Demenzerkrankung

Alle kommen zum Auftanken

In einer speziellen Einrichtung im Landhaus Fernblick im Hochsauerland können pflegende Angehörige zusammen mit dem demenzerkrankten Partner eine Auszeit vom Alltag nehmen.
23.11.2018, 21:41
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Alle kommen zum Auftanken
Von Gesa Below
Alle kommen zum Auftanken

Die Ehepaare Hänsch, Heun und Strauch (von links) verbringen ein paar Wochen im Landhaus Fernblick im Hochsauerland.

Dustin Weiss

Das Datum weiß Werner Strauch noch genau, 12. August 2012: Seine Frau Doris, heute 62 Jahre alt, ehemalige Krankenschwester, habe eine „frontotemporale Demenz“ – das teilt ihm ein Neurologe in der Uniklinik in Münster mit, und bis heute ärgert sich Werner Strauch noch darüber, wie unsensibel der Arzt war: „Er hat uns das einfach so gesagt, in einem Zimmer mit sechs anderen Patienten, zwischen Tür und Angel – das kann man doch nicht machen“. Aber obwohl die Botschaft furchtbar und die Art der Übermittlung schlecht war: „Es war auch eine Erleichterung, endlich zu wissen, was los ist,“ sagt der 64-Jährige.

Dieses Gefühl der Erleichterung darüber, dass endlich Klarheit herrscht über die Art der Erkrankung, das kennen viele Angehörige von Demenzkranken. Bis zu der richtigen Diagnose kann es lange dauern – eine quälend lange Zeit, in der die Ärzte dann eher eine Depression, Burnout oder auch einen Tumor vermuten. Auch Maria Hänsch und Reinhard Heun erinnern sich noch gut an diese Zeit der Ungewissheit. Jetzt sind sie mit ihren an Demenz leidenden Partnern zu einem Kuraufenthalt in einer speziellen Einrichtung im Landhaus Fernblick in Winterberg im Hochsauerland angereist. Die ehemalige Mutter-Kind-Klinik der „AW Kur und Erholungs GmbH“ hat sich in den vergangenen zwölf Jahren nach mehreren Um- und Ausbauten jetzt zu einer deutschlandweit einzigartigen Vorsorgeklinik entwickelt, in der pflegende Angehörige von Demenzkranken eine „stationäre Vorsorgemaßnahme wahrnehmen“ können, wie es etwas umständlich im Antrag an die Krankenkassen heißt.

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„Wir sind die einzige Klinik, die ausschließlich für Pflegende zugelassen ist. Für die demenzerkrankten Angehörigen gilt: Alle, ob mit Pflegestufe 1 oder 5 werden betreut – vorausgesetzt, sie können das Zimmer verlassen“, sagt Einrichtungsleiterin Isabell Hiob. Das Besondere: Der pflegende Angehörige kann zusammen mit dem Partner eine Auszeit vom Alltag nehmen, beide haben ein gemeinsames Zimmer und verbringen nur tagsüber die Zeit getrennt.

Es ist fast wie ein Hotel – und als solches wurde die Einrichtung bis vor ein paar Monaten auch betrieben. Isabell Hiob freut sich darüber, dass das „Fernblick“ nun diesen Status erhalten hat, denn jetzt kann sich jeder den Aufenthalt leisten – vorher mussten die Gäste die Auszeit selber zahlen.

Jahrelang war das Landhaus Fernblick ein barrierefreies Seniorenhotel, dann hat es sich darauf konzentriert, das Angebot besonders für die pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz attraktiv zu machen. Es gab anfangs eine täglich zweistündige Betreuung, seit vier Jahren werden die dementen Angehörigen täglich knapp acht Stunden betreut. Es gibt ein gemeinsames Frühstück. Von 8.15 Uhr bis 16 Uhr sind sie dann von ihren Partnern getrennt, werden von Fachpersonal betreut und nehmen auch das Mittagessen getrennt von ihren Angehörigen ein.

Hier wundert sich niemand, wenn die Ehefrau plötzlich aufsteht und sich zu anderen an den Tisch setzt oder der Ehemann mit den Händen ins Essen fasst – „kann ja alles passieren“, nickt Maria Hänsch, sie kennt das und bleibt gelassen, aber „wer keinen Demenzkranken betreut, der kennt solche Situationen eben nicht“.

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Ja, sagt Reinhard Heun, es sei eine große Entlastung, dass man sich nicht andauernd darum sorgen müsse, was die anderen denken. Seine Frau Bärbel, ein kleine, freundlich blickende Frau, hat eine sogenannte Hinlauf-Demenz. „Ist ein blödes Wort“, sagt er, „sie läuft nämlich weg – andauernd und überall.“ Auch, wenn er sie gerade anzieht oder auf die Toilette gesetzt hat und sich nur kurz umdreht: „Schon ist sie unterwegs – also ich nenne das Weglauf-Tendenz.“ Er lacht, aber es ist kein befreites Lachen: Die ständige Anspannung, unter der die pflegenden Angehörigen stehen, ist oft kaum auszuhalten.

