Weser Flugzeugbau prägt Lemwerder über Jahrzehnte / Buch von Reinhold Thiel schildert Geschichte Am Anfang stehen Bomber für die Nazis

Fast 30 Jahre lang baute die Weser Flugzeugbau in Lemwerder Militärmaschinen und testete sie dort auch. Die Firma bildete zusammen mit dem Hersteller Focke-Wulf die Basis für die bremische Luftfahrtindustrie. Die Geschichte des auch Weserflug genannten Betriebs schildert der Hobby-Historiker Reinhold Thiel nun in einem Buch.
26.02.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Matthias Sander

Fast 30 Jahre lang baute die Weser Flugzeugbau in Lemwerder Militärmaschinen und testete sie dort auch. Die Firma bildete zusammen mit dem Hersteller Focke-Wulf die Basis für die bremische Luftfahrtindustrie. Die Geschichte des auch Weserflug genannten Betriebs schildert der Hobby-Historiker Reinhold Thiel nun in einem Buch.

Als sich im Jahr 2011 der Hersteller von Windradrotoren SGL Rotec in Lemwerder ansiedelte und die Flugpiste auf dem Werkgelände schloss, endeten dort fast achtzig Jahre Fluggeschichte. Begonnen hatte die Geschichte mit der „Weser Flugzeugbau GmbH“, deren Werdegang der Hobby-Historiker Reinhold Thiel nun für sein gleichnamiges Buch rekonstruiert hat. Die auch schlicht Weserflug genannte Firma war nicht irgendein Hersteller, sondern beschäftigte zu Hochzeiten 28000 Menschen. Und sie bildete mit Focke-Wulf die Basis für den Bremer Flugzeugbau, der heute durch Airbus fortgeführt wird, wie Thiel erklärt.

Keine Arbeit wegen Krise

Gegründet wurde die Weserflug 1934. In der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre war vielen Industriebetrieben die Arbeit ausgegangen, auch der Bremer Werft AG Weser. Deren Direktor Franz Stapelfeldt sei bei der Suche nach neuen Aufträgen auf die Idee gekommen, statt Schiffen Flugzeuge zu bauen, sagt Thiel. Unter Hitler war das ein aussichtsreiches Geschäft: „Der Flugzeugbau wurde intensiv von der Reichsregierung gefördert, die wollte eine Luftwaffe.“ Die Weserflug war also ein Anhängsel der AG Weser und gehörte wie diese zum Werftenverbund Deutsche Schiff- und Maschinenbau-Aktiengesellschaft (Demischag), der Stapelfeldt vorstand.

Die neue Firma fing an auf dem Gelände der AG Weser in Gröpelingen. Mit 50 Mann, unter ihnen Thiels Großvater. Auch Thiels Vater arbeitete später bei der Weserflug. So war es angesichts von Reinhold Thiels Interesse für Familiengeschichte, Schiffs- und Flugzeugbau wohl geradezu zwingend, dass sich der pensionierte Geschichtslehrer nach zahlreichen Veröffentlichungen nun der Weserflug widmete.

Die Firma baute zunächst Flugzeugteile und später ganze Modelle von Dornier, Junker und Heinkel in Lizenz. Die Weserflug wuchs rasant, 1936 eröffnete sie das Werk in Lemwerder. Außerdem hatte sie Standorte in Delmenhorst, Einswarden und Nordenham. Allein mehr als 4000 Bomber vom Typ JU 87, sogenannte Sturzkampf-Flugzeuge, soll das Bremer Unternehmen produziert haben.

Das Werk Lemwerder war hauptsächlich für die Endmontage und das Einfliegen zuständig, erzählt Thiel. „Die Teile wurden aus Bremen und Einswarden nach Lemwerder verschifft.“ Der Lärm der Flieger sei wohl für die Nordbremer „nicht immer so schön gewesen“.

