Blaubeer-Hochburg Niedersachsen

Blau blühen die Beeren

Niedersachsen ist das Blaubeer-Land Nummer eins. 70 Prozent aller Blaubeeren in Deutschland kommen von hier. Pünktlich zur Eröffnung der Selbstpflücksaison haben wir den Bickbeernhof in Brokeloh besucht.
12.07.2020, 05:00
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Blau blühen die Beeren
Von Marc Hagedorn
Blau blühen die Beeren

Sie sagt, dass sie jede Sorte an ihrem Geschmack erkennt: Sylke Herse, die Chefin des Bickbeernhofes.

Fabian Wilking

Sylke Herse hat von ihren Mitarbeitern einen Picknickkorb packen lassen. So kann sie am besten zeigen, was man mit Blaubeeren alles anstellen kann und wie gern sie ihre Gäste damit überrascht. Herse betreibt den Bickbeernhof in Brokeloh bei Nienburg. Nur 200 Meter sind es vom Hof bis zu einem Birkenwäldchen. Dort hat sie vor einiger Zeit massive Bänke und Tische aufstellen lassen. Und während die freien Plätze auf der Terrasse vor dem Hof-Café an diesem Freitagvormittag schon langsam knapp werden, ist hier im Wald noch genug Platz und Ruhe. Ein ideales Fleckchen, um über Herses Leidenschaft für Blaubeeren zu sprechen.

Die Chefin stellt den Korb auf den Tisch und packt aus. Blaubeerschorle. Blaubeerkuchen. Und in Butterbrotpapier eingeschlagene Stullen. Dinkelbrot mit Blaubeermettwurst. Und ein Buchweizenbrot mit Blaubeermettwurst, Blaubeerdressing und Salatblatt. „Guten Appetit“, sagt sie, „lassen Sie es sich schmecken.“

Als Sylke Herses Eltern Helga und Horst vor 52 Jahren die ersten achteinhalb Hektar gerodeten Waldboden hier pachteten, um Blaubeeren anzubauen, war nicht absehbar, dass Jahre später ganze Busladungen mit Besuchern aus Bremen, Bielefeld, Minden, Hannover oder Hildesheim das Dörfchen Brokeloh ansteuern würden. Das Hofe-Café hat heute mehr Sitzplätze (fast 400) als Brokeloh Einwohner (rund 350).

Genauso unvorstellbar war damals, dass die Gäste hier einmal Blaubeerwein und hochprozentigen Blaubeerbrand, Blaubeersenf und Blaubeeressig, Wildbratwurst mit Blaubeeren und Matjeshappen in Blaubeermarinade würden kaufen können. Gibt es heute aber alles. Und noch viel mehr.

Blaubären und Blaubeeren

Vor der Eingangstür zum Hofladen empfängt ein blauer Bär die Gäste mit offenen Armen. Es ist ein Spaß, ein Wortspiel. Zwar sind Besucher gern gesehen und werden freundlich begrüßt. Aber Blaubären mit ä gibt es hier natürlich nicht, nur Blaubeeren mit Doppel-e. Es ist kein Zufall, dass sich die Region Mittelweser zu einer Hochburg für den Blaubeerenanbau entwickelt hat. Hier ist der Boden ideal, moorig und sauer mit großem Humusanteil. So lieben es die Pflanzen, die ursprünglich aus den USA und Kanada kommen und vor 100 Jahren von dem deutschen Botaniker Dr. Wilhelm Heermann nach Rinteln an der Weser eingeführt wurden.

Unternehmensgründer Horst Herse, ursprünglich studierter Landwirt aus dem Oderbruch, stand Ende der 1960er-Jahre vor der Wahl: Spargel oder Blaubeeren. Spargel war schon damals etabliert, die Blaubeere dagegen deutlich weniger bekannt. Heute ist das anders. Niedersachsen ist das Blaubeer-Land Nummer eins in Deutschland. 70 Prozent aller deutschen Blaubeeren kommen von hier. Beeren liegen im Trend, ihr Verzehr steigt kontinuierlich. Die Anbaufläche in Deutschland hat sich seit 2008 mehr als verdoppelt. Auch Herses Bickbeernhof ist über die Jahre gewachsen, von ursprünglich achteinhalb Hektar auf heute 25, verteilt auf sieben Plantagen rund um den Hof.

