Ehemaliges Konzentrationslager

Bergen-Belsen bleibt 75 Jahre nach der Befreiung ein Ort der Mahnung

Die Schreckensbilder, die sich Soldaten bei der Befreiung von Bergen-Belsen bieten, sind in die Erinnerung eingebrannt. 75 Jahre später ist das Konzentrationslager ein Ort der Mahnung. Heute beschäftigt eine Überlebende vor allem eine Frage.
10.04.2020, 14:32
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Bergen-Belsen bleibt 75 Jahre nach der Befreiung ein Ort der Mahnung

Ein Holocaust-Überlebender steht in der Gedenkstätte Bergen-Belsen.

dpa

Der Kontrast könnte kaum größer sein: Idyllische Wald-, Grün- und Heideflächen prägen heute das Bild in Bergen-Belsen, wo britische Soldaten vor 75 Jahren auf die Apokalypse auf Erden trafen. Bei der Befreiung des vollkommen überfüllten Konzentrationslagers am 15. April 1945 stapeln sich rund 10.000 Tote aufeinander und Krankheiten raffen die Häftlinge dahin, die Schreckensbilder gehen um die Welt. Bis zur Wiedervereinigung bleibt Bergen-Belsen zentrale Gedenkstätte der Judenvernichtung. Die große Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung wird nun wegen der Coronavirus-Epidemie um ein Jahr verschoben.

„Nur wer damals hier in Belsen war, kann wirklich wissen, wovon wir Überlebenden reden, nichts als Leichen, Leichen, Leichen“, schreibt die Überlebende Anita Lasker-Wallfisch in ihrem Redemanuskript zur aufgeschobenen Gedenkfeier. „Ich werde oft gefragt, ob es in Belsen besser war als in Auschwitz - Belsen war ganz einfach anders, Belsen war einzigartig, es war kein Vernichtungslager, hier gab es keine Gaskammern, in Belsen ist man ganz einfach krepiert“, sagt die 94-Jährige, die einige Monate vor Kriegsende von Auschwitz nach Bergen-Belsen kam.

Mehr als 70.000 starben in Bergen-Belsen

200.000 Menschen wurden in das Lager am Südrand der Lüneburger Heide deportiert. Mehr als 70.000 Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge kamen dort ums Leben, darunter die 15-jährige Anne Frank, die durch ihre Tagebücher posthum weltbekannt wurde. „Wer waren diese Menschen, oder besser gesagt diese Gestalten, die unsere Befreier hier vorgefunden haben?“, erinnert sich Lasker-Wallfisch. „Das waren einmal ganz normale Menschen, Menschen aus Polen, Menschen aus Holland, Frankreich, aus ganz Europa, alle Nationalitäten, Sinti und natürlich Juden, Menschen jüdischer Abstammung.“

Anne Franks Leben endete im KZ Bergen-Belsen. In der heutigen Gedenkstätte wird an sie erinnert.

Anne Franks Leben endete im KZ Bergen-Belsen. In der heutigen Gedenkstätte wird an sie erinnert.

Foto: Peter Steffen/dpa

Die erschütternden Bilder der Leichenberge sind noch frisch im Gedächtnis, als 1952 in Bergen-Belsen die erste Gedenkstätte an einem Konzentrationslager geschaffen wird. „Wer hier als Deutscher spricht, muss sich die innere Freiheit zutrauen, die volle Grausamkeit der Verbrechen, die hier von Deutschen begangen wurden, zu erkennen“, sagt Bundespräsident Theodor Heuss (FDP) bei der Eröffnung. „Wir haben von den Dingen gewusst (...). Diese Scham nimmt uns niemand ab.“ Heuss will ein politisches Zeichen setzen, erntet für seine Worte aber auch Protest. Bis zu einer Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit werden noch Jahrzehnte vergehen.

Das ehemalige KZ-Gelände wird unterdessen lange vernachlässigt. Um eine Verbreitung von Seuchen zu verhindern hatten die Briten das Lager abgebrannt. Räume und Führungen gibt es zunächst nicht, erst 1966 werden ein Dokumentenhaus und eine Ausstellung eingerichtet. Ab Ende der 80er-Jahre kommen Erweiterungsbauten hinzu, Kontakte zu Überlebenden werden intensiviert. 2007 schließlich wird ein Dokumentationszentrum samt Dauerausstellung geschaffen.

„Bergen-Belsen ist der historische Ort, der in Niedersachsen am stärksten mit dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte verbunden ist: der Shoa“, sagt Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Die unglaubliche Grausamkeit und die industrielle Mord-Perfektion erschütterten. „Sie macht – auch 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers – fassungslos.“ Wichtig sei das Erinnern und die Auseinandersetzung mit den Nazi-Verbrechen, einen Schlussstrich dürfe es nicht geben.

Antisemitismus sei tagesaktuell

„Doch die Schrecken der Vergangenheit sind beileibe nicht vollständig überwunden“, mahnt Weil. Antisemitismus sei leider keine Frage der Zeitgeschichte, sondern tagesaktuell. „Wir müssen mit aller Kraft gegen rechtsextremistische Strömungen angehen, achtsam bleiben und Haltung zeigen.“

Dieselbe Mahnung äußert die hochbetagte Holocaust-Überlebende. „Die allgemeine Richtung geht beängstigend nach rechts“, sagt Lasker-Wallfisch. Antisemitismus mache wieder Schlagzeilen. „Trotz der beeindruckendsten Gedenkfeiern läuft es parallel mit Überfällen an Menschen jüdischer Abstammung, als ob das eine nichts mit dem anderen zu tun hat.“ Und sie fragt sich: „Was in Gottes Namen braucht es, Menschen zur Vernunft zu bringen?“

Nicht vergessen hat Lasker-Wallfisch aber auch die zweite Phase von Bergen-Belsen, als in der Nähe der niedergebrannten Baracken nach der Befreiung ein Displaced Persons Camp entstand, wo tausende Juden sich auf ein neues Leben vorbereiteten. „Schulen wurden improvisiert, für jungen Menschen, die nie Gelegenheit hatten, für so etwas Selbstverständliches in einem normalen Leben, es gab ein Theater, Musik.“ Aber auch der Weg zu einem Leben ohne Todesangst, einer Wiedergeburt sei schwer gewesen. „Die allgemeine Stimmung war nicht gerade die beste.“ (dpa/lni)

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