Brinkumer war bei Entwicklung des ersten westdeutschen Düsenverkehrsflugzeugs dabei / VFW 614 steht auf Terrasse des Bremer Flughafens Bodo Knorr baute an einer Legende mit

Zwei Herzen schlagen in der Brust von Bodo Knorr: eines für seine Frau und eines für ein Projekt, das den Namen VFW 614 trug. Mit diesen Buchstaben und Zahlen ist ein Flugzeug gemeint – aber nicht irgendeines. Die VFW 614 war das erste Düsenverkehrsflugzeug, das in Westdeutschland gebaut wurde, gleich nebenan in Bremen. Und Knorr war dabei.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Bodo Knorr baute an einer Legende mit
Von Markus Tönnishoff

Zwei Herzen schlagen in der Brust von Bodo Knorr: eines für seine Frau und eines für ein Projekt, das den Namen VFW 614 trug. Mit diesen Buchstaben und Zahlen ist ein Flugzeug gemeint – aber nicht irgendeines. Die VFW 614 war das erste Düsenverkehrsflugzeug, das in Westdeutschland gebaut wurde, gleich nebenan in Bremen. Und Knorr war dabei.

Auf der Flughafenterrasse steht ein Stück Bremer Luftfahrtgeschichte: ein Flugzeug, das auf den Namen VFW 614 hört. Weil die Terrasse saniert werden soll, muss das Flugzeug verschwinden. Ob es nach der Renovierung wieder dort einen Platz finden kann, ist noch ungewiss. Schade, findet Bodo Knorr. Denn die VFW 614 war das erste in Westdeutschland gebaute Düsenverkehrsflugzeug, Knorr war an der Entwicklung des Flugzeugs beteiligt. Als Flugversuchsingenieur hat der Brinkumer später seinen Teil dazu beigetragen, dass das Fliegen heutzutage die sicherste Form des Reisens ist.

Ein Flugbegeisterter war Knorr schon in der Schule. Kein Wunder also, dass er eine Lehre als Flugzeugbauer absolvierte und später ein entsprechendes Studium obendrauf sattelte. 1968 fing er bei den Vereinigten Flugtechnischen Werken (VFW) an. „Im Jahr 1969 fiel der Startschuss für das Projekt VFW 614 – der Bau des ersten Düsenflugzeugs in Westdeutschland“, erklärte Knorr. Alle seien begeistert von dem Projekt gewesen, die Bürger, die Politik und die Mitarbeiter. „Man konnte die Leute nachts aus dem Bett holen dafür“, so Knorr. Schon damals entstanden die Flugzeuge aus Komponenten aus verschiedenen Ländern. „Die Flügel kamen zum Beispiel von Fokker aus den Niederlanden, die Triebwerke von Rolls Royce aus England“, sagte der heute 72-Jährige. Der Rumpf wurde bei VFW entwickelt, er bot bis zu 44 Passagieren Platz.

Am 17. Juli 1971 erhob sich das neue Flugzeug erstmals in die Luft. Eine wesentliche Neuerung war, dass die Triebwerke auf den Flügeln angebracht waren. Warum? „Die Maschine sollte auch als Buschflieger eingesetzt werden können und in der Lage sein, auf unbefestigten Pisten starten und landen zu können. Damit die Triebwerke dann keine aufgewirbelten Kleinteile einsaugen konnten, wurden sie auf den Flügel gesetzt“, erläuterte Knorr. Das habe auch dazu geführt, dass die Triebwerke nach unten kaum Lärm abstrahlten, andererseits fiel der Blick der Fluggäste immer auf die Turbinen.

Doch am 1. Februar 1972 mussten die Mitarbeiter bei VFW einen tödlichen Rückschlag bei ihrem Projekt hinnehmen: Ein Prototyp stürzte auf dem Gelände des Bremer Flughafens ab. Zwei der drei Besatzungsmitglieder konnten sich mit dem Fallschirm retten. Grund für den Absturz war ein Flattern des Höhenleitwerkes, sodass die Maschine nicht mehr kontrollierbar war. Der Fehler konnte jedoch bei nachfolgenden Modellen behoben werden, und im August 1974 bekam die Maschine ihre Zulassung vom Luftfahrt-Bundesamt.

Mittlerweile war auch die Firma Fokker bei VFW eingestiegen, und das ist für Knorr der Grund dafür, dass sein geliebtes Flugzeug kein kommerzieller Erfolg wurde. „Fokker baute ja selbst Flugzeuge, die sich sehr gut verkauften. Da stellte die VFW 614 lediglich ein Konkurrenzprodukt dar“, sagte er. 19 Maschinen seien insgesamt gebaut worden, einige seien auch verkauft worden – zum Beispiel an die Luftwaffe. Aber gegen Ende der 1970er-Jahre wurde die Produktion eingestellt.

Knorr war mittlerweile Flugversuchsingenieur geworden. „Bei kritischen Versuchen hatten wir immer unsere Fallschirme dabei“, sagte er. Kritisch wurde es zum Beispiel 1991 bei einem Testflug mit einer Transall über der Ostsee. „Plötzlich gab es einen lauten Knall und Teile des Cockpits wurden dunkel“ erinnerte er sich. Die Maschine schaffte es noch bis zum nächsten Flughafen, als Knorr und seine Kollegen herauskletterten, weiteten sich ihre Augen. „Das Seitenruder war auseinandergerissen.“ Ursache dafür sei ein Blitzeinschlag gewesen. Auch wenn Airbus-Passagierjets zu Frachtern umfunktioniert wurden, war Knorr bei der Flugerprobung stets an Bord.

Doch seine alte Liebe, die VFW 614, ließ ihn nicht los – und siehe da, im Jahr 1997 kam sie wieder in sein Leben geflogen. Eine moderne Flugsteuerung, die sogenannte Fly by wire-Technik sollte getestet werden. Hierbei werden die Steuerflächen einer Maschine nicht mehr mechanisch über Seile und hydraulische Systeme angesteuert, sondern elektrisch, wobei der Draht (Englisch=wire) die Impulse an die Motoren an den Stellflächen überträgt. Eingebaut wurde diese Technik, man ahnt es, in eine VFW 614. Die Technik an sich gab es schon länger. Aber: „Wir hatten das modernste System. Obendrein hatten wir Testmethoden entwickelt, mit denen wir jeden Fehler gefunden haben“, sagte Knorr. „1999 flog die VFW 614 mit dieser Technik erstmals“, so der Stuhrer. Und es ist genau die Maschine, die ihre letzte Parkposition auf der Terrasse des Bremer Flughafens gefunden hatte.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+