Kirchenstreit in Worpswede 'Bis zur nächsten Wahl herrscht Eiszeit'

Worpswede. 'Wenn Kirche so gelebt wird, dann ist das nicht mehr meine Kirche', sagt Oliver Helvogt. Die Entscheidung des Landeskirchenamts in Hannover, den Worpsweder Kirchenvorstand trotz massiver Konflikte nicht aufzulösen, hat ihn tief enttäuscht - und nicht nur ihn.
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Von Michael Wilke

Worpswede. 'Wenn Kirche so gelebt wird, dann ist das nicht mehr meine Kirche', sagt Oliver Helvogt. 'Dann will ich damit nichts mehr zu tun haben.' Die Entscheidung des Landeskirchenamts in Hannover, den Worpsweder Kirchenvorstand trotz massiver Konflikte in der Gemeinde nicht aufzulösen, hat den 34-Jährigen tief enttäuscht. Damit stehe er nicht allein, sagt der frühere Mitarbeiter des Jugendzentrums Scheune. 'Etwa 20 Leute, die ich kenne, denken ähnlich.'

Sie denken daran, aus der Kirche auszutreten. Einige überlegen, nach Grasberg zu wechseln, in die benachbarte Kirchengemeinde. Doch auch Grasberg gehört zur Landeskirche, die dem Worpsweder Kirchenvorstand die Möglichkeit gegeben hat, bis zur nächsten Wahl im Frühjahr 2012 im Amt zu bleiben. 'Die haben zwar entschieden, aber nichts gemacht. Die lassen es so weiterlaufen', klagt Helvogt. 'Ich für meinen Teil werde austreten.' Ins Jugendzentrum Scheune geht er nicht mehr, wie andere auch nicht. 'Viele sagen, sie fühlen sich da unwohl.'

'Die haben nie den Dialog gesucht'Früher war das anders. Weit über zehn Jahre hat Helvogt im Arbeitskreis für Konfirmanden mitgearbeitet und ist bei den Sommerfreizeiten als Betreuer mitgefahren. Dem Kirchenvorstand kreidet der 34-jährige Worpsweder an, dass er nie wirklich den Dialog mit den Jugendlichen gesucht habe. 'Die haben nie gesagt: ,Lasst uns uns zusammensetzen. Wo seht ihr die Probleme??'

Im Frühjahr 2009 rebellierten die Jugendlichen der Scheune gegen einen Plan der Kirchenoberen im Künstlerdorf. Als die Diakonin Almut Schmidt die Gemeinde überraschend verließ, wollte der Kirchenvorstand die frei werdende halbe Diakonenstelle in eine halbe Pastorenstelle umwandeln. Der in der Konfirmanden- und Kinderarbeit engagierte und hoch geschätzte Diakon Heiko Lucht sollte die durch Schmidts Weggang entstandene Lücke in der Scheune füllen. Doch mit diesem Plan brachte der Kirchenvorstand die in der Kinderkirche und Konfirmandenarbeit engagierten Eltern gegen sich auf. Dass die Kirchenoberen die Diakone als Rädelsführer des Jugendprotests vermuteten, erboste die Jugendlichen zusätzlich und verhärtete die Fronten.

Dann kam massive Kritik an der Mitarbeiterführung durch den Kirchenvorstand auf; in einer emotionsgeladenen Gemeindeversammlung im August 2009 wurde der Kirchenvorstand scharf attackiert. Im Dezember forderte der Vorsitzende des Kirchenkreistags, Eckart Richter, die Landeskirche auf, den Vorstand aufzulösen und begründete das auch mit Mobbing-Vorwürfen. All das empfanden die Kirchenvorstandsmitglieder als hinterhältig und ehrenrührig.

Im Januar suspendierte die neue Diakonin Ilona Wellbrock zusammen mit den beiden Vorsitzenden des Kirchenvorstands den langjährigen Scheunen-Mitarbeiter und Vorsitzenden des Jugendkonvents, Benjamin Bild, nach kritischen und abfälligen Äußerungen in einem Chinarestaurant, die anschließend protokolliert wurden (wir berichteten).

Für Benjamin Bild ist das Kapitel abgeschlossen. Er arbeitet jetzt im evangelischen Jugendheim Falkenberg mit. 'Die sind da super. Das macht total Spaß. Alle sind freundlich, topmotiviert und wollen was verändern', sagt er. Den Vorsitz im Jugendkonvent hat er abgegeben. Den Vorsitz führt nun Annalena Kiekhöfer. Sie engagiert sich weiter in der Scheune. Die Entscheidung des Landeskirchenamts akzeptiert sie. 'Der Kirchenvorstand hat eine zweite Chance verdient', meint die 18-Jährige. 'Es wird Zeit, dass auf dem Kirchberg endlich wieder Ruhe einkehrt.'

