Offene Ateliers in Osterholz-Scharmbeck Blicke über die Künstlerschulter

27 Künstler an neun unterschiedlichen Ausstellungsorten öffneten in diesem Jahr in der Kreisstadt und in Ritterhude die Türen ihrer Ateliers und ließen sich von den Gästen zu ihren Arbeiten befragen.
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Von Christa Neckermann

Osterholz-Scharmbeck. Wer in Galerien geht, um Kunstwerke zu betrachten, steht nicht selten vor einem Objekt und fragt sich, wie es wurde, was es ist. Seit 2011 öffnen Künstler aus Osterholz-Scharmbeck und Ritterhude ihre Ateliers und erlauben einen Blick über die Schulter, erklären Techniken und informieren interessierte Gäste bei einem Tässchen Kaffee und einem Keks über ihre Arbeiten. Das macht sowohl den Künstlern als auch den Gästen Vergnügen. Die einen profitieren, weil die ausgestellten Kunstwerke bisweilen den Besitzer wechseln, die anderen profitieren vom Fachwissen und dem Können der ausstellenden Künstler. Und alle genießen das gemeinsame Gespräch.

In diesem Jahr öffneten 27 Künstler an neun unterschiedlichen Ausstellungsorten die Türen ihrer Ateliers und ließen sich von den Gästen zu ihren Arbeiten befragen. Das künstlerische Angebot reichte dabei von Drucken über Malerei, Radierungen, Fotografie bis zu Bronzeplastiken und Schmuck.

In Ritterhude hatte Lothar Reichelt ein großes Schild an der Eingangstür befestigt: „Offen“. Gut 250 Gäste nutzten die Gelegenheit, in seinem Haus und Garten die ausgestellten Skulpturen zu betrachten. Ehefrau Sabine Reichelt hatte ihre Bilder dazu gestellt, und im großzügigen Garten des Einfamilienhauses hatte Hermann Hoffmann seine überaus realistischen Gemälde platziert.

„Man kommt sich ein wenig beobachtet vor“, meinte eine Dame, die eine von Reichelts Skulpturen betrachtete, eine Büste, die durch eine Sonnenbrille die Gäste im Raum beim Umherschlendern zu betrachten schien. „Das sind Schaufensterpuppen, die ich mit einer Spezial-Spachtelmasse bearbeite. Die Brillen bekomme ich mittlerweile von einem Optiker im Ort“, verriet Reichelt. Er arbeitet mit Draht, Holz, Steinen, Bauschaum und unendlich viel Fantasie. Es sei coole Kunst, habe ihm mal ein Kunstprofessor bescheinigt, erzählte Reichelt. Die Ideen für seine Werke holt sich der Künstler unter anderem aus seinem persönlichen Schrottvorrat hinten im Garten. „Ich schau‘ mir die Teile an, und dann fällt mir ein, was ich daraus machen kann.“

Ehefrau Sabine ist Enkaustik-Expertin. Bei dieser Maltechnik werden in Wachs gebundene Farbpigmente heiß auf einen Maluntergrund aufgebracht und dann noch gestaltet. Das gibt den Bildern fast ein wenig das Aussehen von Keramiken.

Auf Gut Sandbeck stellte Rotraud Schmitter ihre Bronzeplastiken aus. Mit einem Blick für das Detail verarbeitet sie Themen aus dem Menschen, -Tier und Pflanzenreich, wobei die drei durchaus auch schon einmal ineinander übergehen können. So wie bei der Blume, deren Blüte einem Menschenkopf ähnelt, die aufstrebenden Blätter, nach oben zeigend, wie Arme wirken, während die bereits verblühten Blätter sich dem Boden wie Beine annähern. „Ich mag besonders diese Darstellung der Daphne, der Nymphe, die sich auf der Flucht vor Apoll von ihrem Vater in einen Baum verwandeln ließ“, verriet Schmitter. „Hier habe ich nur recht wenig nachgearbeitet. Ich war jetzt in Holland in einer Bronzegießerei, bei der ich eine neue Technik erlernt habe, die ein noch feineres Gestalten erlaubt.“

Ihre kleinen Bronzen sind echte Hingucker, bei denen sich der Betrachter in die Details verlieren könnte. So wie bei der kleinen Plastik, die auf Zehenspitzen leicht über ihren Sockel hinausragt, wie eine Turmspringerin kurz vor dem Absprung. „Manchmal muss man gar nicht mehr entscheiden, sondern einfach nur tun“, erläuterte Schmitter bei dieser Figur.

Auf der Suche nach der feinen Art ist der Fotograf Jens Welsch, der ebenfalls auf Gut Sandbeck seine Arbeiten vorstellte. Er ist hier wohl eher als Verantwortlicher für das Figurentheaterfestival Spectaculum bekannt. Doch sein Auge für das Schöne ist nicht auf Figuren beschränkt. In der Fine Art-Fotografie sollen künstlerisch hochwertige Bilder von Menschen entstehen – nicht mit Hilfe technischer Programme wie Photoshop, sondern eher durch die Zusammenarbeit eines Teams, das aus dem Fotograf, darstellendem Modell und Visagist besteht und gemeinsam an der Umsetzung einer künstlerischen Idee arbeitet, erzählt Welsch. „Wenn ich da so eine Idee für ein Foto habe, muss ich mir genau überlegen, wer das, was ich mit dem Bild erzählen möchte, auch darstellen könnte. Dann brauche ich noch einen Visagisten, der meine Vorstellung von dem Modell unterstützt. Bis die Szene, die ich vor Augen habe, umgesetzt ist, kann es schon eine Weile dauern“, berichtete er.

So sind seine Bilder auch nicht die typischen Fotografien landschaftlich reizvoller Orte, sondern eine ausgeklügelte Hommage an die menschliche Darstellung, die, in schwarz-weiß oder nur ganz wenig Farbe, die wie ungeschminkt wirkende Geschichte des Dargestellten erzählt. Kunst in der Kunst des Weglassens, sodass dem Betrachter das Wesentliche präsentiert wird.

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