Ausflugslokal geschlossen Aus dem Kaffeehaus Niedersachsen wird ein Hotel

Worpswede. In der Silvesternacht haben Uta und Herbord Schröder ihre Gäste im traditionsreichen Kaffeehaus Niedersachsen zum letzten Mal als Restaurantbesitzer mit Kaffee, Kuchen und warmen Gerichten bewirtetet. Am Neujahrstag wurde das Ausflugslokal als Restaurant geschlossen.
04.01.2010, 16:51
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Erdmann

Worpswede. In der Silvesternacht haben Uta und Herbord Schröder ihre Gäste im traditionsreichen Kaffeehaus Niedersachsen zum letzten Mal als Restaurantbesitzer mit Kaffee, Kuchen und warmen Gerichten bewirtetet. Am Neujahrstag wurde das Ausflugslokal, das seit 1925 als Familienbetrieb geführt wird und in dem sich auch viele Worpsweder Künstler wohl fühlten, als Restaurant geschlossen. Doch Ostern wird das 85 Jahre alte Gebäude am Fuße des Weyerbergs wieder eröffnet: als Hotel 'Haus Niedersachsen', Am Thiergarten 2.

Das Gastronomenehepaar will weder Schürze noch Kochlöffel an den Nagel hängen; es will lediglich kürzer treten, um mehr Zeit für sich zu haben und sich außerdem der touristischen Situation im Künstler- und Naherholungsort anpassen. Gestern standen bereits die Handwerker früh morgens vor der Tür, um mit den Umbauarbeiten im ehemaligen Restaurant sowie im Obergeschoss und Stalltrakt zu beginnen.

Die Schröders wollen sich künftig als Hoteliers ausschließlich um die Pensionsgäste in acht Ferienwohnungen kümmern. Im alten Restauranttrakt und einer Glasveranda mit zusammen 100 Plätzen sowie einem Teil der Küche entstehen vier je 30 Quadratmeter große Appartements für je zwei Personen. Darüber sowie in den einstigen Stallungen haben in vier 50-Quadratmeter-Suiten bis zu vier Gäste genügend Platz. Ausgestattet werden die Wohnräume mit den Worpsweder Möbeln aus den Speisezimmern des Lokals sowie mit Bildern von Lisel Oppel, Willi Ohler, anderen Worpsweder Künstlern und dem Maler Friedrich Kunitzer (1907 bis 1998), der häufig im Kaffeehaus Niedersachsen übernachtet hatte.

Der gelernte Koch Herbord Schröder will auch nach der Hoteleröffnung Anfang April weiter am Herd stehen, und seine Ehefrau wird die Gäste in einem neu geschaffenen Frühstücksraum bewirten. Platz finden dort bis zu 20 Personen. Auf Anmeldung kann dieser Saal auch von Gesellschaften für Mittag- oder Abendessen gebucht werden. Doch bis dahin warten drei Monate anstrengende Umbauarbeiten auf den 56-Jährigen und die 54-Jährige. Nach der Fertigstellung als Übernachtungsbetrieb wollen sie das Haus in dritter Generation noch mindestens zehn Jahre führen.

Vor 85 Jahren haben Herbord Schröders Großeltern Anna und Wilhelm Giesecke auf dem zirka 2,5 Hektar großen Areal im Flurstück Thiergarten ihr Lokal im Fachwerkhaus gebaut und es 'Niedersachsenheim' genannt. Der Gastwirt stammte aus Bremen und war als Zigarrenfabrikant zu Geld gekommen. Seine Ehefrau, eine geborene Bischoff, war Worpswederin. Jahrzehnte lang stand sie in der Küche und kochte für ungezählte Gäste leckere Rouladen, Hühnerfrikassee und Bauernfrühstück. Auch als ihre Tochter Hilla den Worpsweder Gastwirtssohn vom Hotel Stadt Bremen, Hermann Schröder, geheiratet und das Lokal übernommen hatte, blieb die Küche weiter Anna Gieseckes Domäne. Erst nach 1978 hatte der Enkelsohn Herbord dann am Herd das Sagen. Die Spezialitäten des Hauses waren nun diverse Gerichte aus Buchweizen und weitere regionale Speisen.

Neben den Ausflüglern von nah und fern kehrten auch gerne örtliche Künstler im Kaffeehaus Niedersachsen ein oder wohnten dort, wie zum Beispiel Friederike Michelsen und Frauke Migge. Mit den Gieseckes befreundet waren Tetjus Tügel und Lisel Oppel. Die Malerin wohnte ganz in der Nähe auf dem Weyerberg in einem kleinen Holzhaus und besuchte die Familie häufig. Als Herbord Schröder und seine Schwester Almuth Kinder waren, entstanden so auch viele Porträts von den beiden. Mit deren Eltern,den Wirtsleuten Hilla und Hermann Schröder, war der Maler und Keramiker Willi Ohler befreundet. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er als Dauergast im Kaffeehaus Niedersachsen, das von Beginn an über drei Pensionszimmer verfügte.

Dass die heutigen Wirtsleute Uta und Herbord Schröder künftig als Hoteliers ihren Lebensunterhalt verdienen wollen, hat noch einen weiteren Grund. Herbord Schröder zufolge kamen zu Zeiten seiner Eltern und Großeltern Hunderte von Ausflüglern auf den Weyerberg, um spazieren zu gehen. Heute, konstatiert der Geschäftsmann, sehe es 'dort oben wie ausgestorben'aus. Während überall in der Hammeniederung neue Wege gebaut würden, seien die Pfade zum und auf dem Berg mit dem Niedersachsenstein von Bernhard Hoetger kaum noch begehbar.

Aber auch der Masterplan, der von der Kommune umgesetzt werden soll, sei für ihn und seine Frau mit ausschlaggebend gewesen, den Kaffeehaus- und Restaurantbetrieb zu schließen, sagt Schröder. Künftig würden die Besucher direkt in den Ortskern gelenkt, um die Galerien und Museen zu besichtigen. Am etwas abseits gelegenen Ausflugslokal im Landschaftsschutzgebiet würden sie vorbeifahren, klagt der Gastronom über das aktuelle Fremdenverkehrskonzept der Gemeinde.

Eine vierte Gastronomengeneration im Familienbetrieb 'Haus Niedersachsen' wird es nicht geben. Herbord und Uta Schröders Kinder haben andere Berufe gewählt: Die 27-jährige Tochter Claudia ist Polizeikommissarin, der 26-jährige Sohn Martin Physiker.

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