„Deshalb kommen wir hierher zum Entspannen,“ sagt Maria Hänsch, die ihre Labradorhündin Maya immer dabei hat. „Maya mit Ypsilon, darauf lege ich Wert“, tätschelt sie der schokoladenbraunen Hündin den Kopf. „Die ist immer dabei, immer mittendrin, und die Leute freuen sich, wenn sie sie streicheln dürfen.“

Wie zur Bestätigung nimmt Maya ihre Leine ins Maul und läuft auf eine Gruppe von Menschen zu: „Sie sorgt einfach für Kontakt.“

Kontakt ist ein wichtiger Faktor – sowohl für die Dementen als auch für die Angehörigen, sagt Einrichtungsleiterin Hiob: Es sei bemerkenswert, wie sehr auch die schwerst erkrankten Partner davon profitieren, wenn es den Angehörigen durch den Aufenthalt besser geht – „es blühen immer beide richtig auf.“

Spaß beim Tischkegeln haben – im Stiftungsdorf Tönebön werden unterschiedliche gemeinsame Aktivitäten täglich angeboten.

Spaß beim Tischkegeln haben – im Stiftungsdorf Tönebön werden unterschiedliche gemeinsame Aktivitäten täglich angeboten.

Foto: Dustin Weiss

Winterberg, knapp 13 000 Einwohner, liegt auf 670 Meter Höhe und ist ein typischer Erholungsort in einer typischen Mittelgebirgslandschaft: keine krassen Bergspitzen, stattdessen freundlich abgerundete Hügel, viel Wald, auch Obstwiesen, bestens geeignet für Skilanglauf-Touren im manchmal langen Winter; im Sommer wandern. Gäste aus Holland kommen gerne, im Café Krämer am Markt wird besonders die Flockensahnetorte genommen – „die ist der Renner“, sagt die Verkäuferin, aber auch die Genfer Rumcrème oder „White Lady“ – Buttercremetorte mit weißer Schokolade – verkaufen sich gut. Bei Kaffee und Kuchen geht der Blick über den Marktplatz auf einen Kik-Markt und den Geschenkeartikelladen „Heimatliebe“, die meisten Autos haben HSK (Hochsauerlandkreis) als Kennzeichen, der nahe Kahle Asten ist mit 842 Höhe der zweithöchste Berg in NRW, und das „Leitsystem Winterberg“ beschildert die Sehenswürdigkeiten des Städtchens.

„Wir kommen zum Auftanken“, sagen die Gäste, die durch den neuen Status des Hauses neuerdings als Patienten geführt werden. Sie nehmen die vom Kurarzt verordneten Therapien wie Gymnastik, Physiotherapie, Progressive Muskelentspannung, aber auch Sozialberatung und psychologische Unterstützung wahr, manche gehen spazieren, andere bleiben im Haus und nutzen Schwimmbad und Sauna. Zudem gibt es natürlich auch gemeinsame Unternehmungen – der Besuch des Café Panoramablick ist eine davon. Werner Strauch fällt mit seiner besonders sportlichen Art schon etwas aus dem Rahmen: Der durchtrainierte schlanke Mann fährt Rennrad, bis zu 600 Kilometer in der Woche, wenn es das Wetter erlaubt. „Da drüben, nach Elkeringhausen“, zeigt er aus dem Panoramafenster des Hotelcafés auf die gegenüberliegenden Berge, da hat die Straße 15 Prozent Steigung – das find ich toll.“ Früher hat er mit seiner Frau Doris an Triathlons teilgenommen, sie waren im Schwimmverein, sind weite Strecken Rennrad gefahren. Jetzt pflegt er sie zu Hause, seit sieben Jahren. Doris Strauch war gerade mal Anfang 50, als das Ehepaar bemerkte, dass mit ihr etwas nicht stimmte.

Im Nachhinein sei man da immer schlauer, sagt Werner Strauch: „Damals waren das eher unscheinbare Fehlleistungen, sie hatte zum Beispiel immer zu viel Kleingeld im Portemonnaie – sie kam nicht mehr klar mit dem Abzählen an der Kasse. „Weil sie sich deswegen geschämt hat, hat sie dann eben jedes Mal einen Schein gegeben, und das Portemonnaie lief über.“ Bis zur endgültigen Diagnose hat es quälend lange gedauert, das Ehepaar hat eine Odyssee durch mehrere neurologische Kliniken hinter sich – niemand diagnostizierte Demenz.

