Bremer Frau des Jahres Immer im Einsatz

Ariane Müller aus Bassum ist eine der Bremer Frauen des Jahres. Die Krankenschwester sieht die Auszeichnung als Anerkennung für ihre jahrelange Arbeit und nimmt ihn stellvertretend für ihren Berufsstand an.
09.04.2021, 06:47
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Immer im Einsatz
Von Tobias Denne

Sicher, sie war total überrascht, als die Nachricht kam. "Das wusste ich wirklich nicht", sagt Ariane Müller freudig. Die Krankenschwester nimmt die Auszeichnung aber nicht nur für sich selbst an, sondern stellvertretend für ihre Berufsgruppe. "Im Krankenhaus arbeiten überwiegend Frauen", sagt die Bassumerin. Und sie muss es wissen, arbeitet sie doch mittlerweile fast 50 Jahre als Krankenschwester. Seit Anfang der 80er-Jahre in Bremen - im Klinikum Mitte. Vor Kurzem wurde sie nun zu einer von elf Bremer Frauen des Jahres gekürt. In diesem Jahr wurde die Auszeichnung unter dem Motto "Bremer und Bremerhavener Corona-Heldin“ verliehen.

Ariane Müller war 14 Jahre alt, als sie an den Mandeln operiert wurde. „Das war so schrecklich in dem Krankenhaus“, erinnert sich die heute 66-Jährige noch genau an die Umstände vor und nach dem Eingriff. Damals überlegte sie übrigens, ob sie Krankenschwester werden sollte oder beruflich etwas mit Kindern machen möchte. „Danach habe ich mir gesagt: Ich werde Krankenschwester“, erzählt sie. 1975 folgte die Ausbildung in Berlin, ihre Familie war in die Großstadt gezogen. Danach arbeitete sie noch zwei Jahre in Eppendorf, ehe es dann nach Bremen ging. 1981 war das. „Da habe ich schon zwei Jahre nur nachts gearbeitet“, berichtet sie. Das ist auch heute noch so - obwohl sie mittlerweile als Rentnerin im Klinikum arbeitet.

Während ihrer Ausbildungszeit hat sie mit älteren Kollegen zu tun gehabt, die unter den drei Schichten litten. „Für den Körper sind alle drei Schichten schwer“, ist sie überzeugt. Damals gab es noch einen Nachtdienstvertrag. „Damit komme ich sehr gut zurecht“, ist das laut Müller auch heute noch so. Genau so wie die Tatsache, dass sie nur auf der Intensivstation arbeitet. „ich mache die Arbeit nach wie vor sehr gern“, betont die gebürtige Emsländerin.

Sie hadert aber mit den Bedingungen, die sich in den vergangenen Jahren stark verschlechtert hätten. Spätestens seit dem Fallpauschalensystem, bei denen Krankheiten pauschal abgerechnet werden und Krankenhäuser schwarze Zahlen schreiben müssen. „Profite pflegen keine Menschen“, betont die engagierte Betriebsrätin. Sie fordere, dass das Gesundheitssystem in die öffentliche Hand gehöre. Wenn das nicht so ist, werde am Personal gespart. „Und die Menschen haben andere Bedürfnisse, als nur die Heilung der Krankheit“, weiß sie. Aber Zeit für persönliche Gespräche oder ein wenig seelische Hilfe, die bleibt kaum. „Die Wertschätzung für das gesamte Personal ist gleich null“, bedauert Müller. Das betrifft nicht nur die Krankenschwestern, sondern auch die Putzkräfte. „Ein Krankenhaus besteht nicht nur aus dem Pflegepersonal“, sagt die Bassumerin.

Deshalb engagiert sie sich auch im Betriebsrat, denn die Arbeitsbelastung sei sehr hoch. „Auch der Altersdurchschnitt“, ergänzt sie. Und wenn die in wenigen Jahren allesamt in Rente gehen, „was ist dann hier los?“. Aber es braucht den Nachwuchs, diejenigen, die gerne mit Menschen arbeiten und die Pflege übernehmen. Zusagen wie die Einmalzahlung von 1500 Euro, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im vergangenen Jahr versprochen hatte, seien spät und unvollständig angekommen. So geht Werbung indes nicht. „Wir haben monatelang drauf gewartet“, sagt Ariane Müller.

Die Arbeit an sich, am Menschen, macht ihr nach wie vor Spaß. „Ich kann selbst entscheiden, wann ich aufhöre“, erzählt sie. Die 50 Jahre will sie, wenn es körperlich möglich ist, noch voll machen. Bis dahin wird sie auch weiterhin mit guter Laune zur Arbeit kommen und sich um die Menschen kümmern, denn: „Hinter jedem Patienten steckt ein Schicksal.“

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Zur Sache

Bremer Frau des Jahres

Die Auszeichnung "Bremer Frau des Jahres" wird seit 1999 verliehen. Der damalige Bremer Frauenausschuss (BFA) wollte damit eine Initiative begründen, die fortan jährlich eine Frau für ihre Verdienste ehrt. In 2021 wurden gleich elf Frauen unter dem Motto "Bremer und Bremerhavener Corona-Heldin“ geehrt. „Es war eine schwere Wahl, denn alle vorgeschlagenen Frauen hätten die Auszeichnung verdient“, sagte Andrea Buchelt, Erste Vorsitzende des geschäftsführenden Vorstands des Landesfrauenrats. Ziel sei es gewesen, das breite Spektrum der „Corona-Heldinnen und ihre systemrelevanten, ja lebenswichtigen Berufe“ abzubilden. „Wir wollen auf das nach wie vor ungelöste Problem der zu niedrigen Entlohnung und häufig schlechten Arbeitsbedingungen in den Care-Berufen hinweisen“, so Buchelt weiter.

Die Preisträgerinnen 2021 im Überblick: Andrea Alsguth, Sylvia Offenhäuser, Birgit Burkert, Ariane Müller, Mihdiye Akbulut, Frauke Schukat, Veronika Tipke und Lena Schweers (Auszeichnung als Team), Viktoria Theoharova, Sonja Bastin und Insa Steinbeck.

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