Täter hinterlassen Hakenkreuz

Syrische Familie verliert bei Anschlag in Gnarrenburg Existenz

Vom Traum des eigenen Restaurants sind nur Trümmer geblieben. Und Angst, denn das Feuer in dem syrischen Lokal in Gnarrenburg war ein Anschlag. Die Täter hinterließen ein Hakenkreuz auf der Ruine.
20.08.2020, 22:48
Lesedauer: 3 Min
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Von Lars Fischer
Syrische Familie verliert bei Anschlag in Gnarrenburg Existenz

Worpsweder Gastronomen, aber auch Einzelhändler oder die Galerie Mimis Erbe zeigen Solidarität. Für eine Woche "sind alle Hexenkeller", wie Transparente deutlich machen.

Carmen Jaspersen

Ein ganz normaler Mittwochabend Ende Juli. Im Hexenkeller in Gnarrenburg gehen die Lichter aus, und keiner ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass es nicht am nächsten Tag wie gewohnt weitergehen wird. Der Wirt und seine drei Brüder, die das Restaurant erst im Dezember 2019 übernommen haben, schließen die Türen ab und machen sich auf den Heimweg. Der führt nach Worpswede, denn dort lebt die Familie, seit sie im Jahr 2015 aus ihrer Heimat in Syrien geflohen ist.

Um 3.15 Uhr klingelt dann das Handy des Gastwirts, dessen Name der Redaktion bekannt ist. Die Polizei aus Bremervörde ist dran, sein Restaurant stehe in Flammen, er möge sofort nach Gnarrenburg kommen. Dort wieder angekommen trifft er auf Feuerwehr, Polizei, Krankenwagen; der Vermieter und eine Schneiderin, die im selben Haus lebten, stehen vor dem Gebäude. Alle sind unverletzt, aber fassungslos. Der Hexenkeller ist zerstört, niemand darf ihn betreten. Und auf der Brandruine prangt ein frisch gesprühtes Hakenkreuz.

Die Polizei übergibt die Ermittlungen dem Staatsschutz. Das ist üblich, wenn ein politisch motiviertes Verbrechen vermutet wird. Die Ermittlungen laufen sofort an, aber bis heute ist kein Verdächtiger gefasst. Klar ist, das Feuer ist eindeutig auf Brandstiftung zurückzuführen, das haben inzwischen auch die Sachverständigen der Versicherung bestätigt. Polizeisprecher Heiner van der Werp betont, man sei an der Sache dran. Ermittlungsergebnisse will oder kann er nicht mitteilen. Für Jascha Mangels, Integrationsbeauftragter der Gemeinde Worpswede, ein wichtiges Signal: „Es wäre für dieses Land fatal, wenn solche Fälle nicht mit Hochdruck verfolgt würden“, sagt er. Für ihn ist klar, das Feuer ist ein fremdenfeindlicher Anschlag.

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Fatal sind auch die Folgen für den Wirt und seine Familie. Er und seine Brüder sind vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen und haben sich in Worpswede wiedergetroffen. Gastronomie war schon immer ihr Berufsfeld, das haben sie gelernt und ausgeübt, auf der Flucht in der Türkei und auch in Deutschland. Mit Unterstützung von Mangels und der örtlichen Flüchtlingsinitiative haben sie sich dann in Gnarrenburg eine neue Existenz aufgebaut. Ein weiter und auch schwieriger Weg mit vielen bürokratischen Hindernissen, die sie überwinden mussten. Genehmigungen, Finanzierungen, eine Konzession – irgendwann hatten sie alles zusammen.

Sie übernahmen den Hexenkeller, und der Start war erfolgversprechend. Die Online-Bewertungen zeugen von großer Zufriedenheit. Auch Kunden, die – ob berechtigt oder nicht – etwas auszusetzen hatten, haben die Brüder mit viel Kulanz wieder „eingefangen“. Mit einem Lieferservice überstand man die Corona-Krise. Es gab Pizza, Salat oder Rollo, aber immer wieder kamen auch Gäste, die sich typisch syrische Gerichte wünschten. Zwei Wochen vor dem Anschlag hat der Hexenkeller auch das mit auf die Karte genommen. Der Laden lief, und es gab keine Probleme mit Nachbarn oder gar Drohungen.

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Mit der Nacht zum 23. Juli hat sich alles verändert für die Familie. Ihr Traum und ihre Perspektive gingen in Flammen auf. Die Arbeit von Jahren in einer Stunde vernichtet. Geblieben ist nur verkohltes Mobiliar. Der Gastwirt erzählt äußerlich ruhig von den Ereignissen, aber wer nachfragt, erfährt, dass er seitdem keine Nacht mehr richtig schläft. „Alles ist kaputt“, sagt er vieldeutig. Wie es weitergeht, wisse er nicht. Wenn die Versicherung endlich zahlt, noch einmal neu anfangen? Vielleicht, aber sicher nicht noch mal dort.

„Solche Täter denken ja, sie handelten im Sinne einer Mehrheit. Wir müssen deutlich machen, dass es nicht so ist“, sagt Jascha Mangels. Deswegen haben er und die Flüchtlingsinitiative Plakate drucken lassen und an Worpsweder Gastronomen und Einzelhändler verteilt. „Wir sind alle Hexenkeller“ steht darauf. So zeigen sich seit dieser Woche viele Läden solidarisch. Und es gibt, initiiert von der Flüchtlingspatin der Familie, eine Spendenaktion auf der Plattform betterplace.me unter dem Stichwort „Soli-Aktion nach rassistischem Brandanschlag“.

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