Prozess gegen Niels Högel

Allein gegen das Schweigen

Warum wurde Niels Högel in Oldenburg nicht gestoppt? Ein früherer Pfleger und ein Oberarzt finden Antworten, die so grundverschieden sind, dass sich man fragt, ob sie auf der gleichen Station gearbeitet haben.
23.01.2019, 08:39
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Allein gegen das Schweigen
Von Nico Schnurr
Allein gegen das Schweigen

Was wussten die Mitarbeiter am Klinikum Oldenburg? Am achten Verhandlungstag gibt es zwei völlig verschiedene Antworten.

WAGNER/DPA

Frank Lauxtermann hat das Klinikum Oldenburg schon verlassen, als er im Herbst 2001 mit einem Freund und ehemaligen Kollegen zusammensitzt. Sie treffen sich regelmäßig, acht, vielleicht neun Mal im Jahr. Das war schon so, als sie noch gemeinsam Krankenpfleger auf der Intensivstation 211 waren. Sie behalten das bei, auch jetzt, da Lauxtermann sich in Bochum umschulen lässt. Wenn sie sich sehen, gehen sie in eine Kneipe oder spielen Gitarre. Und immer mal wieder sprechen sie dabei auch über Niels Högel, diesen Pfleger, der auffällig oft dabei ist, wenn Patienten wiederbelebt werden müssen.

An diesem Herbsttag im Jahr 2001 kreist das Gespräch allein um Högel. Hinter der Intensivstation 211 liegen Tage, die später als schwarzes Wochenende bekannt werden sollen. 14 Reanimationen in nur einer Nacht, nicht alle davon erfolgreich. Drei Patienten sterben noch in der Nacht, zwei wenig später. Es wird immer kurioser, sagt der Freund zu Lauxtermann. Er berichtet davon, wie die Stimmung auf der Intensivstation kippt, sich immer mehr Kollegen sorgen, weil ihnen längst klar ist: Mit diesem Högel stimmt was nicht.

So berichtet es Frank Lauxtermann am achten Verhandlungstag im Verfahren gegen Niels Högel. Der ehemalige Krankenpfleger soll mindestens hundert Patienten umgebracht haben. Viele Taten hat Högel gestanden, wegen sechs weiterer ist er bereits zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Es geht längst um die größte Mordserie der deutschen Nachkriegszeit, und weil das so ist, schwingt dabei immer auch die Frage mit, wie es überhaupt so weit kommen konnte.

„Ach herrje, der Todes-Högel hat wieder Dienst“

Warum wurde Högel in Oldenburg nicht gestoppt? Wer hat auf der Intensivstation 211 etwas gewusst? Am Dienstag sprechen zwei Zeugen, Lauxtermann, der frühere Pfleger, und ein leitender Oberarzt. Sie finden Antworten, die so grundverschieden sind, dass sich man fragt, ob sie auf der gleichen Station gearbeitet haben.

„Es gab Kollegen, die haben die Zusammenhänge gesehen: die Todesfälle, die Reanimationen, der Name Högel“, sagt Lauxtermann. Bis März 2001 teilt er sich 52 Dienste mit Högel, einem Anfangzwanziger, der auf ihn selbstbewusst wirkt, technisch tadellos, aber ohne Empathie. Lauxtermann beobachtet, wie Högel sich schnell einfügt auf der herzchirurgischen Intensivstation, der besten Station der Gegend, mit den Hochleistungsmedizinern und ihrem Elitedenken. „Viele auf der 211 hatten eine große Klappe“, sagt Lauxtermann. „Högel passte da gut rein und fiel deshalb nicht weiter auf.“

Das ändert sich, als Lauxtermann in zwei Fällen die hohen Kaliumwerte bei Högels Patienten bemerkt. Er schöpft einen ersten Verdacht, tauscht sich aus mit Kollegen, auch dann noch, als er bald darauf die Klinik verlässt. Er hört, wie Högel auf der Station erst als Pechvogel gilt, später eine Kollegin dann auch schon mal gesagt haben soll: „Ach herrje, der Todes-Högel hat wieder Dienst.“

