Schulen zeigen sich gegenüber der Initiative des Kultusministers aufgeschlossen / Warten auf Behördenvorgaben "Angst vor Islamunterricht nehmen"

Osterholz-Scharmbeck. Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) will die Pionierrolle für Niedersachsen: Er möchte möglichst ab 2012 islamischen Religionsunterricht als reguläres Schulfach im Lande einführen, auf Augenhöhe mit evangelischer oder katholischer Religion. In Verden nimmt eine von landesweit 42 Grundschulen an einem entsprechenden Schulversuch teil, in Ritterhude und Osterholz-Scharmbeck zeigen sich die Schulleitungen aufgeschlossen und warten auf Vorgaben. Die Initiative kommt aber nur schleppend voran - aus vielfältigen Gründen.
02.04.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Bernhard Komesker

Osterholz-Scharmbeck. Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) will die Pionierrolle für Niedersachsen: Er möchte möglichst ab 2012 islamischen Religionsunterricht als reguläres Schulfach im Lande einführen, auf Augenhöhe mit evangelischer oder katholischer Religion. In Verden nimmt eine von landesweit 42 Grundschulen an einem entsprechenden Schulversuch teil, in Ritterhude und Osterholz-Scharmbeck zeigen sich die Schulleitungen aufgeschlossen und warten auf Vorgaben. Die Initiative kommt aber nur schleppend voran - aus vielfältigen Gründen.

Ein Grund könnte die öffentliche Meinung sein: Laut einer aktuellen Online-Umfrage in Bremen und Umgebung halten 57 Prozent von 500 Befragten das Vorhaben für "schlecht" oder "sehr schlecht". Barbara Heil, evangelische Religionslehrerin aus Osterholz-Scharmbeck, vermutet, dass Vorurteile im Spiel sind, Furcht vor Abschottung und Radikalisierung: "Man muss den Menschen die Angst nehmen", sagt sie. Der Islamunterricht wäre deutschsprachig und stünde unter staatlicher Aufsicht. "Ich darf doch auch nicht im Unterricht missionieren", so die Pädagogin. Sie würde eine Einführung begrüßen, es gebe ein Recht auf religiöse Bildung. Religionsunterricht sei eine Chance, sich die Welt auf eine Art und Weise zu erschließen, die andere Fächer so nicht böten.

Die Erfahrungen aus mehr als acht Modellversuchsjahren sind ermutigend: Die Pilotschulen erreichen oft weit mehr als 90 Prozent ihrer Zielgruppe. Etwa 48000 muslimische Kinder leben in Niedersachsen.

Althusmann will Angebote bei mehr als elf Kindern pro Lerngruppe - zuerst an Grundschulen, dann auch im Sekundarbereich I.

"Eine Herausforderung"

Heidrun Ehrhardt-Froese, Leiterin der Grundschule Ritterhude, schätzt, dass etwa 40 ihrer 400 Schüler Moslems sind. Fasst man je zwei Jahrgänge zusammen, ist die Zielzahl erreicht. Der Stundenplan müsste umgebaut und ein Material-Budget bereitgestellt werden: "Eine Herausforderung, aber nicht unlösbar." Das findet auch Alexandra Maaß von der Grundschule Buschhausen, wo es fast 50 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund gibt. Die Schulleiterin hat einstweilen den evangelischen Religionsunterricht für muslimische Kinder geöffnet. "Mehrere Eltern nutzen das." Wie ihre Ritterhuder Kollegin legt Maaß Wert darauf, dass das Fach gleichberechtigt in den Stundenplan integriert wird.

So sehen es die Pläne aus Hannover auch vor; seit 2010 gibt es endlich ein sogenanntes Kerncurriculum für den Stundenplan an Grundschulen. Mühevoll gestaltet sich auch die Hochschulausbildung: Beim Inhalt wollen mehrere staatliche und muslimische Stellen mitwirken; die Zahl der Studierenden ist noch überschaubar. Inzwischen sagt Althusmann, das Schulfach werde eingeführt, sobald genügend Lehrer da sind. Landesweit liegt der Bedarf bei etwa 200.

Da es sich bei den Moslems nicht um eine Religionsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes mit einer Dachorganisation handelt, feierte der Kultusminister zuletzt die Gründung eines Beirats als Durchbruch. Unter anderem sind der Landesverband der Muslime in Deutschland (Schura) und die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) beteiligt. Eine pragmatische Lösung. Und ein Sonderweg: Fast jedes Bundesland - und die meisten haben sich inzwischen auf den Weg gemacht - wählt seinen eigenen Weg zum Ziel.

In Niedersachsen sollen die Lehrkräfte muslimischen Glaubens sein; notfalls will man sie anwerben und nachschulen. Nordrhein-Westfalen und Bremen setzen dagegen weniger aufs Bekenntnis, eher auf Religionskunde aus islamischer Sicht. Der Föderalismus der Länder mit ihrem jeweils eigenen Verständnis von Religion als Schulfach und die Vielzahl der Ansprechpartner auf muslimischer Seite: Beides hat bislang offenbar verhindert, dass politischer Wille flächendeckend Realität wurde.

"Von der Landesschulbehörde haben wir noch nichts gehört", sagen übereinstimmend die Vorsitzende von Osterholz-Scharmbecks Grundschulleiter-Runde, Beke Hennemann, sowie der Vizechef der Stadtverwaltung, Jörg Fanelli-Falcke. Der Stadtdezernent sagt: "Wir halten es für richtig, in der Frage des islamischen Religionsunterrichts einen gemeinsamen Weg zu finden." Er sähe die Kommunen als Schulträger gerne daran beteiligt. Auch das Haus der Kulturen, das die Stadt im Vorjahr eröffnete, sei eine Plattform für interreligiösen Dialog, so Fanelli-Falcke. Für die Glaubenspraxis seien zuvorderst die verschiedenen Gotteshäuser da. Dass dort Koran-Unterricht stattfinde, sei eine legitime Analogie etwa zum Konfirmandenunterricht, findet er. Ein Ersatz für die eigenständige Auseinandersetzung mit Religion an staatlichen Schulen sei das nicht.

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