„Be oK“-Projekt startet in Lilienthal

„Wir müssen es schaffen, die Klischees aufzubrechen“

Bremens Landesfrauenbeauftragte Bettina Wilhelm spricht im Interview über berufliche Vorurteile, die gendergerechte Sprache und das Projekt „Be oK - Berufsorientierung und Lebensplanung ohne Klischees“.
12.04.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Wir müssen es schaffen, die Klischees aufzubrechen“
Von Mario Nagel
„Wir müssen es schaffen, die Klischees aufzubrechen“

Bettina Wilhelm ist seit 2017 die Frauenbeauftragte des Landes Bremen.

Christina Kuhaupt
Warum gibt es im 21. Jahrhundert immer noch die sogenannten klassischen Frauen- und Männerberufe?

Bettina Wilhelm: Die klassischen Frauen- und Männerberufe gibt es nicht, aber es gibt Zuschreibungen an Berufsbilder als klassisch weiblich oder männlich, und die Berufswahl ist oft von Geschlechterklischees beeinflusst. Die Auswahl des Berufes hängt von vielen, in sich verzahnten Faktoren ab: Dem Bild, das man von dem Beruf hat, der Vorstellung über die eigenen Stärken, aber auch über die zukünftige Lebensplanung. Die „Top 10“ der Berufe, für die sich Jungen und Mädchen entscheiden, hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. Aber etwa ein Drittel der jungen Menschen wählen einen der jeweiligen „Top 10“-Berufe, dabei fallen Geschlechterbilder ins Gewicht. Wir müssen es daher schaffen, die Klischees und damit die sogenannten klassischen Berufsbilder aufzubrechen.

Welche Rolle kann die derzeitige Debatte um die gendergerechte Sprache spielen, um Klischees in der Berufswelt aufzubrechen?

Eine große Rolle! Es gibt Untersuchungen dazu, wie wichtig es ist, eine Stelle gendergerecht auszuschreiben. Diese Untersuchungen haben gezeigt, dass sich Männer wie Frauen mehr angesprochen fühlen, wenn ihr Beruf auch geschlechtsspezifisch genannt ist. Die Sprache ist ein großer Punkt, auch in der Schule.

Inwiefern?

Zum Beispiel bei der Frage, wie die Lehrkräfte sprechen. Wird eine männliche Sprache gewählt oder werden auch Frauen einbezogen? Klischees sprechen sich auch durch Aktionen aus: Wen spreche ich wie an, welche Stärken fördere ich bei Kindern? Dabei kommt zum Tragen, dass jeder und jede gewisse Klischees im Kopf hat. Die braucht man auch, um Dinge einordnen zu können, aber sie müssen eben hinterfragt werden und genau darauf kommt es uns an.

Werden Frauen, etwa durch das vorherrschende Berufsbild in der Familie, dazu gedrängt, eher in sozialen Berufen zu arbeiten?

Frauen arbeiten ja nicht nur in sozialen Berufen. Aber es stimmt, dass das persönliche Umfeld einen erheblichen Einfluss auf die Berufswahl hat. Die Berufe der Eltern und Großeltern, aber auch die Sprache der Lehrkräfte oder Freunde spielen eine große Rolle. Manchmal reichen schon Schlüsselsätze wie „Das ist nichts für Mädchen“ oder „Mit diesem Beruf kannst du keine Familie ernähren“ aus, um Jungs und Mädchen von ihrem eigentlichen Berufswunsch abzubringen. Durch Klischees werden junge Menschen dann von Berufen abgebracht, bevor sie sich überhaupt richtig damit auseinandergesetzt haben.

Streben Männer vielleicht einfach häufiger eine berufliche Karriere an als Frauen?

Frauen haben es häufig schwerer, beruflich Karriere zu machen. Vor allem durch die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit, die noch immer häufig an der Frau hängen bleibt. Das macht die Corona-Krise deutlich: Homeschooling und die Care-Arbeit landen mehrheitlich bei den Frauen, auch wenn beide Partner im Homeoffice sind. Frauen müssen auf ihrem Karriereweg vielfach schwerere und größere Hürden überwinden und öfter beweisen, dass sie sich durchsetzen können.

Ist denn schon erkennbar, dass sich die geschlechterbezogene Arbeitswelt im Wandel befindet?

