Leckagen im Gasfeld Söhlingen

Aufregung um BUND-Alarm

Rotenburg. Mit ihrer Alarmmeldung "Erneute Grundwasserverunreinigungen bei der Gasförderung" im Feld Söhlingen sorgt die BUND-Ortsgruppe Rotenburg für Aufregung. ExxonMobil und die Behörden sprechen von einem alten Sanierungsfall.
12.10.2011, 05:00
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Aufregung um BUND-Alarm
Von Hans Ettemeyer
Aufregung um BUND-Alarm

Zur zentralen Kundgebung der IG Metall sind am Donnerstag rund 3500 Metaller auf den Bremer Marktplatz gekommen.

Barbara Rühle

Rotenburg. Mit ihrer Alarmmeldung "Erneute Grundwasserverunreinigungen bei der Gasförderung" im Feld Söhlingen sorgt die BUND-Ortsgruppe Rotenburg für Aufregung. ExxonMobil und die Behörden teilen mit: "Das sind keine neuen Leckagen, es werden lediglich alte Sanierungsfälle abgearbeitet." Indes wächst auch im Landkreis Rotenburg der Widerstand gegen die umstrittene Gasfördermethode Fracking. Und Erdwin Schoon aus Bellen macht sich Sorgen um erhöhte Quecksilberwerte in seinem Blut.

Auslöser für den BUND-Vorstoß war ein Hinweis auf der Internetseite des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie zu aktuellen Genehmigungsverfahren. Das Bergamt informiert dort unter anderem über den Antrag von ExxonMobil auf Genehmigung von Grundwasserabsenkungen für die "Sanierung von Lagerstättenwasserleitungen im Feld Söhlingen". Aus dem Antragsdatum 5. Mai 2011 schloss der BUND, dass es sich um aktuelle Störfälle handelt.

Der BUND-Vorsitzende Manfred Radtke wandte sich an den Landkreis Rotenburg und fragte nach der Art der Schadstoffe. Die Antwort: In Boden- und Wasserproben wurden Verunreinigungen durch Quecksilber, Chlorid und Kohlenwasserstoffe sowie durch die aromatischen Kohlenwasserstoffe Benzol, Toluol, Xylol und Ethylbenzol festgestellt. Angaben über den Zeitpunkt der Verunreinigung machte der Landkreis nicht. Radtke ging mit der Geschichte an die Öffentlichkeit.

"Das sind keine neuen Leckagen", sagt Gert Engelhardt vom Landkreis Rotenburg jetzt auf Nachfrage, "da werden bekannte Lecks abgearbeitet." Ähnliches teilt Ritva Westendorf-Lahouse, die Pressesprecherin von ExxonMobil, mit. "Die Sanierungsarbeiten sind bereits im vergangenen Jahr mit den Behörden abgestimmt worden." Die Anwohner seien zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen. Grundwasser sei nicht verunreinigt worden, und "die Bodenverunreinigungen sind lokal auf das unmittelbare Umfeld der Leitungen begrenzt".

Das bestätigt Klaus Söntgerath vom Bergamt. "Selbst beim größten Schaden ist nur ein Bereich von maximal zehn Metern im Umkreis betroffen." Söntgerath sieht die Ursache für die Verunreinigungen in der "unsauberen Sanierung" der Rohrleitungen vor einigen Jahren. Durch die unterirdisch verlegten Rohre fließt sogenanntes Lagerstättenwasser, das bei der Erdgasförderung anfällt, von den Förderstätten zu einer zentralen Station. Dort wird es unter anderem vom giftigen Schwermetall Quecksilber gereinigt. Als ExxonMobil in den 1990er-Jahren bei einigen Rohren beginnende Korrosion feststellte, verlegte sie in den Metallrohren Kunststoffrohre. Dazu mussten die Metallrohre an einigen Stellen geöffnet und anschließend mit Muffen wieder verschlossen werden. "Dabei ist of-

fenbar nicht immer sauber gearbeitet worden", sagt Klaus Söntgerath vom Bergamt. Während der Sanierungsarbeiten gelangte ungereinigtes Lagerstättenwasser ins Erdreich. 2007 wurden die ersten Verunreinigungen entdeckt. ExxonMobil überprüfte danach sein gesamtes Leitungssystem. Die lokalisierten Verunreinigungen würden seitdem nach und nach saniert, sagt Söntgerath. "Bei 740 Kilometern Rohrleitung wird das für ExxonMobil eine teure Angelegenheit."

Mitten im Gasfördergebiet Söhlingen wohnt Erdwin Schoon mit seiner Frau Christa und Tochter Mady. Schon lange sorgt sich der Rentner um die Gesundheit seiner Familie. Stinksauer war er, als er Anfang des Jahres aus der Zeitung erfuhr, dass an einer Leitung in der Nähe Quecksilber und andere giftige Substanzen im Boden festgestellt wurden. "Das haben wir erst gemerkt, als ExxonMobil dort die Erde ausgetauscht hat."

Erhöhte Quecksilberwerte

Schoon ging mit seiner Familie zum Arzt. Die Blutuntersuchung ergab einen Quecksilberwert von 1,4 Mikrogramm. "Normalerweise hat Quecksilber im Menschen nichts zu suchen", sagt Schoon. Seinen Verdacht, dass die hohe Quecksilberkonzentration womöglich von den Leckagen stammt, weisen ExxonMobil und die Behörden zurück. Dafür sei die Entfernung zu seinem Haus viel zu groß. Schoon verfolgt deshalb eine neue Theorie: Nur etwa 200 Meter von seinem Haus entfernt hat ExxonMobil lange Zeit Gas abgefackelt. "Wer weiß, was da zu uns herübergeweht ist", sagt Schoon. Das will er jetzt auf dem Klageweg klären lassen.

Unterdessen regt sich auch im Landkreis Rotenburg der Widerstand gegen das umstrittene Fracking. Auf Antrag der Grünen-Fraktion, zu der auch der BUND-Vorsitzende Manfred Radtke gehört, hat der Rotenburger Stadtrat eine Resolution verabschiedet. Der Rat fordert einen vorläufigen Stopp des Frackings, bis mehr Erkenntnisse über die Auswirkungen der umstrittenen Gasfördermethode vorliegen. Heute Abend will der Rotenburger Verwaltungsausschuss das weitere Vorgehen besprechen, sagt Radtke.

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