Beim Turnier mit Bundesliga-Nachwuchs dürfen die Jung-Kicker alles verlieren - nur nicht den Spaß Balance-Akt auf dünnem Seil

Neu Sankt Jürgen. Katharina Sossner hat alles gegeben - jetzt verlässt die 14-Jährige das Spielfeld und feuert ihre Mannschaft von der Seitenlinie aus an. Trotz aussichtslosem Rückstand im Spiel gegen die U14-Vertretung von Hertha BSC strahlt das einzige Mädchen beim Blitzturnier für Nachwuchsmannschaften von Bundesligateams über das ganze Gesicht. 'Ich konnte viel lernen', japst sie fröhlich.
12.10.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Markwort

Neu Sankt Jürgen. Katharina Sossner hat alles gegeben - jetzt verlässt die 14-Jährige das Spielfeld und feuert ihre Mannschaft von der Seitenlinie aus an. Trotz aussichtslosem Rückstand im Spiel gegen die U14-Vertretung von Hertha BSC strahlt das einzige Mädchen beim Blitzturnier für Nachwuchsmannschaften von Bundesligateams über das ganze Gesicht. 'Ich konnte viel lernen', japst sie fröhlich.

Womit die talentierte Mittelfeldspielerin des gastgebenden TSV Eiche Neu St.Jürgen auch gleich des Pudels Kern getroffen hat. 'Diese Veranstaltung', erklärt Turnierleiter Heinz Hastedt, 'soll den Jugendlichen in erster Linie als außergewöhnliche Übungseinheit dienen - der sportliche Wert steht zunächst hinten an.' Vielmehr sollten Jugendliche aus dem Landkreis einmal einen Einblick in die Nachwuchsarbeit von Fußball-Bundesligamannschaften erhalten.

Die Unterschiede zwischen Leistungs- und Breitensport sind gravierend, das müssen sowohl die Eiche-Kicker als auch die Auswahlen aus dem Landkreis Osterholz während ihrer Spiele in den drei Altersklassen (U12, U13 und U14) feststellen. 0:10 gegen Hertha BSC Berlin, 0:7 gegen den HSV oder 0:8 gegen Holstein Kiel - eindeutige Angelegenheiten. 'Mit denen können wir weder spielerisch noch taktisch mithalten', zeigt sich Fred Michalsky, Trainer der drei Kreisauswahlteams, trotzdem verständnisvoll.

Die durchaus beeindruckende Überlegenheit sei durch die wesentlich höhere Trainingsintensität und die stärker ausgeprägte Disziplin zu erklären. 'Die trainieren bis zu sechsmal in der Woche', so Michalsky. Das sei in den unteren Klassen nicht zu verwirklichen. 'Die Jugendlichen gehen ja auch zur Schule oder wollen in ihrer Freizeit mal ins Kino gehen.' Im Gegensatz zu den bereits in ganz jungen Jahren wesentlich professioneller eingestellten Bundesligisten hätten seine Spieler noch 'Kino, Pommes oder Freunde im Kopf.'

Der Klassenunterschied zeigt sich nicht nur während der Spiele, sondern auch in der Vor- und Nachbereitung. Schlagen sich die Kreis-Kicker ihren Bauch kurz vor dem Anpfiff noch mit Waffeln oder Cola voll, legen die Betreuer der Bundesliga-Teams großen Wert auf Disziplin. Unermüdlich laufen, sprinten oder springen ihre Schäfchen während des Turniers die Seitenlinien rauf und runter, trinken vor allem Wasser oder Apfelschorle und erwecken bei einigen neutralen Beobachtern einen geradezu verbissenen Eindruck. 'Ob die wirklich noch Spaß am Fußball haben?', fragt ein Zuschauer kopfschüttelnd.

'Ganz sicher', ist Sebastian Harms überzeugt. Der Jugend-Koordinator des Hamburger SV zeichnet gemeinsam mit Heinz Hastedt vom Gastgeber für die Organisation des Blitzturniers verantwortlich. 'Natürlich wird in unserer Liga viel Wert auf Disziplin gelegt - aber gerade in diesem Alter darf der Spaß nicht zu kurz kommen.' Die Jugendlichen müssten bei Laune gehalten werden und dürften nicht zu sehr unter Druck gesetzt werden. 'Ein Balance-Akt auf dünnem Seil', weiß Harms, 'aber er ist möglich und notwendig.' Schließlich profitierten die Nachwuchs-Kloses oder -Müllers später von genau diesen Grundlagen.

Mit denen möchten sich die beiden Torhüter der Kreisauswahl im Augenblick allerdings nicht beschäftigen. Gerade hat Nick Rode, sonst Keeper der TuSG Ritterhude, einen weiteren Gegentreffer hinnehmen müssen. 'Sch...', entfährt es dem Zwölfjährigen - jetzt ist Trainer Michalsky gefordert, seinen Jungs wieder das nötige Selbstvertrauen zurück zu geben. Direkt nach Spielschluss versammelt er die Kicker im Mannschaftszelt und versucht, sie wieder aufzubauen.

'Jetzt habt ihr einmal gesehen, wo ihr leistungsmäßig wirklich steht', erklärt er, und so mancher Spielerkopf senkt sich verschämt gen Boden. 'Aber das ist gar nicht schlimm', fährt Michalsky fort. 'Im Gegenteil - aus diesen Spielen und den Fehlern lernt ihr viel mehr, als ich oder andere Trainer euch jemals beibringen könnten.' Diese Erfahrung hat zuvor ja auch auch Katharina Sossner machen müssen- übrigens eine der 50 besten Nachwuchs-Fußballerinnen in Niedersachsen.

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