Ja, an vielen kleinen Schritten. Ich muss sagen, dass wir weiter sind als vor zehn Jahren. In der Bildung wurde am meisten aufgeholt: Mädchen machen inzwischen die besseren Abschlüsse, in vielen Studienbereichen gibt es mehr weibliche als männliche Studienanfänger und mehr Studentinnen als Studenten, die erfolgreich abschließen. Es gibt auch Fortschritte bei der Arbeitsteilung in Partnerschaften, aber es ist eben noch nicht genug.

Häufig heißt es, dass junge Frauen ihre Interessen nicht verfolgen können, weil ihnen bestimmte Möglichkeiten nicht aufgezeigt werden. Vielleicht wollen viele von ihnen aber auch gar nicht als Bauarbeiter, Handwerker oder Berufskraftfahrer arbeiten. Wie sehen Sie das?

Bei dem Projekt „Be oK“ geht es nicht darum, Mädchen in MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, Anm. d. Red.) zu drängen oder Jungs in soziale Berufe. Es geht darum, dass Kinder ihre Stärken erkennen, sie wertschätzen können und wissen, in welchem Beruf welche Stärken gefragt sind. Und es geht darum, den Blick zu öffnen und zu schauen: Was kann ich gut? Und nicht: Was passt zu mir, weil ich ein Mädchen bin?

Warum ist es wichtig, Kinder bereits in der sechsten und siebten Klasse über ihre beruflichen Chancen aufzuklären?

In dieser Entwicklungsphase spielen Klischees eine große Rolle. Während der Pubertät werden die Geschlechterrollen definiert, mit den möglichen Berufen haben sich die Kinder aber noch nicht auseinandergesetzt. Wenn man die Klischees aufbrechen will, muss man deshalb früh ansetzen. Wir haben das Projekt daher breit angelegt. Es geht nicht nur um Berufsorientierung, sondern auch um die Lebensplanung: Was kostet ein Leben als Single, was, wenn ich verheiratet bin oder Kinder habe? Und welchen Beruf muss ich erlernen, um es mir leisten zu können.

Das klingt im ersten Moment sehr theoretisch. Welche Möglichkeiten gibt es in dem Projekt, um die Aufmerksamkeit der Kinder hochzuhalten?

Wir wollen die Kinder spielerisch und erlebnisorientiert an das Thema heranführen. Wir arbeiten mit Vorbildern aus der Wirtschaft und sozialen Einrichtungen zusammen: mit Personen, die geschlechtsuntypische Berufe haben und diese präsentieren. Die Kinder sollen sich aber nicht nur mit Berufsbildern, sondern auch mit ihren Interessen und Stärken auseinandersetzen. Sie sollen herausfinden, wo ihre Stärken liegen und welche Berufe dazu passen. Das gleiche gilt für die persönlichen Interessen.

Überfordert das 12- oder 13-Jährige nicht?

Das Projekt wird durch die Schulen vor- und nachbereitet. Es ist uns auch wichtig, dass das Thema keine Eintagsfliege ist. Aber 12- und 13-Jährige werden mit dem Projekt nicht überfordert. Die Kinder sollen sich ja nicht gleich auf einen Beruf festlegen. Es geht darum, dass sie ihren Blick öffnen. Durch den spielerischen Weg bin ich mir sicher, dass wir die Schülerinnen und Schüler abholen werden.

Info

Zur Person

Bettina Wilhelm

ist seit 2017 Bremens Landesbeauftragte für Frauen und damit Leiterin der Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF).

Info

Zur Sache

Projektstart an der IGS Lilienthal

Am Dienstag, 13. April, startet an der IGS Lilienthal das Projekt „Be oK - Berufsorientierung und Lebensplanung ohne Klischees“. Die Schüler der sechsten Jahrgangsstufe sollen bis zum Freitag, 16. April, interaktiv ihre Interessen, Neigungen und Fähigkeiten in Bezug auf Berufsfelder und die eigene Lebensgestaltung erkunden. Die Projekttage bilden den Auftakt für insgesamt 20 Durchgänge an Schulen aus dem Land Bremen und dem Landkreis Osterholz im Zeitrahmen April 2021 bis Oktober 2022 und richten sich an Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen sechs und sieben sowie deren Lehrkräfte. Organisiert wird „Be oK“ von der Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF). Interessierte Lehrkräfte können sich per E-Mail (beok@frauen.bremen.de) an das Projektteam wenden und eine Projektwoche an ihrer Schule in Bremen, Bremerhaven oder im Landkreis Osterholz buchen. Alle Informationen zum Projekt gibt es auf www.be-ok.de.

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