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Für Sylke Herse kommt die Beliebtheit von Blaubeeren nicht von ungefähr. Blaubeeeren, die je nach Region auch Heidelbeeren, Bickbeeren oder Heubeeren heißen, sind gesund, enthalten viel Kalzium, Magnesium, Eisen und Vitamine. Man sagt ihnen nach, dass sie das Risiko von Krebserkrankungen mindern. „Und natürlich schmecken sie gut“, sagt Sylke Herse. Acht Stammsorten baut sie an, 17 sind es insgesamt, mal süßer, mal saurer, mal fruchtiger. „Ich erkenne sie alle am Geschmack“, sagt die Betriebsleiterin.

Aber auch wenn die Blaubeere boomt, der Markt ist hart umkämpft. Im europäischen Ausland, vor allem in Italien, Spanien und Polen gibt es große Blaubeerproduzenten. „Dort sind die Mindestlöhne niedriger“, sagt Herse, ein Wettbewerbsvorteil für die ausländische Konkurrenz, die genau wie Herse den deutschen Einzelhandel, Aldi und Edeka beispielsweise, beliefert. Allein davon könnte der Betrieb in Brokeloh nicht überleben, also ist Herse vor Jahren in die Direktvermarktung eingestiegen. „Eine Herzensangelegenheit“, wie sie sagt. Sylke Herse liebt es auszuprobieren, zu experimentieren und jeden Tag mit Kunden zu tun zu haben.

Zahlreiche Verarbeitungsmöglichkeiten

Mehr als 100 Tonnen Blaubeeren ernten die Mitarbeiter pro Saison auf dem Bickbeernhof, 15 bis 20 Tonnen davon verarbeiten die Angestellten in der Hofküche selbst. Zu Marmelade und Saft, zu Eis und Smoothie oder ganz klassisch als Beilage zu Waffeln, Milchreis und den mächtigen Kartoffelpuffern, für die der Bickbeernhof auch überregional bekannt ist. Wanderer, Spaziergänger, Motorrad- und Radfahrer machen hier von Mai bis Anfang Oktober Station, an manchen Tagen sind es mehrere tausend Gäste.

Sylke Herse beschäftigt auf dem Bickbeernhof 40 Mitarbeiter im Café und in der Verarbeitung. Normalerweise kommen bis zu 80 Saisonarbeiter aus Polen und der Ukraine dazu, wegen Corona sind es in diesem Jahr nur 50. Überhaupt Corona: Das Virus macht das Arbeiten komplizierter, auch auf dem Bickbeernhof gelten besondere Abstands- und Hygieneregeln. Und Busse mit vor allem älteren Gästen kommen zurzeit deutlich weniger.

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Aber Herse merkt in diesen Wochen trotzdem, wie sehr es die Menschen nach draußen zieht, an die frische Luft, in die Natur. Davon profitiert der Hof. Mehr Familien und junge Leute also sonst sind zurzeit unterwegs. Und ab diesem Montag sind es vielleicht sogar noch ein paar mehr als sonst, denn dann beginnt die Selbstpflücksaison.

Mit vier Produkten – einem Biobeerenkompott, dem Salatdressing „Blaue Liebe“, der Blaubeerkonfitüre „Blaumelade“ und dem Glühwein „Heiße Beere“ – ist der Bickbeernhof offizieller kulinarischer Botschafter Niedersachsens. Nur beim „Blauen Hopfen“ schummelt Herse, so ähnlich wie mit den blauen Bären am Eingang zum Hofladen. Der „Blaue Hopfen“ ist ein Kellerbier, leicht malzig, aber ohne Blaubeerenzusatz. „Dafür“, sagt Herse, „macht es blau.“ So kann man das auch sehen.

Info

Zur Sache

Die „Blauen Höfe“

Man muss schon zeigen, was man hat und was man kann. Deshalb schlossen sich vor einigen Jahren 49 Betriebe zusammen. Als „Blaue Höfe“ betreiben sie Plantagen, Hofläden und Cafés, sie organisieren Hofführungen und Hoffeste und laden zum Selbstpflücken ein. „Entdecke dein Blaubeer-Feeling“ heißt der dazugehörige Slogan. Die Saison ist Anfang Juli eröffnet worden.

In der Region Mittelweser mag es die meisten blauen Höfe geben, aber auch im Bremer Umland gibt es welche: Dittmeyer’s Bio Blaubeerhof in Worpswede zum Beispiel oder Haase-Böschen in Posthausen, Hof Neuenkrug in Hambergen und die Hof Neuenkrug Plantage Teufelsmoor in Osterholz-Scharmbeck. Auf der Homepage www.die-blauen-hoefe.de gibt es im Internet eine Übersicht mit allen Betrieben. Dazu beantworten Videos fast alle Fragen zur Blaubeere. Zum Beispiel auch die, warum Waldheidelbeeren die Zähne blau färben, die gezüchteten Kulturheidelbeeren dagegen nicht.

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