Sebastian Bührmann. Aber auch der Richter zweifelt die Aussagen von Johann K. an. Er fragt: „Sie wollen von diesen ganzen Auffälligkeiten als stellvertretender Stationsleiter nichts gewusst haben?“ Dann folgt eine Szene, die wie eine Kopie des Vortags wirkt.

Wieder wird ein Zeuge vereidigt

Wie Oberarzt Michael H. muss nun auch Johann K. aufstehen und seine rechte Hand heben. Bührmann will den nächsten Zeugen vereidigen. Noch schnell der Hinweis, dass ein Meineid hart bestraft wird, dann lässt er Johann K. schwören. Und Johann K. schwört, allein die Wahrheit gesagt zu haben.

Zweifel daran kommen ausgerechnet von einem, der nicht für sein ausgeprägtes Verhältnis zur Wahrheit bekannt ist. Niels Högel reichen zwei Sätze, um allem zu widersprechen, was Michael H. und Johann K. an zwei Verhandlungstagen behauptet haben.

Er sagt: Die hohen Kaliumwerte bei Patienten waren früh bekannt, die Verantwortlichen haben sich darüber bei einem Treffen unterhalten. Darunter auch Michael H., der Oberarzt, und Johann K., der stellvertretende Stationsleiter. Woher er das wissen will? Er war dabei. Sagt Niels Högel, der mehrfach überführte Lügner.

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