Besuchsrecht in Heimen im Kreis Diepholz

Ein Wiedersehen auf Abstand

Seit einer Woche dürfen Pflegeheime Besuch zulassen – in der Praxis gestaltet sich das auch in Einrichtungen im Landkreis Diepholz durchaus unterschiedlich.
26.05.2020, 17:20
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Ein Wiedersehen auf Abstand
Von Alexandra Penth
Ein Wiedersehen auf Abstand

Von Angesicht zu Angesicht, aber dennoch distanziert: So sehen die Besuchszeiten auch in vielen Pflegeheimen im Landkreis Diepholz derzeit aus (Symbolbild).

Jonas Güttler/dpa

Das große, emotionale Wiedersehen muss noch warten. Stattdessen ist es noch eines auf Distanz. Seit einer Woche gilt in Niedersachsen das Besuchsrecht für Bewohner von Pflegeheimen und anderen Betreuungseinrichtungen. Vorausgesetzt, die Heime haben eine entsprechende Genehmigung erhalten auf Grundlage eines erstellten Hygiene- und Besuchskonzepts. Das Haus Lerchenhof in Leeste gestattet seinen Bewohnern seit vergangenem Mittwoch wieder Besuch. „Es ist emotional, aber mit der nötigen Distanz“, beschreibt Einrichtungsleiter Alfred Schaub die Wiedersehensfreude.

Das Team hat einen gesonderten Besuchsraum eingerichtet. Das Personal führt die angemeldeten Angehörigen, die Mundschutz tragen müssen, dorthin. Mitgebrachtes für die Bewohner nehmen die Mitarbeiter in Empfang und überreichen es ihnen später. Unter Einhaltung der Hygienevorschriften und von einer Plexiglasscheibe getrennt, sind Gespräche möglich. Als die Landesregierung vorvergangene Woche Lockerungen angekündigt hatte, sei die Reaktion vieler Angehöriger „teilweise emotionaler als der Besuch“ gewesen, schildert Schaub. Sie hatten gar nicht mehr warten wollen. Noch am Tag der Bekanntgabe hatte das Haus Lerchenhof ein Konzept ausgearbeitet und es dem Gesundheitsamt sowie der Heimaufsicht vorgelegt. Wenig später gab es grünes Licht. Montags bis freitags ist von 9 bis 17 Uhr Besuchszeit, jeder Bewohner erhält maximal eine Stunde. Die Vorschriften sehen immer nur einen Besucher vor, auch sollte diese Person nach Empfehlung des Landkreises Diepholz nicht häufig wechseln.

Bei den Gesprächen zwischen Angehörigem und Bewohner ist das Pflegepersonal nicht anwesend, um Privatsphäre zu lassen. Die ganze Zeit über hat das Heim Wiedersehen am Fenster oder über die Gartenhecke hinweg ermöglicht. Auch Bildtelefonie über Tablet-Computer habe sich bewährt. Wobei Schaub feststellt: „Für die Bewohner ist es manchmal fast leichter als für die Angehörigen, mit der Situation klarzukommen.“ Immerhin gibt es die sozialen Kontakte innerhalb der Einrichtung nach wie vor. Auffällig sei, dass die Bewohner mehr nach begleiteten Spaziergängen fragen als vorher, sagt Schaub. Selbst diejenigen, die sonst kaum Bedarf gehabt hatten.

Die Zimmer der Bewohner dürfen ebenfalls im Brinkumer Hansa-Pflegezentrum nicht von Außenstehenden betreten werden. Auch dort haben Einrichtungsleiter Johannes Heger und sein Team einen separaten Raum hergerichtet. 2,4 Tisch-Meter trennen beide Parteien voneinander. Am Eingang werden die Daten aufgenommen, die Besucher müssen Fragen zu ihrem Gesundheitszustand beantworten. Die Besuchstermine vergibt die Einrichtung. Die Desinfektion der Hände ist, wie es in jeder Einrichtung Pflicht ist, unerlässlich. Der Bewohner kommt über den Seiteneingang in das Zimmer, sodass ein Aufeinandertreffen auf dem Flur ausgeschlossen ist, sagt Heger. Beide Parteien sitzen sich mit Masken gegenüber. Viele Bewohner halten das nicht gut aus. Gerade Demenzkranke hätten Schwierigkeiten, sich mit dem Schutz, der wie ein Fremdkörper am Gesicht klebt, zu arrangieren. Auch sei es für diese Gruppe Bewohner besonders schwierig, die Angehörigen zu erkennen. Bis zu zehn Besucher sind es am Tag, sagt Heger. Der erste große „Ansturm“ sei aber vorbei. In der Einrichtung finden nur noch Gemeinschaftsaktivitäten mit bis zu fünf Teilnehmern statt, immer gilt der Mindestabstand. Das gemeinsame Essen im Speisesaal ist während der Krise vorübergehend ausgesetzt, jeder Bewohner bleibt für sich auf dem Zimmer. Inzwischen sei die Ausnahmesituation ein Stück weit Normalität geworden. „Es klappt wirklich besser, als zunächst erwartet“, sagt Heger.

Dass Heime öffnen können, heißt nicht, dass dies überall der Fall ist. „Bei uns gibt es nur Besuch an der Türschwelle“, sagt Thorsten Kerth, der das DRK-Seniorenheim in Barrien leitet. Das mindere das Infektionsrisiko und entspreche den Empfehlungen der Behörden. „In den Heimen ist das große Problem, dass uns keiner von der Haftung freispricht“, sagt Kerth. Er trage schließlich die Verantwortung für 240 Menschen, die Mitarbeiter mitgerechnet. Und das Virus, sagt er, wäre das Todesurteil vieler Bewohner – und auch ein Teil der Mitarbeiter zähle zur Risikogruppe.

Dennoch arbeiten die drei DRK-Häuser im Kreis Diepholz derzeit an einem Konzept mit dem Ziel, einzelne Besuche ermöglichen zu können. Insbesondere für bettlägerige und demente Bewohner, die oft nur eine feste Bezugsperson haben, solle eine Lösung gefunden werden. Kerth hofft, dass das Konzept noch in dieser Woche steht. Aber vorher müssen viele Faktoren bedacht werden: „Der Besuch müsste beaufsichtigt werden. Woher sollen die Mitarbeiter kommen, wenn sie vorher schon rar waren?“, fragt er. Außerdem würden mitgebrachte Stoffmasken nicht den medizinischen Standards entsprechen und müssten an der Tür durch andere ersetzt werden.

Auch wenn Besuch zugelassen werden sollte, rät Kerth Angehörigen weiterhin ausdrücklich zum Kontakt an der Tür, am Fenster, Gesprächen vom Balkon aus und Videochats sowie Kurznachrichten. Bei den modernen Kommunikationsmitteln helfe das Personal. Ein Besuch unter den gegebenen Umständen werde von Betroffenen nicht immer als angenehm empfunden, sagt Kerth. „Das ist kein normaler Besuch“, sagt er. Ein Bewohner, dessen Frau ihn sonst täglich besucht hat, sei zum Beispiel irritiert gewesen, als er sie nur aus der Ferne ohne Umarmung sehen durfte. Ein Videochat per Skype sei da unmittelbarer, findet Kerth. „Wir sehen die Not auch“, sagt er über die coronabedingte Isolation der älteren Bevölkerung. Andererseits: „Wir sehen auch das Risiko – und das ist immer noch immens.“ Besuch sei gut, dürfe aber nicht Leben kosten.

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