Thedinghauser bekommt Recht

BGH urteilt: Lebendorganspender müssen besser aufgeklärt werden

Nach einer Organspende wird Ralf Zietz krank. Der Thedinghauser verklagt die Klinik, weil er nicht über die Risiken aufgeklärt wurde. Jetzt hat der Bundesgerichtshof ihm Recht gegeben.
29.01.2019, 11:46
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
BGH urteilt: Lebendorganspender müssen besser aufgeklärt werden
Von Nico Schnurr
BGH urteilt: Lebendorganspender müssen besser aufgeklärt werden

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat in einem Grundsatzurteil hohe Ansprüche an die Risikoaufklärung vor Lebend-Organspenden gestellt.

Jan-Peter Kasper/dpa

Als Ralf Zietz in der Uniklinik Essen aufwacht, fühlt sich sein Körper an wie Blei. Es ist der 19. August 2010, und der Thedinghauser Unternehmer ahnt nicht, dass dieser Tag sein Leben in ein Davor und Danach teilen wird.

Diese „extreme Schwere“ hält er für normal, es liegt ja eine Operation hinter ihm. Zietz hat sich seine rechte Niere entnehmen lassen, für seine Frau Marlies. Sie leidet unter einer Autoimmunkrankheit, und auf der Warteliste ist kein Organ in Sicht. Also spendet ihr Mann. Zietz sagt: „In der Klinik haben sie mich glauben lassen, dann wird alles gut. Wie früher.“

Aber Ralf Zietz wird nicht mehr der Alte. Auch Jahre später weicht das bleierne Gefühl nicht aus seinen Knochen. Er ist immer müde, chronisch erschöpft. Seine Frau hat jetzt eine neue Niere, „aber mein Leben hat sich halbiert“, sagt Zietz, 54 Jahre alt.

Höhe des Schadensersatzes noch unklar

Er fühlt sich betrogen. Zietz hätte vor der Operation wissen wollen, dass es so kommen könnte. In Essen haben sie ihm das nicht gesagt. Deswegen verklagt Zietz die Uniklinik, zusammen mit einer anderen Spenderin. Nach einem langen Rechtsstreit hat ihm der Bundesgerichtshof (BGH) nun Recht gegeben.

Mit einem Grundsatzurteil hat der BGH die Rechte von Lebendorganspendern gestärkt. Wenn Spender über die möglichen Risiken einer Organentnehme ungenügend aufgeklärt und die Gespräche nicht dokumentiert werden, können sie künftig Schadensersatz fordern.

Wie viel Geld Ralf Zietz gezahlt bekommt, soll nun vor dem Oberlandesgericht Hamm verhandelt werden. Für ihn ist das zweitrangig, sagt Zietz. „Das Geld kann die verlorene Lebensqualität nicht ersetzen.“ Ihm geht es um die Sache. Dass Spender wissen, was für ein Risiko sie eingehen. Dass sie besser informiert sind als er, damals im Sommer vor achteinhalb Jahren.

Lebendspenden werden wichtiger

Es ist Zufall und irgendwie doch nicht, dass vier Tage, nachdem sich Zietz in Essen operieren lässt, auch der damalige SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier seiner Frau eine Niere spendet. „Das war eine Welle damals, Lebendspenden waren auf einmal ein großes Thema“, sagt Zietz.

Die Bedeutung der Lebendspenden nimmt zu, weil die postmortalen Organspenden zurückgehen. 2017 sinken sie auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Vor zwei Jahren sind fast ein Drittel aller transplantierten Nieren Lebendspenden. Für viele Wartende werden sie zur vielleicht letzten Chance. Auch bei Marlies Zietz ist das so. Die Ärzte warnen: Ohne die Spende wird sich ihre Lebenszeit deutlich verkürzen.

Vor der Operation leitet Ralf Zietz zwei Firmen in Thedinghausen. Der Unternehmer beschäftigt einige Dutzend Mitarbeiter, es läuft gut. Zuhause die Familie, vier Kinder, Zietz ist zufrieden. Dann erkrankt seine Frau. Sie braucht eine neue Niere, doch es lässt sich kein Spendenorgan eines Toten finden, das passt. Ralf Zietz will helfen.

Das Gesetz erlaubt die Lebendspende unter engen Verwandten und nahestehenden Menschen nur, wenn der Organspender „voraussichtlich nicht über das Operationsrisiko hinaus gefährdet oder über die unmittelbaren Folgen der Entnahme hinaus gesundheitlich schwer beeinträchtigt wird“. Zietz hat im Sommer 2010 keine Ahnung, dass genau das auf ihn zutrifft.

