Maria 2.0

Aufstand der Frauen

Eine Woche lang treten Frauen in der katholischen Kirche unter dem Motto Maria 2.0 in den Streik. Das hat es noch nie gegeben. Sie fordern mehr Rechte für Frauen und die Aufklärung von Missbrauchsfällen.
11.05.2019, 20:56
Lesedauer: 4 Min
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Von Marc Hagedorn
Aufstand der Frauen

Auch die Erwartungen der Frauen mit Blick auf die Missbrauchsfälle sind klar formuliert.

Maurizio Gambarini, dpa

In der Twistringer St.-Anna-Kirche werden im Gottesdienst an diesem Sonntag mehr Plätze als sonst leer bleiben. Dort, wo eigentlich die Frauen sitzen, die sich ehrenamtlich in der Gemeinde engagieren, werden stattdessen weiße Tücher ausgebreitet sein. Eine Woche lang treten Frauen in der katholischen Kirche deutschlandweit unter dem Motto Maria 2.0in den Streik. Das hat es noch nie gegeben. „Wir müssen jetzt laut werden und aufstehen“, sagt Maria Stenner-Dieckmann, die in Twistringen zu den Initiatorinnen der Aktionswoche gehört.

Es ist Anfang des Jahres, als sich in Münster sieben Frauen treffen, um das „Evangelii Gaudium“, das Apostolische Schreiben von Papst Franziskus, zu lesen. Das macht die Gruppe schon länger so, aber an diesem Abend will der Austausch über die päpstliche Botschaft einfach nicht in Schwung kommen. Eine Teilnehmerin hat zuvor auf Arte die Dokumentation „Das Schweigen der Hirten“ gesehen. Der Film deckt den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche auf, zeigt, wie Kirchenführer pädophile Geistliche decken und Straftaten vertuschen. „Niemand von uns konnte mehr über die frohe Botschaft reden“, sagt Andrea Voß-Frick, „wir waren stattdessen voll von dem, was da ans Tageslicht gekommen ist. Wir haben uns gefragt: Wie können wir es vor uns, unseren Kindern, unseren Freunden rechtfertigen, in dieser Kirche zu bleiben?“

Reaktionen sogar aus New York

Voß-Frick hat in diesen Tagen alle Hände voll zu tun. Sie ist gemeinsam mit Lisa Kötter das Gesicht der Maria 2.0-Bewegung, die in der Heilig-Kreuz-Gemeinde in Münster ihren Anfang genommen hat und nun weit strahlt. In Italien, Frankreich und Spanien tun es ihnen Frauen gleich, auch in New York und Washington solidarisieren sich Frauen mit den Anliegen von Maria 2.0. Maria 2.0 deshalb, weil die Frauen das alte Rollenbild – die passive, schweigende Gottesmutter Maria – ins Jahr 2019 holen wollen, als Frau, Schwester und Mutter, die ihre Stimme erhebt. Mitinitiatorin Lisa Kötter sagte am Sonnabend in Münster, die Aktion sei ein Selbstläufer geworden. Es hätten sich Hunderte Gruppen, zum Teil ganze Kirchengemeinden, unter anderem aus Berlin, Hamburg und Freiburg mit der Bewegung solidarisiert.

In Twistringen sitzt Stenner-Dieckmann in ihrem Wohnzimmer. Sie freut sich darauf, dass die Aktionswoche am Sonntag startet. Vor ihr liegt ein Flugblatt, das die Veranstaltungen bis zum 19. Mai auflistet. An einem einzigen Abend haben sie und Mitstreiterinnen aus den zusammengeschlossenen Pfarreien Bassum, Marhorst und Harpstedt Ideen entwickelt und auf den Weg gebracht.

Die Frauen, die sonst im Gottesdienst Texte lesen, die Kommunion austeilen und die Körbchen für die Kollekte herumreichen, werden ab diesem Sonntag einfach mal eine Woche lang nicht da sein. Stattdessen laden sie am Sonntag – parallel zum regulären Hochamt – zu einem Wortgottesdienst im Innenhof der St.-Anna-Kirche ein. An anderen Tagen wird meditativ getanzt, und es sind weitere Gebetsstunden und Wortgottesdienste vor den Kirchen in Marhorst und Bassum angesetzt. Auch Männer sind ausdrücklich eingeladen.

In Twistringen läuten außerdem von Montag bis kommenden Sonnabend immer um 18.18 Uhr die Kirchenglocken. „Wir haben bewusst diese schräge Uhrzeit gewählt“, sagt Stenner-Dieckmann. Denn Glockenschläge in Twistringen sind an sich nichts Ungewöhnliches, die katholische St.-Anna-Gemeinde ist eine Hochburg im protestantischen Bremer Umland. Aber um 18.18 Uhr? Da werden die Leute aufhorchen. Und es wird höchste Zeit dafür, finden die Frauen. Ihnen geht es um nichts weniger als die Zukunft der katholischen Kirche.

"Heimat für die Seele"

Die versprochene Aufklärung der Missbrauchsfälle erscheint vielen Gläubigen halbherzig, wenn überhaupt. Die Zahl der Kirchenaustritte ist angestiegen. Bis 2060, so lauten Prognosen, wird die Kirche in Deutschland die Hälfte ihrer Mitglieder verloren haben. Das wird zu Schließungen von Gotteshäusern führen, viele Gemeinden werden nur überleben können, wenn sie sich mit anderen Gemeinden zusammentun. Mehrere Gemeinden werden auch einfach sterben.

Die Gedanken von Voß-Frick kreisen ab und an um einen möglichen Austritt aus der Kirche. „Wäre die Kirche ein Verein oder eine Partei, wäre ich längst weg“, sagt sie. Aber Kirche ist für sie „Heimat für die Seele“, wie sie sagt, „ins Exil zu gehen, würde mich zerreißen“. Also hat sie sich dafür entschieden, innerhalb der Kirche für Veränderungen zu kämpfen. Dafür, dass auch Frauen Priesterinnen werden können. Dafür, dass Frauen in der Kirche nicht länger unterdrückt werden (siehe auch das Interview auf dieser Seite), und dafür, dass sich die kirchliche Sexualmoral an der Lebenswirklichkeit der Menschen im Jahr 2019 ausrichtet.

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Auch die Erwartungen der Frauen mit Blick auf die Missbrauchsfälle sind klar formuliert: „Wir fordern kein Amt mehr für diejenigen, die andere geschändet haben an Leib und Seele oder diese Taten geduldet und vertuscht haben. Wir fordern die selbstverständliche Überstellung der Täter an weltliche Gerichte und die uneingeschränkte Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden.“

Voß-Frick sagt, dass sie von Haus aus keine Revoluzzerin sei. „Aber in diesem Fall kann ich nicht anders“, sagt sie, „ich muss meine Stimme erheben. Schließlich geht es darum, der nächsten Generation, unseren Kindern und Enkelkindern, eine Kirche zu hinterlassen, in der sie mit Freude zu Hause sein können.“

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