Suche nach Atommüllendlagern Auf uraltem Salz gebaut

In den Landkreisen Verden und Rotenburg gibt es unterirdische Salzstrukturen, die womöglich ab dem Jahr 2050 als Endlager für Atommüll genutzt werden könnten. Jedoch hat die Standortsuche erst begonnen.
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Von Ivonne Wüsthof

Von der Erdoberfläche nicht zu erkennen, liegen die geologischen Salzstrukturen doch in mehreren hundert Metern Tiefe in der oberen Erdkruste verborgen. Im Landkreis Verden befinden sich gleich zwei solcher weitläufigen Strukturen. Eine führt auf einer Länge von knapp 36 Kilometern von Quelkhorn über Schaphusen, Thedinghausen und Emtinghausen bis nach Heiligenfelde. Die Zweite erstreckt sich mit etwa 28 Kilometern zwischen Verden und Rethem. Einer der längsten Salzstöcke in der Region befindet sich jedoch in der Samtgemeinde Sottrum. 55 Kilometer führt dieser unterirdisch von Ostervesede, Scheeßel und Taaken bis nördlich nach Breddorf.

Es ist genau dieser Salzstock, der seit einigen Tagen in der Samtgemeinde im Landkreis Rotenburg für große Aufregung sorgt. Bereits im Oktober kursierte dort die Information, dass der Reeßumer Ortsteil Taaken ein potenzielles Endlager für Atommüll sein könnte, nach Meinung der Anti-Atom-Organisation „Ausgestrahlt“. Diese hatte vor zwei Monaten eine Liste mit 129 Orten veröffentlicht, die womöglich als Endlager infrage kommen. Auch Thedinghausen ist dort aufgeführt. Laut Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) könnte eine Einlagerung der Abfälle jedoch frühestens ab 2050 erfolgen – sofern Taaken oder Thedinghausen als Lagerstätte überhaupt in Betracht gezogen werden.

Bürgerversammlung in Taaken

„Da die Suche laut Gesetz auf Regionen mit Salz-, Kristallin- und Tonvorkommen begrenzt ist, ergeben sich daraus erste Anhaltspunkte, welche Gebiete betroffen sein können“, erklärt Jochen Stay, Sprecher von "Ausgestrahlt". „Aufgrund vorhandener Studien haben wir die Regionen identifiziert, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen können, in die Suche einbezogen zu werden." Offiziell sind diese Angaben jedoch nicht.

In einer ersten Bürgerversammlung in Taaken, die jetzt stattgefunden hat, beschäftigten sich die Bewohner mit dem Thema. „Wir haben versucht, den Verfahrensablauf der Standortsuche so gut wie möglich zu erklären“, erläutert Reeßums Bürgermeister Marco Körner. Dennoch gingen Ängste und Ohnmachtsgefühle um. „Die Bürger fragen sich, was sie machen können. Darum wollen wir schon früh aktiv werden.“ Körner hoffe, dass sich eine Bürgerinitiative gründen lässt, die sich auch in den nächsten Jahrzehnten gegen ein Atommüll-Endlager engagiert. Am 7. Februar, 19 Uhr, wird im Mehrzweckgebäude Reeßum eine zweite Informationsveranstaltung stattfinden.

Obwohl Thedinghausen auch auf einem Salzstock liegt und somit auf der Liste der Anti-Atom-Organisation steht, wisse man in der Samtgemeinde darüber noch nichts. „Aus meiner Sicht erscheint es extrem unwahrscheinlich, dass hier im Nahbereich der Großstadt Bremen ein Atommülllager eingerichtet wird. Da bleibt die weitere Entwicklung abzuwarten“, sagt Harald Hesse, Bürgermeister der Samtgemeinde.

Altes Datenmaterial

Für ihre Recherche hat „Ausgestrahlt“ Datenmaterial der Kernbrennstoff-Wiederaufbereitungs-Gesellschaft (Kewa) aus den Jahren 1974 bis 1976 und der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe aus dem Jahr 1995 herangezogen. Hieraus ergeben sich 129 Standorte in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt, die über geologische Salzstrukturen verfügen und möglicherweise für eine Endlagerung in Frage kämen. Jedoch stellt Monika Hotopp, Pressesprecherin der BGE, klar, dass jene Datensätze nicht aussagekräftig seien: „Die derzeit in Umlauf gebrachten Karten enthalten altes Datenmaterial und stellen für uns keine Grundlage für die weitere Suche dar.“

Die BGE ist unter anderem für die Standortsuche von Atommüllendlagern verantwortlich. Dieser Suchprozess wurde offiziell im September 2017 gestartet, somit befindet sich die BGE noch in der ersten Phase. „Konkret bedeutet dies, dass wir für das gesamte Bundesgebiet geowissenschaftliche Daten bei den Bundes- und Landesbehörden abgefragt haben und alle Gebiete im Hinblick auf die Eignung zur Einlagerung radioaktiver Abfälle überprüfen werden“, erläutert Hotopp, „derzeit können noch keine Aussagen über einzelne Gebiete getroffen werden, da wir uns noch in der Phase der Anwendung der Ausschlusskriterien und Mindestanforderungen befinden.“ Eine offizielle Karte der BGE mit denkbaren Standorten zur Atommülllagerung gebe es daher noch nicht.

Kriterien zur Standortauswahl

Grundlage für die Endlagersuche ist das Standortauswahlgesetz (StandAG). Das wissenschaftsbasierte und transparente Verfahren ist sehr komplex. Der erste Schritt widmet sich den Ausschlusskriterien. Dazu gehören vulkanische Aktivitäten, Erdbebengefahr, Bergbau und Bohrungen, geologische Hebungen, aktive Störungszonen (etwa Brüche in Gesteinsschichten der oberen Erdkruste) oder jüngere Grundwasservorkommen. Ein Gebiet ist nicht als Endlagerstandort geeignet, wenn eines dieser Kriterien dort erfüllt ist.

Ebenso sind auch die Mindestanforderungen, die ein Gebiet erfüllen muss, um als Endlager genutzt zu werden, im Standortauswahlgesetz festgelegt. Dort heißt es, dass zwischen der Erdoberfläche und dem eingelagerten Atommüll mindestens 300 Meter liegen müssen. Zusätzlich muss eine mindestens 100 Meter dicke und wasserundurchlässige Schicht aus Kristallin-, Salz- oder Tongestein vorhanden sein. Diese Voraussetzungen müssen zudem mindestens einen Zeitraum von einer Millionen Jahre überdauern.

Gebiete, die die BGE für geeignet hält, werden im „Zwischenbericht Teilgebiete“ veröffentlicht und im Rahmen der gesetzlich vorgesehenen Teilgebietekonferenz durch das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit öffentlich gemacht. „Die Veröffentlichung des Zwischenberichtes ist für das Jahr 2020 vorgesehen. Der Bericht wird für alle Bürger zugänglich sein“, sagt Monika Hotopp. Über weitere Erkundungen entscheidet schließlich der Bundestag. Es ist jedoch zu erwarten, dass die Standortentscheidung frühestens im Jahr 2031 getroffen und eine Einlagerung frühestens ab dem Jahr 2050 erfolgen wird.

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