Bob und Jamie Davidson aus den USA besuchen die Kreisstadt, um mehr über ihre Wurzeln zu erfahren Auf den Spuren der alten Kaufmannsfamilie

Auf den Spuren ihrer Vorfahren besuchen Bob und Jamie Davidson aus Alabama in den USA in dieser Woche Osterholz-Scharmbeck. Der 63-jährige Amerikaner gehört zu der alteingesessenen jüdischen Kaufmannsfamilie, der bis 1938 das Kaufhaus J.D. Davidsohn in der Poststraße 4 gehörte, ehe sie es auf Druck der Nationalsozialisten und als Folge des Boykotts jüdischer Geschäfte verkaufen musste. Tante, Onkel und Großtante von Bob Davidson wurden 1942 in Minsk ermordet.
24.04.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Lutz Rode

Auf den Spuren ihrer Vorfahren besuchen Bob und Jamie Davidson aus Alabama in den USA in dieser Woche Osterholz-Scharmbeck. Der 63-jährige Amerikaner gehört zu der alteingesessenen jüdischen Kaufmannsfamilie, der bis 1938 das Kaufhaus J.D. Davidsohn in der Poststraße 4 gehörte, ehe sie es auf Druck der Nationalsozialisten und als Folge des Boykotts jüdischer Geschäfte verkaufen musste. Tante, Onkel und Großtante von Bob Davidson wurden 1942 in Minsk ermordet.

Osterholz-Scharmbeck. Bob Davidson hat sich aufgemacht, die Geschichte seiner Familie systematisch zu erforschen. "Es ist wichtig für mich, die Stadt zu sehen, in der alles begann", sagt der 63-Jährige in der Runde, die an diesem Montagmorgen zum offiziellen Empfang im Dienstzimmer von Bürgermeister Martin Wagener zusammengekommen ist. Mit dabei sind auch jene Osterholz-Scharmbecker, die die Gäste aus den USA in den vergangenen beiden Jahren bei ihren Recherchen unterstützt haben. Jürgen Heuser, Ilse Schröder und Reelf Menkhoff gehören zum Kreis derer, die für Bob Davidson Informationen über seine Familie zusammengetragen haben. Unterstützung gab es auch vom früheren Leiter des Heimatmuseums, Klaus-Peter Schulz.

Begonnen hat alles vor gut zwei Jahren über das Internet - Bob Davidson wurde bei seiner Spurensuche auf die Seite www.teufelsmoor.eu aufmerksam, die Jürgen Heuser als privates Hobby betreibt. Dort fand er ein Kapitel zur jüdischen Familie Davidsohn, die rund 200 Jahre lang in Osterholz und Scharmbeck lebte. Bob Davidson wollte mehr wissen, schrieb eine E-Mail, aus der ein reger Austausch entstand. Nach und nach rundete sich das Bild der Familiengeschichte ab. Vieles konnte geklärt werden, Namen und Verwandtschaftsverhältnisse wurden zusammengetragen, andere Kapitel der Familiengeschichte blieben bruchstückhaft. Bob Davidson hofft darauf, dass sich einige der Lücken während seines Besuches noch schließen werden - etwa durch Zeitzeugen, mit denen er bisher noch keinen Kontakt hatte. Er ist dankbar für jeden Hinweis.

Erhalten geblieben sind zum Beispiel die Ausweise einiger Familienmitglieder, die während der Nazi-Herrschaft ausgestellt wurden. Die Pässe sind auf der Rückseite mit einem großen "J" versehen, mit der die jüdische Herkunft der Passinhaber dokumentiert wurde. Aus ihren Beständen hat Ilse Schröder auch einen alten Lehrlingsvertrag von Erna Frerichs mitgebracht, die 1936 eine Ausbildung im damaligen Textilhaus an der Poststraße begann. Einen Abschluss konnte sie nicht mehr machen: Die Komission der Industrie- und Handelskammer versagte ihr zwei Jahre später die Teilnahme an der Prüfung, weil der Betrieb nicht zur abstrusen Nazi- Ideologie passte.

Auch das Mahnmal für die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft an der Bahnhofstraße in Osterholz-Scharmbeck haben die Davidsons schon besucht. Ob damit eine angemessene Form des Gedenkens gefunden wurde? Jamie Davidson findet schon, zumal dort die Namen aller Opfer aus Osterholz-Scharmbeck nachzulesen sind. "Man bekommt dadurch ein Gefühl für die Dimensionen des Geschehenen. Es ist gut, dass es einen solchen Platz gibt", sagt der Gast aus den USA.

Ehemann Bob Davidson hat bei einem Besuch in Düsseldorf wenige Tage zuvor auch die sogenannten Stolpersteine gesehen, die an das Leid und das geschehene Unrecht erinnern sollen. Die Steine mit den Messing-Inschriften sind vor Häuser gesetzt worden, in denen einst Juden zu Hause waren und die Opfer des Nationalsozialismus wurden. Der Osterholz-Scharmbecker Stadtrat hatte es im vergangenen Jahr abgelehnt, dass Stolpersteine auch in Osterholz-Scharmbeck eingesetzt werden. In der jüdischen Gemeinde sind sie durchaus umstritten - durch die Steine, so sagen die Kritiker, würden die Juden in Deutschland ein zweites Mal mit Füßen getreten. Diesem Argument schloss sich der Stadtrat bei seiner Entscheidung an. Bob Davidson empfindet das nicht so. Auch die Stolpersteine seien eine gute Art des Erinnerns.

Bis Donnerstag bleiben Bob und Jamie Davidson noch in Osterholz-Scharmbeck. Wer sie erreichen möchte, kann sie bei Familie Heuser unter Telefon 04791/959957 erreichen oder per E-Mail unter bobandjamie@gulftel.com.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+