Reichspogromnacht vor 72 Jahren Auf den Spuren jüdischen Lebens in Bassum

Bassum. Anlässlich des Jahrestags der Reichskristallnacht ist der WESER-KURIER mit der Gästeführerin Anni Wöhler-Pajenkamp auf Spurensuche jüdischen Lebens durch Bassum gegangen. Zahlreiche Männer wurden ermordet, einer von ihnen war Siegfried Rosenbach.
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Auf den Spuren jüdischen Lebens in Bassum
Von Christoph Starke

Bassum. Heute vor 72 Jahren zogen die Nazis durch die Städte, schändeten Friedhöfe, zerstörten Häuser, Geschäfte, Wohnungen und verprügelten jüdische Mitbürger. Zahlreiche Männer landeten in sogenannter Schutzhaft, in der viele von Ihnen auch umkamen. Einer von ihnen war Siegfried Rosenbach aus Bassum.

Anlässlich des Jahrestags der Reichskristallnacht ist der WESER-KURIER zusammen mit der Gästeführerin Anni Wöhler-Pajenkamp auf Spurensuche jüdischen Lebens durch Bassum gegangen. Als Quellen dienten der Gästeführerin Dokumente aus dem Stadtarchiv, das Buch 'Aufbrüche' von Gabriele Ullrich sowie das Internet.

Wer auf dem Bürgersteig an der Syker Straße nur ein bisschen genauer hinschaut, dem fallen sofort zwei Steine auf, die anders aussehen als die roten Pflastersteine. Es handelt sich um zwei Stolpersteine, die vor dem Haus an der Syker Straße 11 in den Bürgersteig eingefasst sind. Auf der Messingplatte der Steine stehen die Lebensdaten der jüdischen Eheleute Josephine und Leopold Baehr. 'Die Familie lebte in diesem Haus', erzählt Anni Wöhler-Pajenkamp und zeigt auf das Gebäude mit der Hausnummer 11. Auf Initiative der Bassumer Jusos und der SPD befinden sich im Stadtgebiet insgesamt vier Stolpersteine, die auf das Schicksal der Juden hinweisen. Ein weiterer ist Helmut Rosenberg gewidmet und findet sich an der Bahnhofstraße 8. Der vierte Stolperstein liegt vor dem Gebäude an der Kirchstraße 24. Dort lebte allerdings kein Jude, sondern der Behinderte Wilhelm Bonhorst.

'Schutzhaft' im Amtsgericht Bassum

Die Baehrs seien eine von sechs jüdischen Familien gewesen, die bis in die 30er Jahre in Bassum lebten, sagt Anni Wöhler-Pajenkamp. In der Lindenstadt arbeiteten die meisten männlichen Juden als Viehhändler - so auch Leopold Baehr. Nach den Recherchen der Gästeführerin landete dieser am 10. November 1938 im Zuge der Reichspogromnacht im Amtsgericht Bassum. Zusammen mit den anderen Bassumern Siegfried Rosenbach und Walter Ginsberg sowie weiteren Menschen aus Syke und Twistringen wurden sie dort in sogenannte Schutzhaft genommen. 'Ihre Straftat war ,Jude?', erklärt Anni Wöhler-Pajenkamp.

Nach der sogenannten Schutzhaft deportierten die Nazis viele der Juden ins KZ Buchenwald. Siegfried Rosenbach starb dort im gleichen Jahr. Walter Ginsberg kam im Dezember 1938 nach Bassum zurück. Er zog mit seiner Mutter nach Bremen, lebte zeitweise aber auch in Köln. 1941 kam er wieder ins KZ, wo er womöglich auch verstarb - in welches Konzentrationslager er allerdings deportiert wurde, ist fraglich. Anni Wöhler-Pajenkamp: '1945 wurde er für tot erklärt.' Ein tragisches Schicksal wurde den Baehrs zuteil. Nachdem ihr Mann in Schutzhaft genommen wurde, nahm sich Josephine Baehr das Leben. Leopold Baehr kehrte allerdings aus der Schutzhaft zurück und wohnte nach dem Tod seiner Ehefrau in Bremen. Von dort wurde er nach Minsk deportiert, wo er 1942 umkam. Ihre beiden Kinder Ilse und Kurt wanderten bereits nach der 'Machtergreifung' der Nazis nach Palästina aus.

