Dieter Goldkamp klagt über Gleichgültigkeit der Gemeinde Boot des Dichters Schenk verkommt

Worpswede. Das Grundstück der Gästeinformation ist gepflegt, der Rasen kurz geschnitten. Zweige nähern sich dem heruntergekommenen Boot, das ein Autokran vor einem Jahr auf die Grünfläche gesetzt hat. Es erinnert an Johannes Schenk, den Dichter, Maler und Seemann.
10.06.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Michael Wilke

Worpswede. Das Grundstück der Gästeinformation ist gepflegt, der Rasen kurz geschnitten. Nebenan sprießen Gräser und Kräuter in die Höhe; Zweige nähern sich dem heruntergekommenen Boot, das ein Autokran vor einem Jahr auf die gemeindeeigene Grünfläche gesetzt hat. Es erinnert an Johannes Schenk, den Dichter, Maler und Seemann, der im Dorf aufwuchs. An den Poeten mit Hut, Weste und Gehrock erinnern sich viele Worpsweder. Sein Boot, auf dessen Planken er Gedichte vortrug, verkommt zusehends.

Der harte Winter hat die weiße Farbe auf dem hölzernen Deck untergraben; der Frost hat Kerben und Risse in den Planken vertieft. Der Zersetzungsprozess hat vor Jahren begonnen; jetzt sind die Spuren des Verfalls nicht mehr zu übersehen.

Dieter Goldkamp hat zusammen mit Freunden dafür gesorgt, dass das Boot jetzt im Zentrum des Künstlerdorfs steht, an der Ecke Bergstraße/Lindenallee, wo Besucherscharen von der Gästeinformation im Philine-Vogeler-Haus zum Weyerberg pilgern. Das war am 28. Mai 2009; der pensionierte Restaurator hat Buch geführt.

Vorher gammelte das vom Seemann und Dichter umgebaute Rettungsboot ein paar Jahre hinter dem Vogeler-Bahnhof vor sich hin. Dort haben Johannes Schenk und die Künstlerin Natascha Ungeheuer gelebt, in Zirkuswagen, die das Boot umgaben. Das Winterhalbjahr verbrachte das Paar in Berlin; die wärmere Jahreszeit brachte beide zurück ins Dorf am Weyerberg. Bis Johannes Schenk starb. Das war 2006. Seitdem lebt die Künstlerin in Berlin; sie kommt nur noch zu Ausstellungen nach Worpswede.

Boot heißt 'Gaaguim' - 'Sehnsucht'

Johannes Schenk hat das Boot 'Gaaguim' getauft - es ist das hebräische Wort für Sehnsucht. Das Boot hat er als Plattform benutzt, um seine Gedichte vorzutragen - Dutzende Menschen hörten zu.

Dieter Goldkamp ist verbittert. Er hat den Bürgermeister wochenlang um eine Säuberung des Grundstücks und Farbe für das Boot gebeten. Passiert sei nichts, schimpft er. 'Da liegt Toilettenpapier herum, da sind die Hinterlassenschaften der Hunde.' Goldkamp hat den Schmutz vom Boot gefegt und Abfälle aufgesammelt. Doch ohne Farbe und Pflege gibt er dem Schiffchen des Poeten keine zwei Jahre.

'Wer trägt die Verantwortung für die Pflege des Bootes und die Säuberung des Grundstücks?', fragt der 68-Jährige. Beides sei notwendig, 'auch für die Imagepflege des Dorfes'. Goldkamp sieht die Gemeinde in der Pflicht. Ihren Repräsentanten wirft er Gleichgültigkeit vor. Die Kritik lässt Bürgermeister Schwenke nicht auf sich sitzen. 'Entgegenkommenderweise' habe die Gemeinde den Freunden von Schenk und Ungeheuer das gemeindeeigene Grundstück zur Verfügung gestellt, 'damit das Boot vom Bahnhof wegkommt und im Zentrum als Andenken an Johannes Schenk steht'.

Der sei 'ein toller Lyriker, eine ganz besondere Person' gewesen und ein Unikum: 'Er gehört zu Worpswede.' Doch hätten die Freunde erklärt, sie würden die Pflege übernehmen; das sei 'ausdrücklich vereinbart' worden. Gleichwohl habe er das Boot im vergangenen Jahr von einem Mitarbeiter mit dem Hochdruckreiniger säubern lassen, sagt der Bürgermeister. Auch diesmal habe er Goldkamp die Reinigung und Farbe zugesagt. 'Das Abspritzen wird heute oder morgen gemacht', erklärt Schwenke. Die Farbe sei bestellt und werde demnächst geliefert - alles längst geklärt, unabhängig von kritischen Fragen der Redaktion.

'Warum muss sowas denn allein Gemeindeaufgabe sein?', fragt Schwenke. Mittel- und langfristig sei das Boot ohnehin nicht zu retten, wegen der Feuchtigkeit im Holz, wegen der von Schenk aufgetragenen Latex-Farbe und wegen des von ihm verwendeten Teers. Dieter Goldkamp will die Last der Verantwortung nicht alleine tragen, aber auch nicht klanglos die Segel streichen. Die Helfer, Firmen und freiwilligen Mitarbeiter, die das Aufstellen des Bootes 'mit großem Aufwand realisiert' hätten, heute für den maroden Zustand verantwortlich zu machen, sei 'einfach respektlos und verletzend', klagt der 68-Jährige.

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