Bäckermeister Gerd Buttgereit im Interview

„Praktikum ist direkter Austausch“

Virtuelle Betriebsbesichtigungen können ein Praktikum nicht ersetzen. Das sagt Bäckermeister Gerd Buttgereit zur Absage des niedersächsischen Kultusministeriums von Schulpraktika im Interview.
02.03.2021, 08:00
Lesedauer: 2 Min
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„Praktikum ist direkter Austausch“
Von Petra Scheller
„Praktikum ist direkter Austausch“

Bäckermeister Gerd Buttgereit würde auch trotz Pandemie Schulpraktikanten einsetzen.

Karsten Klama
Herr Buttgereit, Schulpraktika und Zukunftstage für Kinder müssen in diesem Jahr Corona bedingt ausfallen. Wie finden Sie das?

Gerd Buttgereit: Das ist schade. Praktischer Unterricht in Betrieben ist Teil unserer Geschichte geworden. Das ist bereichernd für beide Seiten. Für Schülerinnen und Schüler und für uns als Unternehmen auch. Wir haben sonst immer 20 Kinder beim Zukunftstag betreut. Das ist klasse. Kinder und Jugendliche bringen viel mit. Sie stellen unbekümmert Fragen. Das regt auch unsere Gedanken an. Man fragt sich bei bestimmten Prozessen dann: Warum ist das so?

Betriebe werden aufgerufen, virtuelle Angebote zu unterbreiten, ist das ein Ersatz für ein Praktikum?

Diese virtuellen Geschichten sind super. Geben Sie mal Bäckerei bei Google ein, dann gibt es ungefähr 350 Filme. Da kann man Bäckern beim Backen zusehen. Im Wort Praktikum steckt aber das Wort Praxis drin und die besteht aus Sehen, Anfassen und Selbermachen. Hier live vor Ort zu sein und das Geschehen mitzuerleben, lässt sich virtuell nicht ersetzen. Man kann sich über Filme Informationen einholen, das Praktizieren ersetzen sie nicht. Ein Praktikum besteht aus dem Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen, zum Handwerk – das ist etwas ganz anderes. Praktikum ist direkter Austausch.

Hätten Sie Praktikanten genommen?

Es ist nachvollziehbar, dass die Behörde das absagt. Wir wissen natürlich nicht, was die Jugendlichen in ihrer Freizeit machen und ob sie sich coronakonform verhalten. Aber uns persönlich hätte das nicht gestört. Wir hätten Praktikanten genommen und bieten auch außerhalb des Schulpraktikums Stellen an.

Wie schützen Sie Praktikanten und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Bei uns wird jeden Morgen digital Fieber gemessen. Alle tragen Masken – im Verkauf, in der Backstube, beim Be- und Entladen. Die Risikoabwägung ist natürlich schwierig. Trotzdem würde das, meiner Ansicht nach, funktionieren. Wir haben große Backstuben. Da ist zwischen den Arbeitsplätzen immer mehr als 1,50 Meter Raum.

Stellen Sie Alternativen bereit – private Praktika, oder virtuelle Praktika? Das Kultusministerium ruft ja dazu auf.

Das höre ich zum ersten Mal. Wir sind ein Betrieb mit hohem Gastronomieanteil. Man kämpft da an vorderster Front und hat momentan andere Sorgen, anstatt Filme für die Plattform des Ministeriums zu drehen. Wir haben ja ein Tagesgeschäft, planen neue Filialen. Wir haben eine Gastronomie im Weserpark mit 130 Plätzen, die seit Monaten geschlossen ist, das tut richtig weh. Damit haben wir gerade zu kämpfen.

Ansonsten war ein Praktikum vor Ausbildungsbeginn in Ihrem Betrieb obligatorisch – ist das immer noch so?

Wir bilden Bäckerinnen, Konditoren, Kommunikationskaufleute und Bäckereifachverkäufer aus. Wir haben noch freie Lehrstellen und auch schon einige Bewerbungen vorliegen. Wir empfehlen den jungen Leuten, vorher ein Praktikum zu absolvieren. Mindestens eine Woche. Das hilft beiden Seiten. Beide, die Schüler und auch wir, bekommen einen Eindruck. Man weiß dann zumindest ungefähr: Das könnte passen oder es passt überhaupt nicht.

Wie handhaben Sie es mit dem Kids Day im April – bieten Sie da Plätze an?

Wir haben mal im Netz etwas gemacht. Vielleicht aktualisieren wir das. Aber eigentlich ist das ja ein Erlebnistag. Verbunden mit tollen Erfahrungen. Über einen Film ist das schwierig, so etwas rüber zu bringen. Wir setzen aufs nächste Jahr!

Das Interview führte Petra Scheller.

Info

Zur Person

Gerd Buttgereit (55)

führt seit 1998 die Bäckerei Barnstoff mit 19 Betrieben in Niedersachsen und Bremen. Der Bäckermeister lebt mit seiner vierköpfigen Familie in Grasberg.

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