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Eine depressive Episode habe seine Frau, vielleicht auch Burnout, hieß es über zwei Jahre, bis endlich die wirkliche Krankheit feststand – eine Zeit, in der sie mit den falschen Medikamenten behandelt wurde und es ihr immer elender ging. Und trotzdem wollte auch Werner Strauch in der Zeit lieber an eine Depression als an Demenz glauben: „Welche Diagnose würden Sie denn favorisieren?“ Die lange Krankengeschichte ist kein Einzelfall, das wissen auch die beiden anderen Ehepartner. „Wir tauschen uns natürlich aus, beim Essen oder wenn man sich im Haus über den Weg läuft“, sagt Maria Hänsch. Die Zeit zwischen dem Ausbruch der Krankheit und der Diagnose war bei ihrem Mann Dieter denkbar kurz: „Wir saßen abends beim Fernsehen, da hat er plötzlich gesagt: ,Was machen denn die vielen Leute mit den roten Mäntelchen da draußen – schließ mal schnell die Tür ab.’“ Natürlich habe sie gesagt „,du spinnst wohl,‘ aber da ist er schon wütend geworden. Dann habe ich den Arzt gerufen; ich dachte, vielleicht hat er ja einen Schlaganfall.“ Wie so oft im Krankheitsverlauf einer Demenz war auch Dieter Hänsch zeitweilig äußerst aggressiv. „Ich mach dich kaputt“, habe er manchmal gesagt, und ja, geschlagen habe er sie auch. Aber Maria Hänsch hat gelernt – auch durch die Teilnahme an Selbsthilfegruppen für die Angehörigen von Demenzkranken.

Das ist eben alles „nur die Krankheit. Wir sind 48 Jahre verheiratet, der Mann hat doch früher nie die Hand gegen mich erhoben!“ Ohne inneren Abstand, da sind sich die drei pflegenden Angehörigen einig, geht es nicht, wenn man einen dementen Menschen pflegt – und der Abstand erlaubt auch ein paar Frotzeleien: „Meine Frau läuft nie weg“, sagt Werner Strauch, „die ist total pflegeleicht.“ „Dann können wir ja mal tauschen“, schlägt Reinhard Heun vor, „meine rennt andauernd irgendwohin.“ Solche Scherze schaffen Distanz, die die Angehörigen dringend brauchen, um einen Alltag durchzuhalten mit einem Partner, der in einer anderen Welt lebt.

„Man wächst da irgendwie rein in die Situation,“ sagt Strauch. Niemals würde er seine Doris ins Heim geben. Trotz der unglaublich anstrengenden Situation, wenn er alleine mit ihr zu Hause ist? Trotz der unaufhaltsamen kompletten Entfremdung?

„Die Bärbel kennt mich schon seit Jahren nicht mehr, und unsere drei Söhne auch nicht“, sagt Reinhard Heun und zuckt die Schultern. Seine Frau, die auch in der Betreuungsgruppe ständig wegläuft, kommt in den Raum, mit leerem Blick, mit kleinen Schritten will sie an ihm vorbeigehen. Als er sie aufhält – „Bärbelchen, wo willst du denn hin?“ – und zu ihrer Gruppe zurückbringt, ist da nichts, kein Erkennen, keine Reaktion, und kaum hat er ihr dort den Rücken gedreht, läuft sie wieder los – andersherum, durch andere Räume, immer im Kreis. „Sie würde draußen sofort verschwinden.“

Manchmal öffnet sich aber auch bei schwer dementen Menschen eine Art Fenster zu ihrem früheren Leben. Vieles, was in ihrer Kindheit gelernt wurde an Liedern, Reimen oder Redewendungen, haben sie behalten. Als seine Frau noch nicht so stark erkrankt war, ist Reinhard Heun mit ihr in den Gottesdienst gegangen; jetzt sehen sie sich den manchmal im Fernsehen an: „Da steht sie dann auf und betet das Vaterunser mit – Wort für Wort.“

Von der Option, den Ehepartner in ein Heim zu geben, um das eigene Leben leben zu können und nicht ständig vor Augen zu haben, dass da keine normale Reaktion mehr ist, kein Gespräch – davon wollen die meisten Pflegenden im Landhaus Fernblick nichts wissen. „Es heißt doch bei der Hochzeit: ,in guten wie in schlechten Zeiten,‘“ sagt Maria Hänsch. „Mein Mann hat sein ganzes Leben lang dafür gesorgt, dass wir alles haben, und da soll ich ihn jetzt weggeben? Niemals! “

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Statistik „Gewalt in der Pflege“

Aus der repräsentativen Befragung „Aggression und Gewalt in der informellen Pflege“ des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) vom Juni 2018, an der 1006 Frauen und Männer im Alter zwischen 40 und 85 Jahren teilgenommen hatten, gaben rund 40 Prozent der Befragten zu, schon einmal Gewalt gegenüber einem Pflegebedürftigen ausgeübt zu haben, etwa die Hälfte berichtete, selbst schon Gewalt durch einen Pflegebedürftigen erfahren zu haben.

40 Prozent der befragten pflegenden Angehörigen geben an, mindestens ein Verhalten gezeigt zu haben, das als Gewalt einzustufen ist: Die Befragten geben häufiger an (32 Prozent) psychische Gewalt auszuüben als körperliche Gewalt (12 Prozent), Vernachlässigung (11 Prozent) oder freiheitsentziehende /einschränkende Maßnahmen

(6 Prozent). 24 Prozent der Befragten sagen, sie hätten die pflegebedürftige Person angeschrien oder herumkommandiert, 16 Prozent, sie hätten sie mit Worten eingeschüchtert oder bedroht.

Quelle: Ergebnisse der repräsentativen ZQP

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