Im Zweiten Weltkrieg teilten die Nazis der Weserflug Tausende Zwangsarbeiter zu. 3267 waren es Stand Juli 1944 laut einem Verzeichnis. Das erfährt man so genau leider nicht in Thiels Buch. Überhaupt behandelt der Autor dieses Thema wie auch die sonstige Zusammenarbeit mit dem Nazi-Regime eher unkritisch. An einer Stelle etwa schreibt Thiel knapp: „Die Kriegsgefangenen erhielten übrigens die gleiche Verpflegung wie die deutschen Mitarbeiter. Damit wollen wir uns wieder der allgemeinen Entwicklung der W.F.G. im Jahre 1940 zuwenden.“

Einige Rätsel bleiben

Die Produktion wurde im Krieg aus Angst vor Bombenangriffen dezentralisiert und das Hauptwerk nach Berlin-Tempelhof verlegt. Als die Sowjetunion jedoch die Wehrmacht im Osten zunehmend zurückdrängte und Deutschlands Kriegsniederlage immer wahrscheinlicher wurde, verlagerte die Weserflug ihre Produktion wieder in den Nordwesten. Obwohl die Firma hier ein leichtes Ziel für amerikanische und britische Fliegerangriffe war, weshalb Thiel sich den Umzug auch nicht ganz erklären kann. „Es war wohl ein Verzweiflungsakt. Die wollten weiter produzieren, bis zum Schluss.“ In Delmenhorst etwa widmete die Weserflug Gebäude der Deutschen Linoleumwerke um. In Blumenthal auf dem Gelände der Bremer Wollkämmerei wollte die Weserflug sich offenbar auch ansiedeln. Entsprechende Unterlagen, verpackt in Kartons, hätten die Siegermächte vor Ort gefunden, sagt Thiel.

Nach dem Krieg entmilitarisierten die Alliierten Deutschland, die Weserflug lag brach. Doch schon wenige Jahre später durfte Deutschland sich wieder bewaffnen. Als die Bundeswehr 1955 gegründet wurde, nahm auch die Weserflug wieder ihre Arbeit auf. „Die Weser-Flugzeugbau wurde sehr viel schneller reaktiviert als Focke-Wulf, weil sie zum Krupp-Konzern gehörte, der das nötige Geld hatte“, sagt Thiel. Das Werk in Lemwerder war noch erhalten, nur die Maschinen fehlten. Die Weserflug verlängerte die Startbahn, um die nun produzierten „Starfighter“ und „Thunderstreaks“ mit Düsenantrieb einfliegen zu können. Die Firma entwickelte die deutsch-französische Transportmaschine Transall C-160 mit und wartete Transportflugzeuge vom Typ Noratlas. „Viele Nordbremer haben in Lemwerder gearbeitet“, sagt Thiel. „Der Werkleiter Gottfried Loew etwa wohnte in Sankt Magnus.“ 1963 endete die Geschichte der Weserflug, als sie mit Focke-Wulf zu den Vereinigten Flugtechnischen Werken (VFW) fusionierte. Thiel schildert diese Geschichte sehr detailliert, mit vielen Fotos und langen Zitaten aus Originalquellen. Das macht sein Buch sehr informativ, aber auch unübersichtlich.

Trotz aller Akribie hält die Weserflug selbst für Thiel noch Geheimnisse bereit: Er hat Bilder eines riesigen unterirdischen Bunkers gefunden, in dem die Weserflug gegen Kriegsende weiterproduzieren wollte. Den Bunker schütteten die Alliierten zu; wo er sich genau befindet, sei bis heute unklar. Um solche Rätsel zu lösen, hofft Thiel nun, dass sich der ein oder andere Leser erinnert und sagt: „Mensch, ich habe noch eine Kiste von Opa im Keller stehen, die Sachen rücke ich mal heraus.“

Das Buch „,Weser‘ Flugzeugbau“ von Reinhold Thiel ist im Hauschild-Verlag erschienen, hat 280 Seiten und kostet 44 Euro.

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