Auch von Seiten der Jugendlichen habe es 'viel Streit' gegeben, sagt Annalena Kiekhöfer. 'Beide Parteien sind nicht gerade unschuldig an dem, was passiert ist.' Viele, die den Kirchenvorstand so massiv kritisierten, hätten sich aus der Scheune zurückgezogen. 'Die kommen nicht mehr und führen keine Gespräche mehr. Die schnappen was auf und fragen nicht direkt nach.' In der Scheune sind andere nachgerückt, jüngere Jugendliche, zwölf bis 17 Jahre alt. Annalena Kiekhöfer hofft auf einen Neubeginn. 'Es ist wichtig, miteinander zu reden.' Für den Kirchenvorstand müsse die Entscheidung Anlass sein, etwas zu ändern: 'Ich hoffe, dass er seine zweite Chance nutzt.'

Benjamin Meyer hat schon mit dem Gedanken gespielt, aus der Kirche auszutreten - und den Gedanken verworfen. 'Wir haben getan, was wir konnten und auf die Missstände hingewiesen', sagt der 25-Jährige, der sich jahrelang in der Scheune engagiert hat. Die Landeskirche habe es als nicht so gravierend eingeschätzt. 'Es ist eine Entscheidung gefallen, die muss man hinnehmen.' Benjamin Meyer richtet den Blick auf die nächste Kirchenvorstandswahl in eineinhalb Jahren. Dann will er nochmal an den Konflikt erinnern.

Der Streit habe eine tiefe Spaltung der Gemeinde verursacht, sagt der 25-Jährige. So einen Umgang mit Mitarbeitern habe er noch nicht erlebt, weder jetzt in seiner Erzieherausbildung noch bei seiner ersten Ausbildung zur Logistikfachkraft bei der Bremer Lagerhaus-Gesellschaft (BLG). Missstände wie in der Worpsweder Kirchengemeinde wären dort undenkbar, sagt Meyer. 'Man kann sehen, wie die Menschen daran kaputtgehen. Das ist traurig.'

Julian Brünjes ist der Scheune treu geblieben, obwohl ihn die Entscheidung des Landeskirchenamts traurig macht. 'Aber man muss es so hinnehmen, jetzt muss man halt auf die Neuwahl warten.' Dass Eckart Richter den Stein ins Rollen brachte, findet er richtig. 'Irgend jemand musste es ja tun.' Nein, an eine Versöhnung glaubt er nicht mehr. Aber an die Scheune. Da muss es weiter gehen, da kann er jetzt nicht den Thekendienst hinwerfen.

Kai Baumann studiert in Bochum, arbeitet aber immer noch im Vorstand des Freundeskreises der Scheune mit, aus alter Verbundenheit. Da engagieren sich viele Erwachsene, die dem Jugendzentrum viel verdanken. Sie finanzieren den VW-Bus der Scheune und den Werkhaus-Betrieb. Der 24-Jährige ist froh, dass das Landeskirchenamt nach zehn quälenden Monaten endliche eine Entscheidung getroffen hat.

Saubere rechtliche Prüfungen können lange dauern; das weiß Baumann, der Sozialversicherungsrecht studiert. Dennoch hat die Landeskirche in seinen Augen 'auf ganzer Linie versagt'. Nicht nur die Politik verliere das Gespür für die Menschen, auch die Kirche. 'So geht man nicht mit Menschen um. Die Landeskirche hat nicht gemerkt, dass sich hier ein ganzes Dorf seit eineinhalb Jahren quält.' Die Juristen im Landeskirchenamt seien weit weg von der Realität im Künstlerdorf.

Vielleicht hätten die Jugendlichen ihre Protestplakate lieber in Hannover als in Worpswede zeigen sollen, sinniert Kai Baumann. Das Betriebsklima auf dem Kirchberg sei so schlecht wie nie: 'Bis zur nächsten Kirchenvorstandswahl wird dort Eiszeit herrschen.' Ein Kirchenaustritt kommt für Baumann nicht in Frage. Nicht in Bochum, wo er jetzt Mitglied der Kirchengemeinde ist. 'In Worpswede hätte ich mir darüber schon Gedanken gemacht.'

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