Ritterhuder Schüler arbeiten die Reichspogromnacht in vier Theaterstücken auf Bitterer November

Schüler des Ritterhuder Gymnasiums an der Riesstraße haben die Pogromnacht im November 1938 aufgearbeitet und in vier Theaterstücken Schicksale jüdischer Mitmenschen in Ritterhude lebendig werden lassen.
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Schüler des Ritterhuder Gymnasiums an der Riesstraße haben die Pogromnacht im November 1938 aufgearbeitet und in vier Theaterstücken Schicksale jüdischer Mitmenschen in Ritterhude lebendig werden lassen.

Von Helmut Meinerling

Ritterhude. Eine beklemmende Atmosphäre herrschte in der Aula der Riesschule. In vier Theaterstücken hatten die Schüler des 12. Jahrgangs die Pogromnacht des Jahres 1938 aufgearbeitet. Intensiv hatten sie nachgeforscht, hatten die Schicksale von Ritterhuder Juden erkundet, diese in ihren Stücken verarbeitet.

Im "Judenversteck" versuchen die Kinder, eine jüdische Freundin, deren Eltern bereits deportiert worden waren, aufzunehmen. Durch ein Gespräch, das belauscht wurde, wird aber die Freundin verraten. Der Vater, gefangen zwischen der Liebe zu seinen Kindern und der angeblichen Pflicht dem Führer gegenüber, entscheidet sich schließlich für das Vaterland und erschießt die Kinder.

Wie jüdische Mitbürger einfach verhaftet wurden und spurlos verschwanden, das schildert "Die Zeit der Füchse". Die damalige Willkürherrschaft wird durch die Darstellung der Akteure wieder lebendig.

Die Geschichte eines Elektrikers aus Platjenwerbe wurde von den Schülern im Stück "Sinasohn" aufgearbeitet, um die Ausgrenzung der Juden deutlich zu machen. Vor kurzer Zeit noch angesehene, hilfsbereite Bürger, werden sie plötzlich gemieden, verlieren ihre Arbeit, müssen ein "J" in ihren Pass eintragen lassen, können sich nicht mehr auf die Straße trauen, ehemalige Freunde wenden sich von ihnen ab.

Auch in "Die Geschichte der Goldbergs" haben die Gymnasiasten Ritterhuder Juden zu den Protagonisten gemacht. Auf dem jüdischen Friedhof in Ritterhude hatten sie den Grabstein eines Ehepaars, das die Pogromnacht nicht überlebte, entdeckt. Ärzte waren sie, stets bereit, ihren Mitbürgern zu helfen. Dennoch: Berufsverbot, Gewalt, das Tragen eines Judensterns, das Verbot, einen Deutschen als Diener zu beschäftigen, schließlich die Erschießung im eigenen Haus.

Starke Identifizierung

"Die Schüler haben sich die Themen selbst ausgesucht und bearbeitet, sich intensiv damit auseinandergesetzt", erläuterte Gertrud Milthaler, die Schulleiterin. "Die Teilnehmer haben durch ihre Darstellung diesen Stoff viel stärker verinnerlicht, als wenn sie nur darüber im Unterricht gelesen hätten." Karina Kögel-Renken, die das Fach "Darstellendes Spiel" unterrichtet, erinnerte sich, dass die Schüler anfangs eher unwillig an das Thema herangegangen seien. Im Laufe der Ver- und Bearbeitung der Theaterstücke aber hätten sie sich immer stärker mit den von ihnen dargestellten Personen identifiziert. Zum Schluss opferten sie etliche Stunden ihrer Freizeit, um ihre Rollen zu erlernen. Ein Schüler meinte: "Dass solche Gräueltaten so nah vor unserer Haustür passierten, das ist kaum zu glauben. Ich fühle mich richtig schlecht, wenn ich in meiner Rolle so schreckliche Sachen sagen muss."

Bürgermeisterin Susanne Geils machte deutlich, dass die Geschichte nicht vergessen werden dürfe. Zeitzeugen gäbe es immer weniger, umso wichtiger sei die Aufklärung der jungen Leute. "In den Stücken wurde deutlich, wozu Menschen fähig sind, wenn Werte fehlen", meinte sie und forderte: "Wir müssen uns einmischen, wenn Unrecht vor unseren Augen passiert".

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