Vor dem Eingriff sitzt Zietz mit einem Arzt zusammen. Ein zweiter, neutraler Mediziner ist nicht dabei, obwohl es das Gesetz so vorschreibt. Der anwesende Arzt spricht von „den üblichen Operationsrisiken, wie bei jedem Eingriff“. Von den möglichen Folgen wie Wundinfektionen, Blutungen, Thrombosen und Lungenembolien erzählt er nicht. Auch nicht, dass die verbleibende Niere nach einer Transplantation in sehr seltenen Fällen schwer erkrankt. Er sagt nur: Nach sechs bis acht Wochen ist man wieder Alte. So berichtet es Zietz.

Wenn der Akku ständig rot blinkt

Als er nach ein paar Monaten noch immer nicht der Alte ist, wird Zietz klar: Irgendetwas stimmt nicht. Er ist ständig kaputt. Das bleierne Gefühl schwindet nicht, es wird immer stärker. Trotzdem will er weitermachen, als wäre nichts gewesen. Er geht ins Büro, aber er kann sich nichts mehr merken. Telefonnummern, Termine, Namen, nach einigen Sekunden ist alles weg, einfach vergessen.

Zietz übergibt die Firmen an einen Prokuristen, aber auch das hilft nicht. Die Energie kommt nicht zurück. Morgens ein paar gute Stunden, vielleicht bis 11 Uhr, das war’s, „Ende im Gelände“, sagt Zietz. „Mein Akku blinkt fast immer rot, er ist nie wirklich aufgefüllt.“

Mittags dröhnt ihm meist der Schädel, also legt er sich hin. Nachmittags reicht die Kraft oft nur noch, um aus dem Fenster schauen. Am nächsten Morgen wacht Zietz dann wieder etwas erschöpft auf. Anfangs denkt er, es ist ein Problem im Kopf, nicht im Körper. Inzwischen weiß Zietz, dass er nierenkrank ist, „offizielle Diagnose“, sagt er. Nur lässt sich medizinisch nicht eindeutig beweisen, ob er deshalb ständig so kaputt ist.

Andere Spender klagen über ähnliche Beschwerden

Mit der Zeit lernt Zietz andere Nierenspender kennen, die über ähnliche Beschwerden klagen wie er. Auch sie wurden darüber nicht vor der Operation aufgeklärt. „Da spielen sich so viele unglaubliche Dramen ab“, sagt Zietz. Er beschließt, einen Selbsthilfeverein zu gründen, die Interessensgemeinschaft Nierenlebendspende. Flucht nach vorne, muss sein, sagt Zietz, „sonst rutscht man in die Depression“. Er beschließt: Mit der nicht enden wollenden Müdigkeit kann er leben. Mit der Ungerechtigkeit nicht. Also zieht er vors Gericht. Doch die Sache ist kompliziert.

Es gibt diese E-Mail, Zietz schreibt sie der Klinik im Jahr 2011. Darin wirft er den Verantwortlichen mangelnde Aufklärung vor. Aber er betont auch, dass er seine Niere selbst dann noch gespendet hätte, wenn ihm die Risiken bewusst gewesen wären. So schätzen es auch die Richter am Oberlandesgericht Hamm ein. Sie argumentieren, Zietz hätte aus Liebe zu seiner Frau ganz sicher geholfen, auch wenn er gewusst hätte, worauf er sich einlässt. Juristisch nennt man sowas „hypothetische Einwilligung“. Aber Zietz will sich damit nicht abfinden und klagt weiter.

Beratungsstelle in Berlin geplant

„Menschen, die sich fragen, ob sie einem Angehörigen mit einer Lebendspende helfen wollen, stehen unter unglaublichem emotionalen Druck“, sagt Zietz. „Das kann man doch niemanden vorhalten.“ Jeder potenzielle Spender hat das Recht auf umfassende Aufklärung, ganz egal, wie er sich danach entscheidet, so sieht Zietz das. So steht es im Gesetz. Und so hat es nun auch der BGH mit seinem Grundsatzurteil bekräftigt.

Lesen Sie auch

„Das war ein langer Kampf“, sagt Zietz, „aber jetzt haben wir Rechtsgeschichte geschrieben.“ Zietz glaubt, die verschärfte Aufklärungspflicht wird die Organspende in Deutschland verändern. „Das Vertrauen der Spender wird steigen.“ Aber bis es soweit ist, sagt er, kommt eine Menge Arbeit auf die Kliniken zu. „Die Ärzte müssen jetzt Studien wälzen und alles auf den Tisch legen.“

Auf die Kliniken allein will Zietz sich nicht verlassen. An der Berliner Sigmund-Freud-Privatuniversität richtet er gerade eine Beratungsstelle ein. Wer nicht nur von Ärzten hören will, wie groß das Risiko einer Lebendspende ist, kann bald zu Ralf Zietz kommen. Er kennt da ein paar Geschichten.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+