30 Jahre Geiselnahme von Gladbeck Bewegendes Gedenken in Heiligenrode

Überall in Deutschland erinnerten sich Menschen am Donnerstag an das Geiseldrama von Gladbeck vor genau 30 Jahren. Die meisten Augen waren dabei auf den Stuhrer Ortsteil Heiligenrode gerichtet.
16.08.2018, 19:55
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Bewegendes Gedenken in Heiligenrode
Von Sebastian Kelm

Stuhr-Heiligenrode. „Warum?“ Diese Aufschrift ziert den Grabstein von Silke Bischoff in Heiligenrode. Und diese Frage lässt selbst so lange nach ihrem gewaltsamen Tod keine einfache Antwort zu. Das musste am Donnerstag vor Ort erneut Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) feststellen. Er war es, der zum zentralen Gedenken anlässlich des Jahrestags jenes Ereignisses geladen hatte, das auf den Tag genau vor 30 Jahren seinen unheilvollen Anfang nahm und fast ganz Deutschland in Atem hielt: das Geiseldrama von Gladbeck. Zusammen mit Bremens Bürgermeister Carsten Sieling und Birgit Honé als Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung des Landes Niedersachsen (beide SPD) legte er auf dem Heiligenroder Friedhof Kränze nieder. Exemplarisch für die drei Todesopfer von damals.

Gestorben ist Silke Bischoff am 18. August 1988 in dem heute von Laschet regierten Bundesland, genauer gesagt auf der A 3 bei Bad Honnef. Tödlich getroffen wurde die damals 18-Jährige von einer Kugel aus der Waffe des Entführers Hans-Jürgen Rösner, der sich zusammen mit seinem Komplizen Dieter Degowski nach langer Irrfahrt eine Schießerei mit der Polizei geliefert hatte. Hier in der Gemeinde Stuhr, früher ihr Wohnort, fand sie schließlich ihre letzte Ruhestätte.

Die besuchten nicht nur die genannten Politiker, es kamen zudem Landrat Cord Bockhop und Stuhrs Bürgermeister Niels Thomsen. Auch Filmproduzentin Regina Ziegler, verantwortlich für den viel beachteten Fernseh-Zweiteiler „Gladbeck“, war zugegen. Heiligenrodes Pastorin Tabea Rösler sprach am Grab einen Segen und das Vaterunser. Einige Sätze, für Außenstehende kaum hörbar, richtete Silke Bischoffs Mutter Karin Remmers an ihre verstorbene Tochter. Im Beisein einiger Familienmitglieder, die sie in dieser schwierigen Stunde begleiteten, dankte sie überdies allen, die sie unterstützt hatten. Gerade so vernehmbar. Dann wieder bewegende Stille.

Nach einer Schweigeminute traten die Politiker allein vor die Presse. Armin Laschet zu seinem Kommen: „Es ist überfällig, dass auch Nordrhein-Westfalen seine Verantwortung wahrnimmt.“ Bremen habe sich nach der „Katastrophe“ schnell zu seinen Fehlern bekannt, sein Bundesland wiederum die „Bürde“ mit sich getragen, lange keine öffentlichen Eingeständnisse gemacht zu haben. Mit Blick auf Versäumnisse bei der Aufarbeitung sagte er: „Eine Entschuldigung macht nichts ungeschehen, aber ich sehe mich in der Pflicht, die Angehörigen um Vergebung zu bitten.“ Auch wenn er wisse, dass dieser Schritt vielleicht zu spät kommt.

„Am heutigen Jahrestag des Gladbecker Geiseldramas gilt mein Mitgefühl vor allem den Angehörigen von Silke Bischoff, Emanuele de Giorgi und Ingo Hagen, die bei diesem furchtbaren Verbrechen ihr Leben verloren haben“, hieß es in Carsten Sielings Erklärung. Ihm gehe es darum, die Opfer in den Vordergrund zu stellen, aber nicht nur diese drei bekanntesten. „Es gibt eine Reihe von Menschen, die traumatisiert sind“, gab er zu bedenken. Aber auch nach Italien, wo an diesem Freitag an den erschossenen 14-jährige Emanuele erinnert wird, habe er ein Kondolenzschreiben geschickt.

„Warum erst jetzt?“, war eine der Fragen, die sich Laschet und Sieling analog zur Grabaufschrift stellen mussten. „Weil es für die Angehörigen notwendig war, Abstand zu gewinnen“, begründete Bremens Bürgermeister den späten Zeitpunkt einer derartigen Gedenkveranstaltung.

Ob Heiligenrode in Zukunft noch einmal ausgewählt wird, um dort an einem Jahrestag der Gladbeck-Geiselnahme in offiziellem Rahmen um die Opfer zu trauern, ist derweil fraglich: Wie berichtet, ist ein Gedenkstein in Bremen-Huckelriede geplant. Am dortigen Busbahnhof hatten die Täter den Bus der Linie 53 – die bekanntlich nach Brinkum-Nord fährt – in ihre Gewalt gebracht. Eine der 31 Insassen: die junge Silke Bischoff aus Stuhr.

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