Aliens im Watt Fremde Arten fühlen sich wohl in der Nordsee

Das Wattenmeer ist Heimat unzähliger Tier- und Pflanzenarten. Unter die heimischen Arten mischen sich auch gebietsfremde „Alien Species“. Sie sind gekommen, um zu bleiben.
25.08.2022, 09:01
Lesedauer: 4 Min
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Von dpa

Ein Raumschiff brauchen die „Alien Species“ nicht, um ins Wattenmeer zu gelangen. Sie kommen im Ballastwasser, angeheftet an Schiffsrümpfen oder entwischen aus Aquakulturen. Denn diese Aliens sind „keine Besucher von fremden Galaxien, wie es bei der schleswig-holsteinischen Nationalparkverwaltung heißt. Sondern gebietsfremde Arten, die meistens durch menschlichen Einfluss beabsichtigt oder unbeabsichtigt in das Wattenmeer eingebracht würden, sagt Marianne Sanns von der Nationalparkverwaltung. Nicht jede eingeschleppte Art ist gleichzeitig invasiv. So nennt man nur die Arten, die negative Folgen beispielsweise für das Ökosystem, die menschliche Gesundheit oder die Wirtschaft haben.

Die Zahl der gebietsfremden Arten im Wattenmeer liegt bei mehr als 100, wie Christian Buschbaum, Meeresökologe am Alfred-Wegener-Institut (AWI) auf Sylt, sagt. An der Nordseeküste werden demnach bis zu zwei neue, nicht heimische eingewanderte Arten pro Jahr entdeckt. Im Wattenmeer hätten die bisher eingeschleppten Arten keine heimische Art verdrängt.

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Dennoch: „Das Wattenmeer hat sich stark verändert“, sagt Buschbaum. „Die eingeschleppten Arten haben das Artenspektrum verändert und damit nicht nur die Biodiversität, sondern auch die Interaktion zwischen den Arten.“ Immer wenn neue Spieler in ein System kommen, gebe es auch neue Wechselwirkungen zwischen Arten. „Und die sind schon beachtlich.“ Er betont, dass dies eine Feststellung sei, keine Bewertung. Auch die Nahrungsnetze, die es im Wattenmeer gab und gibt, änderten sich. „Früher beispielsweise haben Eiderenten oder Austernfischer und auch Möwen viele Miesmuscheln gefressen. Jetzt haben wir Austern, die mit den Miesmuscheln zusammenleben und die Vögel kommen nicht mehr so einfach an die Miesmuscheln heran.“

Auch das Gemeinsame Wattenmeersekretariat in Wilhelmshaven betont, es gebe bisher noch keinen Nachweis dafür, dass einheimische Arten durch Neobiota ausgerottet wurden. Dennoch gebe es gebietsfremde Arten, die potenziell invasiv werden und die Dominanzstrukturen, Lebensräume und trophischen Systeme des Wattenmeers verändern könnten. „Ein Beispiel hierfür ist die Pazifische Auster.“

Pazifische Austern und heimische Miesmuscheln leben in gemischten Riffen

Diese Auster wurde in den 1970er Jahren für Aquakulturzwecke geholt und breitete sich dann im Wattenmeer aus. „Mittlerweile ist die Pazifische Auster im gesamten nordfriesischen Wattenmeer verbreitet und bildet ausgedehnte Bestände. Ähnliches gilt für das ostfriesische Wattenmeer“, sagt Marianne Sanns von der Nationalparkverwaltung.

Lange Zeit gab es Befürchtungen, dass die pazifischen Austern die Miesmuschelbänke überwachsen werden, die Miesmuscheln damit verdrängt und deren ökologisch wichtigen Funktionen damit wegfielen, wie Buschbaum sagt. Mittlerweile habe sich aber herausgestellt, „dass die beiden Arten bestens miteinander klarkommen: Die pazifischen Austern und die heimischen Miesmuscheln leben in gemischten Riffen.“ Die Miesmuschelzahlen seien dabei ähnlich wie zuvor.

Dass sich die „Alien Species“, die oft aus pazifischen Gewässern kommen, bei uns so wohl fühlen, ist Sanns zufolge vor allem dem Klimawandel und den steigenden Wassertemperaturen geschuldet. Außerdem blieben kalte Winter aus, die die Verbreitung gebietsfremder Arten reduzieren und verhindern würden.

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Über ein zwischen den deutschen Küstenländern und dem Bund abgestimmtes Monitoring-Programm soll herausgefunden werden, welche gebietsfremde Arten im Wattenmeer nachgewiesen werden können. „Dies ist wichtig, denn bevor man untersuchen kann, wie sich eine eingewanderte Art auf das Ökosystem auswirkt, muss man herausfinden, welche Arten überhaupt da sind“, sagte Sanns. Die Untersuchungen finden in Häfen statt, da einer der Haupteintragspfade von gebietsfremden Arten Schiffe sind, die in ihrem Ballastwasser oder im Bewuchs der Schiffsrümpfe gebietsfremde Arten mitführen.

Als blinde Passagiere in den Ballastwassertanks reisen Muscheln, Algen, Wasserflöhe und kleine Fische, aber auch Mikroorganismen wie Bakterien oder Viren mit, wie das Umweltbundesamt informiert. „Finden diese Organismen in der neuen Umgebung für sie günstige Lebensbedingungen vor, können sich in den betroffenen Ökosystemen neue Populationen dieser dort gebietsfremden Arten etablieren.“

Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation erarbeitet ein Ballastwasser-Übereinkommen

Nach Angaben des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg (BSH) haben beispielsweise die Chinesische Wollhandkrabbe, die Rippenqualle, die Dreikantmuschel sowie der Schiffsbohrwurm über Ballastwasser ihren Weg an die deutsche Nordseeküste gefunden. Wegen zunehmender Probleme mit fremden Arten durch Ballastwasser von Seeschiffen hat die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) ein Ballastwasser-Übereinkommen erarbeitet. Dieses ist am 8. September 2017 in Kraft getreten und hat zum Ziel, Risiken durch die Kontrolle und Behandlung von Ballastwasser und Sedimenten von Schiffen letztendlich zu beseitigen.

Warum aber der Aufwand, wenn das Wattenmeer mit den Zuwanderern gut zurecht kommt? „Man sagt eigentlich, je weniger Arten eingeschleppt werden, desto besser“, sagt Buschbaum. Denn es ist letztendlich eine menschengemachte Veränderung des Ökosystems. „Vielleicht können wir einfach nur von Glück sprechen, dass die ganzen Arten, die bisher gekommen sind, keine heimische Art verdrängt haben - beziehungsweise das Ökosystem nicht so nachhaltig verändert haben, dass es bestimmte ökologische Funktionen nicht mehr erfüllt.“ Man könne nicht sicher sein, welche Folgen die Etablierung einer weiteren Art hat. „Wir sprechen manches Mal von ökologischem Roulette.“ Daher solle man versuchen, die Einschleppungsrate so gering wie möglich zu halten.

Ähnlich sieht es Sanns: Die Konsequenzen einer Etablierung im Wattenmeer könne nur zeitversetzt erkannt werden. „Das Problem ist, dass es nur sehr schwierig beziehungsweise gar nicht möglich ist, die Etablierung von invasiven Arten im Wattenmeer wieder rückgängig zu machen.

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