Krach um Kompensationsfläche

Arbeiten am Borgfelder Kreuzdeich gestoppt

Am Borgfelder Kreuzdeich entsteht eine Öko-Fläche unter anderem als Ersatz für den Bau von Verkehrsinfrastruktur. Seit 20 Jahren laufen die Planungen. Nun wurde das Projekt gestoppt.
02.06.2020, 22:46
Lesedauer: 4 Min
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Arbeiten am Borgfelder Kreuzdeich gestoppt
Von Petra Scheller

Sonnenstrahlen spiegeln sich in einem kleinen Teich am Kreuzdeich wider. Kinder haben ihre Räder abgestellt und tasten sich vorsichtig ans Wasser. Wer über den Borgfelder Deich Richtung Blockland radelt, entdeckt eine weite Weidefläche. Hier entsteht seit einem Jahr eine Öko-Fläche, die als Ausgleich unter anderem für Straßen- und Wohnungsbau dienen soll. Seit 20 Jahren laufen dafür die Planungen. Nun wurde das Projekt gestoppt. „Die Fläche bleibt vorläufig so, wie sie ist“, teilt der Sprecher des Bremer Amts für Straßen und Verkehr (ASV), Martin Stellmann, auf Nachfrage mit. Die Arbeiten an der Kompensationsfläche Kreuzdeich werden in diesem Jahr nicht wie geplant fortgesetzt, heißt es weiter.

Projektplaner bringt das auf die Palme. Vor zwei Jahren hatte die Landschaftsplanerin Christine Bandel vom Amt für Straßen und Verkehr erstmals die Pläne für die 25 Hektar große Kompensationslandschaft am Kreuzdeich vorgestellt. Schon 2001 hatten sich die Naturschutzbehörde, der Naturschutzbeirat und Naturschutzverbände sowie der Deichverband am rechten Weserufer auf einen Planungsentwurf geeinigt: Dort, wo am Borgfelder Kreuzdeich ein kleines Schutzhäuschen steht, sollte bereits im vergangenen Jahr ein Stauwerk am Wümme-Ufer gebaut werden.

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Durch ein 31 Meter langes Stahlrohr, das durch den Deich gebohrt werden würde, soll Wümme-Wasser auf eine 20 Hektar große Überschwemmungsfläche fließen. Seltene Pflanzen- und Tierarten könnten sich dort ansiedeln – so der Plan. Ringsherum sind Deichanlagen vorgesehen sowie ein kleines Wäldchen. Die Überschwemmungsfläche soll komplett umwandert werden können. Ein kleiner Deich, etwa 2,60 Meter hoch, ist zur Abgrenzung der Wasserfläche geplant.

Eine Million fehlt

Hans Ulrich Müller von der Hanseatischen Naturentwicklung Bremen (Haneg) hatte bereits im vergangenen Jahr mit den Arbeiten begonnen. Denn „die Auflagen, die es zur Einhaltung von Fristen für bestimmte Kompensationsmaßnahmen gibt, waren im Grunde bereits verstrichen“, berichtet Projektplanerin Bandel. Im Sommer 2006 wurde für das Projekt ein Bebauungsplan festgeschrieben, 2009 eine sogenannte wasserrechtliche Planfeststellung mit einer Frist von 10 Jahren vereinbart. Die wäre im vergangenen Jahr abgelaufen, deshalb beauftragte das Amt für Straßen und Verkehr die Haneg noch 2019, um mit dem Bau der Ausgleichsfläche zu beginnen.

Im Mai vergangenen Jahres war überraschend von Finanzierungsproblemen die Rede. Damit einhergehend wurde eine neue Planungsvariante ins Spiel gebracht. Hinter verschlossenen Türen wird inzwischen eine alternative Herangehensweise diskutiert. Denn noch immer fehlt rund eine Million Euro für das Drei-Millionen-Projekt.

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Vieles sei momentan unklar, räumt ASV-Sprecher Stellmann ein. Würde eine neue Variante ins Spiel gebracht, müsste die auch neu genehmigt werden. Zunächst werde wohl die Baudeputation der Bremischen Bürgerschaft noch einmal über das Projekt beraten, vermutet der ASV-Sprecher. „Das wird vor der Sommerpause allerdings nichts mehr“, berichtet ein anderer Vertreter des Amts für Straßen und Verkehr. Trotz aller Widerstände glaubt Stellmann, dass das Projekt im kommenden Jahr fortgesetzt werden könnte. Projektleiter Hans Ulrich Müller von der Haneg indes glaubt das nicht. In drei Jahren gehe er in Rente. Bis dahin werde sich nichts mehr tun, vermutet der Diplom-Ingenieur.

Prozesse, die sich über Jahrzehnte hinziehen, seien zum Zeitpunkt der Realisierung nicht mehr zeitgemäß, heißt es indes von Projektkritikern, die sich nicht öffentlich äußern wollen: Die Kosten seien inzwischen gestiegen, Bauleute seien nicht mehr so einfach verfügbar, zudem gäbe es aktuell einen Mangel an Arbeitsmaterial – Kleiboden wie er für den Bau des „Kleinen Deiches“ benötigt werde, sei zurzeit kaum verfügbar, bestätigt auch Wilfried Döscher, Geschäftsführer vom Deichverband am rechten Weserufer.

Neuer Plan bräuchte Jahre

Die Pflege der kleinen Deiche rund um die Überschwemmungsfläche und die Regelung der Wasserzufuhr über das Stauwerk an der Wümme soll künftig vom Deichverband übernommen werden. Hier will man sich zu der Sache nicht öffentlich äußern. „Still ruht der See“, sagt Deichexperte Döscher.

Kritiker bringen jetzt eine Variante ins Spiel, die längst vom Tisch sei, kritisiert Stellmann. Sie schlagen vor, das Wümmewasser einfach über die Ufer treten zu lassen, um die Fläche zu überschwemmen. Ein Doppeldeich wäre somit nicht notwendig und auch keine aufwendigen Deichbauten. Stellmann hält dagegen: Nach Genehmigung der Deichrückverlegung wären für die Ausdeichung die Ausführungsplanungen und die Ausschreibungsunterlagen neu zu erstellen. Das bedeute eine Verzögerung von vier bis fünf Jahren.

Info

Zur Sache

Ausgleichsprojekt Kreuzdeich

Die Bremische Naturschutzbehörde plant am Kreuzdeich seit den 1990er-Jahren eine Biotoplandschaft zur Kompensation von großflächigen Versiegelungen, die in der Vergangenheit entstanden sind. Die Wiesen am Borgfelder Kreuzdeich sind derzeit eines der größten Ausgleichsprojekte in Bremen. Die 25 Hektar große Fläche soll für drei Millionen Euro in eine Überschwemmungslandschaft umgestaltet werden.

Auf diese Weise soll die großflächige Versiegelung bei Projekten wie den Baugebieten Borgfeld-Ost und -West ausgeglichen werden, der Bau eines Teilstücks der Autobahn 281, der Ersatzbau der Wümmebrücke, die Anbindung der Ortsentlastungsstraße Lilienthal sowie der Bau der Straßenbahnlinie 4 bis zum Falkenberger Kreuz. Ausgleichsmaßnahmen sind gesetzlich vorgeschrieben. Die rechtliche Grundlage ist das Bundesnaturschutzgesetz mit entsprechenden Ausarbeitungen in den Ländern.

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