Venus schiebt sich zwischen Erde und Sonne Astronomen hoffen auf wolkenlosen Himmel

Langwedel. Frühaufsteher können Mittwochmorgen in der Frühe ein seltenes Himmelsschauspiel beobachten: Die Venus schiebt sich zwischen Erde und Sonne. Die Langwedeler Hobbyastronomen fürchten schon um die Standfestigkeit ihrer Aussichtsplattform.
04.06.2012, 08:44
Lesedauer: 3 Min
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Von Melanie Öhlenbach

Langwedel. Frühaufsteher können Mittwochmorgen in der Frühe ein seltenes Himmelsschauspiel beobachten: Die Venus schiebt sich zwischen Erde und Sonne und wird vor der riesigen goldgelben Scheibe als kleiner schwarzer Punkt zu sehen sein.

Den nächsten Venus-Transit gibt es erst wieder in über 100 Jahren. Entsprechend groß ist der Andrang in den Sternwarten. Die Langwedeler Hobbyastronomen fürchten schon um die Standfestigkeit ihrer Aussichtsplattform.

Hoffentlich ist das Wetter gut! Das ist die größte Sorge der Sterngucker, wenn sie an Mittwoch denken. Ein Himmel voller Wolken – das wäre das Schlimmste, was ihnen bei Sonnenaufgang passieren könnte. Denn dann würden sie den Höhepunkt des Jahres, wenn nicht sogar das astronomische Jahrhundertereignis verpassen: einen kleinen dunklen Punkt vor der hellen Sonnenscheibe – den sogenannten Venus-Transit.

Der Nachbarplanet schiebt sich in der Nacht vom 5. auf den 6. Juni zwischen Erde und Sonne. In Norddeutschland ist am frühen Morgen zwar nur das Ende des gut sechsstündigen Durchgangs zu sehen. Dennoch fiebern die Hobby- Astronomendiesem Ereignis schon seit Wochen entgegen. „Das ist eine ganz seltene Konstellation und ein ganz besonderes Ereignis für die Astronomie“, sagt Gerald Willems, erster Vorsitzender der astronomischen Vereinigung Lilienthal (AVL).

Nächste Chance erst wieder 2117

Wer den Transit verpasst, hat in diesem Leben keine Chance mehr, ihn zu sehen: Das nächste Mal schiebt sich die Venus erst wieder am 11. Dezember 2117 zwischen Sonne und Erde. Grund genug für die AVL, zwischen 5 und 6.51 Uhr die Lilienthaler Sternwarte für Interessierte zu öffnen. Dort haben die Sterngucker schon am 8. Juni 2004 den Planeten bei seinem bisher letzten Durchgang beobachtet. Venus-Transite gibt es immer nur zwei in 130 Jahren. Und zwar nach einem kurzen Abstand von acht und einem langen Abstand von mehr als 100 Jahren. Warum das so ist, sei schwierig zu erklären, weil es auf komplexen mathematischen Berechnungen fuße, sagt Willems. Der Abstand hänge mit der spezifischen Neigung der Umlaufbahnen der beiden Planeten zusammen.

Auch in der Sternwarte in Bremen werden Hobby- Astronomendie „schwarze Venus“ durch ihre Fernrohre beobachten können. Holger Voigt rechnet mit 40 bis 50 Sternguckern – Mitglieder der Olbers-Gesellschaft und zwei Schulklassen. Voigt leitet die Walter-Stein-Sternwarte in der Bremer Neustadt und ist überzeugt: „So etwas muss man mal gesehen haben.“ Die Besucher werden die Venus durch Teleskope verfolgen, die mit speziellen Sonnenfiltern ausgestattet sind. Denn so schön das Ereignis auch ist, das man sogar ohne Hilfsmittel sehen kann: Experten warnen davor, ohne spezielle Schutzbrillen in die Sonne zu schauen. Das grelle Licht kann die Augen schwer schädigen und zu völliger Erblindung führen.

Die Sternwarte in Langwedel (Kreis Verden) will am Mittwoch den Beobachtungsposten kurzerhand vom Dach auf den Hof der Goldbachschule verlegen. Frank Pfeifer will dort mehrere Fernrohre aufstellen, damit viele Schüler den Venustransit sehen können. „Mit allen können wir nicht auf das Dach gehen. Das hält die Statik nicht aus“, sagt der Lehrer, Hobby-Astronom und Leiter der Astronomie-Arbeitsgemeinschaft. Trotz der frühen Morgenstunden rechnet er mit mehreren Hundert Schülern. Bereits 2004 sei das Interesse am VenusTransit groß gewesen, sagt er. „Es ist schon etwas Besonders, das Sonnensystem in 3D zu erleben.“ Auch im Unterricht soll das Phänomen thematisiert werden. „Für viele Schüler kann eine solche Beobachtung der Einstieg in die Astronomie sein.“

In der Naturwissenschaftsgeschichte spielte die „schwarze Venus“ eine herausragende Rolle. 1761 und 1769 wurde der Venus-Transit erstmals dazu genutzt, um die Entfernung zwischen Sonne und Erde zu berechnen. Dieser Abstand ist die Grundlage für die astronomische Einheit, mit der bis heute noch Distanzen im Weltall festgelegt werden. Astronomenreisten damals um den ganzen Globus, um an verschiedenen Stellen ihre Beobachtungen anzustellen; die anschließenden Berechnungen verfehlten den heute bekannten Wert von knapp 150 Millionen Kilometern „nur“ um etwa drei Millionen Kilometer. Die Venus ist der einzige Planet, der der Erde so nahe kommt. Am Mittwoch beträgt der Abstand zwischen der Erde und dem etwa gleich großen Nachbarplaneten nur rund 43 Millionen Kilometer. Das entspricht rund 7000-mal der Strecke zwischen Bremen und New York. Zum Vergleich: Der Mond ist etwa 384 000 Kilometer von der Erde entfernt, also Luftlinie etwa 63-mal der direkte Weg zwischen Hansestadt und der US-Metropole.

Einer der ersten Venus-Beobachter in Norddeutschland war der Astronom und Leiter der Göttinger Sternwarte Tobias Mayer, der von 1723 bis 1762 lebte. „Der etwas wolkichte Himmel verhinderte nicht, fast gleich nach dem Aufgang der Sonne, den Planten in derselben wahrzunehmen“, heißt es im Bericht vom 20. Juni 1761, der in den „Göttingische Anzeigen von gelehrten Sachen unter der Aufsicht der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften“ erschien. Mayer beschrieb den Planeten als „völlig rund, schwarz“ und mit einem „sehr scharfen“ Rand. „Durch dünne Wolken, aber auch durch ein gefärbtes Glas konnte man ihn auch mit blossen Augen erkennen.“ Genau auf dieses Bild hoffen auch seine Erben gut 250 Jahre später. Allein das Wetter muss mitspielen.

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