Oberarzt will Högel nie begegnet sein

Lauxtermann glaubt: Dass Patienten häufig reanimiert werden mussten, wenn Högel Dienst hatte, muss früh aufgefallen sein. Nicht nur den Pflegern, auch der Stationsleitung, den Ärzten. Im Jahr 2014 entscheidet er sich, gegenüber den Ermittlern auszusagen. Lauxtermann allein gegen das Schweigen der anderen. Seitdem gilt er gewissermaßen als Kronzeuge für Högels Zeit auf der 211. Nicht weil er so viel weiß, sondern weil die anderen sagen, sie wissen so wenig.

Michael H. will in seiner Abteilung nichts bemerkt haben, das ihm verdächtig vorgekommen ist. Der Oberarzt ist der zweite Zeuge an diesem Verhandlungstag, er wird begleitet von einem Anwalt, den das Klinikum Oldenburg bezahlt. Lange habe er den Namen Högel nicht einmal gekannt, sagt er. Dem Pfleger will er trotz regelmäßigen Kontrollgängen über die Station, manchmal fünf, sechs Mal am Tag, nie begegnet sein.

Der Oberarzt spricht von einer hervorragenden Intensivstation, keine Auffälligkeiten, und wenn dann nur im positiven Sinne, versteht sich. Auf der 211 hatte er es schließlich mit dem besten Team der ganzen Klinik zu tun, auch im Jahr 2001: „exzellente Werte“.

Der Oberarzt: einsilbig, ausweichend

Kurz glaubt man, es muss eine Verwechslung vorliegen, falsches Krankenhaus, falscher Zeitraum. Dann räumt Michael H. nach einigen Nachfragen doch ein, dass die erhöhten Kaliumwerte bei Patienten ein Thema gewesen sind. Dass eine Besprechung unter Ärzten stattgefunden hat. Und dass es die Anweisung gab, ein Auge auf Högel zu haben.

Warum auf Högel? Der Oberarzt bleibt einsilbig, ausweichend, trägt die Antworten im leiernden Ton vor. Wieder einige Nachfragen später, sagt er dann, es sei darum gegangen, dass Högel besonders oft bei Reanimationen anwesend war. Wusste er also doch etwas?

Er habe nie einen Beweis gegen Högel gesehen, sagt der Oberarzt. Dann legt ihm das Gericht eine Strichliste vor. Sie dokumentiert, welcher Pfleger Dienst hatte, wenn reanimiert werden musste, jede Reanimation ein Strich. Högel hat die meisten. Mit großem Abstand.

Die Zweifel des Richters

Die Liste stammt von der Pflegeleitung, drunter steht ein handschriftlicher Kommentar. „Auf keinen Fall“ reicht die Beweislage aus, um die Staatsanwaltschaft zu informieren, heißt es da. Und dann noch: Högel hat sich bereits auf eine andere Station versetzen lassen. Doch Michael H. will diese Liste nicht kennen. „Die sehe ich hier zum ersten Mal.“

Kann das wirklich sein? So viel Unwissen bei einem Oberarzt? Richter Sebastian Bührmann äußert deutliche Zweifel. „Solche Sachverhalte sind mit Ihnen als zweitem Mann in der Abteilung nicht erörtert worden?“, fragt Bührmann und ermahnt: „Sie stehen unter Wahrheitspflicht.“ Keine Chance, Michael H. wiederholt nur: „Ich kenne eine solche Liste nicht.“ Dann bittet Bührmann den Oberarzt, aufzustehen und seine rechte Hand zu heben.

Der Richter will den Zeugen vereidigen. Er weist ihn darauf hin, dass ein falscher Eid hart bestraft wird. Dann lässt er Michael H. schwören, allein die Wahrheit gesagt zu haben. Und der Oberarzt sagt: „Ich schwöre, so wahr mir Gott helfe.“

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