Atommüll-Zwischenlager

Alte Mauer am Salzstock Gorleben wird eingerissen

In den kommenden Wochen soll die Mauer um das Salzbergwerk von Gorleben abgerissen werden. Lange diente sie als Schutz vor dem zivilen Widerstand gegen die Nutzung des Schachtes als Atommüll-Endlager.
15.04.2019, 22:35
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Matthias Jauch
Alte Mauer am Salzstock Gorleben wird eingerissen

Symbolisch wird ein Tor auf dem Gelände des ehemaligen Erkundungsbergwerkes entfernt.

Philipp Schulze /dpa

Als Jochen Flasbarth am Montag in den Schacht von Gorleben absteigt, hinein in das alte Salzbergwerk, zu einer letzten symbolischen Befahrung, endet auch eine Epoche. Mehrere Jahrzehnte wurde der Salzstock ab 1977 für die Endlagerung hoch radioaktiver Abfälle erkundet. Gerade Gorleben erfuhr den Widerstand der Anti-Atom-Bewegung. „Das Bergwerk Gorleben war Gegenstand einer der heftigsten gesellschaftlichen Konflikte, die in der Nachkriegszeit ausgetragen worden sind“, sagte Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium.

An kaum einem anderen Ort in der Bundesrepublik hat es so starken zivilen Widerstand gegeben. Nun wird abgerüstet. Die fünf Meter hohe Mauer, die das Bergwerk umgab, lange mit Stacheldraht versehen war, soll in den kommenden Wochen abgerissen werden. Nur ein kleines Teilstück bleibt auf Wunsch der örtlichen Bürgerinitiative erhalten. Für den Widerstand, den das Wendland mehrere Jahrzehnte lang erlebte, ist die Mauer ein Symbol – gegen die Endlagerung vor Ort und die Nutzung der Atomenergie in Deutschland. „Mit dem Erhalt eines Teilstücks der Mauer bewahren wir die Erinnerung an einen tief greifenden gesellschaftlichen Konflikt in unserem Land.“

Sinnbild des Widerstands

Gerade Anti-Atom-Aktivisten hatten sich für den Erhalt eines Teils der rund zwei Kilometer langen Mauer stark gemacht. Für sie ist die Mauer Erinnerung und Sinnbild ihres Widerstands. Zahlreiche Demonstrationen und Blockaden fanden vor der Mauer statt. Tausende Demonstranten protestierten gegen die Castor-Transporte nach Gorleben. Der Konflikt um die Nutzung der Kernenergie hat Gräben gezogen, das geplante Endlager wurde dessen Symbol. Jüngst forderte der ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) im „Tagesspiegel“ eine umfassende Aufarbeitung. „Es ist gut, dass in Gorleben nach Jahrzehnten des gesellschaftlichen Großkonflikts sichtbar abgerüstet wird. Der Abbau der Geländemauer ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung“, sagte Silvia Kotting-Uhl (Grüne), Vorsitzende des Umweltausschusses im Deutschen Bundestag, am Montag.

Lesen Sie auch

Für Flasbarth und den Tross aus Politikern mag die Einfahrt ein symbolisches Ende gewesen sein. Im Verlauf der Endlagersuche für hoch radioaktive Abfälle wird es kaum die letzte Einfahrt bleiben. Zwar war nach 2013 ein Ende der Erkundung des alten Salzstocks als Endlagerstandort beschlossen worden. Der Bundestag und das Land Niedersachsen einigten sich 2014 auf einen Rückbau des Bergwerks. Seit Anfang des Jahres ist der Rückbau unter Tage zudem nahezu beendet. Doch hat der Bundestag auch die Offenhaltung beschlossen. Wartungsarbeiten halten die Infrastruktur intakt. Für die derzeitige Endlagersuche gilt die „weiße Landkarte“. Kein Standort in Deutschland soll von der Endlagersuche ausgeschlossen sein, keiner nachrangig behandelt werden – auch der Salzstock Gorleben nicht. „So ist es im Endlagerkonsens festgehalten, und so wird es auch umgesetzt“, sagte Flasbarth.

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) sucht seit 2017 nach einem Endlagerstandort, bis 2031 soll er gefunden werden. Gebiete mit Ton-, Salz- und Granitgestein kommen als Standort infrage. Derzeit wertet die BGE die Geodaten von 64 Landesämtern und Bundesbehörden aus, schließt Standorte aus, wägt geologische Kriterien ab. Mitte 2020 will die BGE den Bericht vorlegen, der die infrage kommenden Regionen nennen soll. Vieles „was unsere Fachleute über Endlager wissen, haben sie bei der Erkundung in Gorleben“ gelernt, so Stefan Studt, Vorsitzender der BGE-Geschäftsführung.

„Für uns gehört Gorleben auf den Misthaufen der Atomgeschichte"

Die Offenhaltung des Bergwerks aber steht in der Kritik der Aktivisten. „Deshalb bleiben wir auf der Hut und müssen dafür kämpfen, dass es am Ende nicht heißt, das war eure Ehrenrunde, wie es der damalige Umweltminister Peter Altmaier uns einst ins Gesicht sagte“, so Wolfgang Ehmke, Pressesprecher der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. „Für uns gehört Gorleben auf den Misthaufen der Atomgeschichte. Dafür werden wir weiterkämpfen“, sagte Ehmke. Der Aktivist sieht einen „schwarzen Fleck“ auf der Landkarte, kritisiert auch die mangelnden Mitwirkungsmöglichkeiten bei der Endlagersuche. Partizipationsangebote blieben aufs Mitreden beschränkt. Erst wenn das Gesetz novelliert werde, kehre Fairness ein.

Kotting-Uhl mahnte Einigkeit im Suchprozess an. „Wir werden das schwierige Problem mit dem hoch radioaktiven Atommüll nur dann vertretbar lösen können, wenn alle Verantwortlichen in der Politik sich dauerhaft zu dem gemeinsamen, wissenschaftsbasierten Verfahren bekennen. Das gilt auch für Bayern“, sagte die Bundestagsabgeordnete. CSU und Freie Wähler hatten sich im Herbst in den Koalitionsvertrag geschrieben, dass Bayern „kein geeigneter Standort für ein Atomendlager“ sei.

Lesen Sie auch

Der Standort Gorleben bleibt nicht nur im Prozess der Endlagersuche zunächst erhalten – er steht auch stellvertretend für die Zwischenlagerung der radioaktiven Abfälle in Deutschland. 1900 Castoren muss das Endlager für hoch radioaktiven Müll, das nach 2031 entsteht, aufnehmen. Derzeit befinden sich die Castoren in 13 Zwischenlagern, meist an Standorten abgeschalteter oder noch laufender Atomkraftwerke. Das Problem: Ihre Genehmigungen laufen bis 2047 ab. 113 Behältnisse mit hoch radioaktivem Atommüll befinden sich nach Informationen der Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung in Gorleben. Das Brennelemente-Lager in Gorleben ist bis 2034 genehmigt.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+