Landgericht: Ritterhuder Firma soll für verlustreiches Zertifikat-Geschäft geradestehen / Insolvenzverfahren läuft

Anlageberater setzte alles auf eine Karte

Das Landgericht Verden hat gut zu tun mit Anlegern, die im Zuge der Finanzkrise Geld in den Sand gesetzt haben. Etliche versuchen, Banker und Berater für Verlustgeschäfte mit Aktien, Zertifikaten und Wertpapieren zur Rechenschaft zu ziehen, weil sie sich unzureichend oder falsch beraten fühlen oder Absprachen nicht eingehalten wurden. Ein Ritterhuder Ehepaar ist mit seiner Zivilklage erfolgreich gewesen. Das Landgericht verurteilte eine Ritterhuder Anlage- und Finanzberatungsfirma zur Zahlung von Schadensersatz.
02.07.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Lutz Rode

Das Landgericht Verden hat gut zu tun mit Anlegern, die im Zuge der Finanzkrise Geld in den Sand gesetzt haben. Etliche versuchen, Banker und Berater für Verlustgeschäfte mit Aktien, Zertifikaten und Wertpapieren zur Rechenschaft zu ziehen, weil sie sich unzureichend oder falsch beraten fühlen oder Absprachen nicht eingehalten wurden. Ein Ritterhuder Ehepaar ist mit seiner Zivilklage erfolgreich gewesen. Das Landgericht verurteilte eine Ritterhuder Anlage- und Finanzberatungsfirma zur Zahlung von Schadensersatz.

Ritterhude. Will es seinen ehemaligen Anlage- und Finanzberater besuchen, reicht es für ein Ritterhuder Ehepaar aus, die Haustür aufzumachen und zwei Schritte zu gehen. Von einem vertrauensvollen nachbarschaftlichen Verhältnis in der ruhigen Reihenhaussiedlung kann jedoch schon seit längerem keine Rede mehr sein. Das Landgericht Verden verurteilte die Anlage- und Beratungsfirma, an die Eheleute von nebenan 71400 Euro Schadensersatz zu zahlen.

Laut Gericht hatte der Geschäftsführer der Beratungsfirma das ihm anvertraute Vermögen der Nachbarn in risikoreiche Euro-Stoxx-50-Zertifikate investiert und dabei alles auf eine Karte gesetzt. Als die Kurse Mitte 2011 in den Keller gingen und die Papiere aus Furcht vor einem noch tieferen Absturz schnellstens verkauft wurden, blieben von den ursprünglich mal 150000 Euro im Depot nur noch knapp 79000 Euro übrig. Auf dem Verlust wollten die Ritterhuder Eheleute nicht sitzen bleiben und zogen gegen die Anlage- und Beratungsfirma vor Gericht. Der Versuch, die Angelegenheit außergerichtlich zu klären, war zuvor erfolglos verlaufen.

Das Landgericht Verden sah es als erwiesen an, dass der Geschäftsführer bei den Zertifikat-Geschäften seine wesentlichen Pflichten aus dem Beratungsvertrag verletzt hatte und er nicht davon ausgehen konnte, dass die Eheleute mit seiner Anlagestrategie einverstanden sind. In dem 2009 unterschriebenen Vertrag zwischen dem gelernten Banker und dem Ehepaar war laut Gericht vereinbart worden, dass die möglichen Verluste der Anlage auf zehn Prozent des im Depot verwalteten Geldes begrenzt werden sollen. Ohne Rücksprache hätte der Finanzverwalter die Geschäfte nicht machen dürfen, auch wenn die Eheleute in den beiden Jahren zuvor durchaus von der Risikobereitschaft bei der Geldanlage profitiert hätten: Durch die anfangs erwirtschafteten Gewinne war der Vermögenswert des Depots zwischenzeitlich auf fast 178 000 Euro gestiegen.

Wie das Gericht in seiner Urteilsbegründung ausführte, hätten die Eheleute noch kurz vor der schief gegangenen Investition deutlich gemacht, dass sie keine Experimente wünschten und wegen der Finanzkrise keine weiteren Investitionen vorgenommen werden sollten. "Wir haben für unser Geld hart gearbeitet. Mit der Anlage wollten wir erreichen, dass wir im Alter unseren Lebensstandard halten können und den Enkeln auch mal außer der Reihe etwas bezahlen können", sagt die betroffene Rentnerin, die früher in leitender Funktion im Gesundheitsbereich tätig war.

Versicherung zahlt nicht

Der Geschäftsführer hatte vor Gericht erfolglos dafür plädiert, dass die Klage der Ritterhuder Eheleute abgewiesen wird. Seine Hoffnung, eine seiner beiden Versicherungen für Vermögensschäden von Kunden würde in diesem Fall einspringen, zerschlugen sich, wie er gegenüber dem OSTERHOLZER KREISBLATT erklärte. Mit dem Hinweis auf das Kleingedruckte in den Versicherungsbedingungen hätten sie die Deckung des Schadens zu seiner "völligen Überraschung" abgelehnt.

Wenige Tage nach der Urteilsverkündung beantragte der Geschäftsführer beim Amtsgericht Verden für seine Beratungsfirma die Insolvenz. Das Verfahren wurde Ende Mai eröffnet. Ob die Eheleute jemals etwas von dem Schadensersatz sehen werden, bleibt abzuwarten. Viel erwarten können sie nicht: Nach Auskunft der Bremer Insolvenzverwalterin wird es nach jetzigem Stand allenfalls möglich sein, aus der Insolvenzmasse die Forderungen der Gläubiger im "einstelligen Prozentbereich" zu bedienen. Das würde bedeuten, dass die Ritterhuder zwischen etwa 700 und 6300 Euro zu erwarten haben.

Laut Insolvenzverwalterin hat die Anlage- und Beratungsfirma den Betrieb eingestellt. Der bisherige Geschäftsführer gibt auf Nachfrage der Redaktion an, weiterhin im Bereich Finanz- und Anlageberatung tätig zu sein. "Empfehlungen zu direkten Börsengeschäften mit Anlagezertifikaten erteile ich nicht mehr und biete diesbezüglich keine Beratung mehr an", schreibt er der Redaktion.

Das Urteil in diesem Zivilrechtsverfahren ist nach Auskunft des Landgerichts Verden inzwischen rechtskräftig. Zu einer ebenfalls von den Eheleuten angestrengten weiteren Anklage wegen Untreue kam es nicht.

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