Josephine Baehr fand ihre letzte Ruhe auf dem jüdischen Friedhof in Bassum. Dieser liegt etwas außerhalb an der Bundesstraße 61 in Richtung Apelstedt. Anni Wöhler-Pajenkamp drückt das kleine Tor des recht idyllisch gelegenen Areals am Waldstück an der Bundesstraße 61 auf. 'Nach jüdischer Sitte wurde der Friedhof etwas außerhalb angelegt', teilt sie mit. Etwas mehr als 20 jüdische Bürger sind hier begraben. Hinzu kommen noch einige Gräber unbekannter Soldaten, bei denen es sich vorwiegend um russische Kriegsgefangene handelte, lässt Anni Wöhler-Pajenkamp wissen. 'Das Grab von Josephine Baehr ist das letzte Grab.' Allerdings ließ Tochter Ilse nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Namen ihres Vaters zusätzlich in den Grabstein eingravieren. Einige Schritte weiter finden Besucher das erste Grab des Friedhofs aus dem Jahr 1832: Dort wurde Jonas Bloch bestattet. Auf der einen Seite stehen die Daten wie bei allen älteren jüdischen Gräbern auf dem Friedhof in lateinischer Schrift, auf der anderen Seite in hebräischen Lettern. Der Friedhof blieb während der Pogromnacht unberührt, teilt Anni Wöhler-Pajenkamp mit.

H asserfüllt und bedrohlich

Die Blochs gehörten mit den Silberbergs und den Nachmanns zu den drei größeren jüdischen Familien, die in Bassum lebten, berichtet Anni Wöhler-Pajenkamp. Die Blochs verließen schon vor der Nazi-Zeit Bassum, die Nachmanns und die Silberbergs waren noch bis in die NS-Diktatur in Bassum sesshaft. Da die Nazis schon sehr früh in Bassum aktiv gewesen waren, hätten viele Bassumer Juden schon früher die Flucht ergriffen. Bereits 1937, also ein Jahr vor der Pogromnacht, gab es in Bassum eine große NSDAP-Veranstaltung mit 7000 Teilnehmern. 'Und Bassum hatte damals nur 4000 Einwohner', verdeutlicht Anni Wöhler-Pajenkamp. 'Es herrschte ein sehr feindliches Klima. Die Nazis zogen durch den Ort und haben ihre Lieder gesungen.' So hörten auch die jüdischen Mitbewohner Bassums hasserfülltes und bedrohliches Gegröle wie 'Wenn das Judenblut vom Messer spritzt'.

In der Meierkampstraße ganz in der Nähe des Krankenhauses fällt zwischen zwei Müllunterständen neben einer Kastanie eine Gedenktafel ins Auge. 'Zum Gedenken und zur Mahnung - An dieser Stelle befand sich die Synagoge für die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger von Bassum und Umgebung'. 1988 wurde die Tafel 50 Jahre nach der Reichspogromnacht auf Initiative des SPD-Ortsvereins dort aufgestellt.

Ansonsten erinnert heutzutage nichts mehr an eine Synagoge. 1827 wurde diese auf dem Grundstück der Nachmanns erbaut und diente als Bet- und Schulhaus. Eine Zeichnung, die Anni Wöhler-Pajenkamp zu den Gästeführungen verteilt, lässt erahnen, wie es früher an der Meierkampstraße aussah. In den 1920er Jahren befand sich das Gebäude bereits in einem schlechten Zustand, berichtet Anni Wöhler-Pajenkamp. 1935 wurde es schließlich wegen Baufälligkeit abgerissen. Das hielt die Nazis trotzdem nicht davon ab, während der Reichspogromnacht an dieser Stelle ihr Unwesen zu treiben. 'Es gibt Berichte, dass dort in der Nacht gezündelt wurde', sagt Anni Wöhler-Pajenkamp.

Einige hundert Meter weiter finden sich auch Spuren jüdischen Lebens auf dem Bassumer Friedhof - nämlich an der Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Wer seinen Blick nach unten schweifen lässt, entdeckt den Namen von Otto Nachmann. Er starb während des Ersten Weltkriegs in Flandern. 'Die Nazis wollten seinen Namen 1939 von der Tafel entfernen. Das ist ihnen nicht gelungen.'

Heute legen die Jusos um 15 Uhr Rosen auf die Stolpersteine. Um 18 Uhr lädt die SPD in Bassum an der Synagoge in der Meierkampstraße zur Mahnwache ein. Wer sich für das Thema näher interessiert, kann Ilse Baehrs Geschichte in Gabriele Ullrichs Buch 'Aufbrüche. Frauenbilder aus vier Jahrhunderten zwischen Weser und Dümmer' nachlesen und die Internetseite www.juedische-geschichte-diepholz.de besuchen.

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