Langeoog

Bremer Seenotretter hilft Surfer ohne Brett

Der 80-jährige Oldenburger Horst Neumann hat schon vor Hawaii gegen Wellen gekämpft. Nun ist der Surfer vor Langeoog auf einen Bremer Seenotretter angewiesen gewesen. Die Rekonstruktion einer Rettung.
31.07.2019, 20:35
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Seenotretter hilft Surfer ohne Brett
Von Nico Schnurr
Bremer Seenotretter hilft Surfer ohne Brett

„Manche meinen, mit 80 Jahren geht man nicht Surfen, sondern spielt Halma.“ Horst Neumann die Hälfte seines Lebens Surfer, hier unterwegs vor Ägypten, sieht das anders.

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Er sieht sie nicht kommen. Die Welle erwischt ihn von hinten. Ohne Vorwarnung klatscht sie gegen seinen Rücken, drückt ihn runter, so heftig, dass er bald unter ihr begraben wird. Die Welle ist nicht hoch, einen halben Meter vielleicht. Kein Vergleich zu den Wasserbergen, mit denen der Senior aus Oldenburg manchmal vor der Küste von Maui kämpft. Gefährlich genug aber, um ihn in ­Lebensgefahr zu bringen.

Am Dienstagnachmittag ist Horst Neumann, 80 Jahre alt, die Hälfte seines Lebens Surfer, nicht vor Hawaii unterwegs. Einen Teil des Jahres verbringt er auf Langeoog. Von seinem Haus auf der Ostfriesischen Insel radelt er 800 Meter zum Strand, wo am Ende der ­Dünenkette sein Surfbrett lehnt, dreieinhalb Meter lang, 70 Zentimeter breit. Ein Modell, gefertigt aus Carbon, wie man es nur auf Hawaii bekommt. Die Fußschlaufe hat Neumann gleich nach dem Kauf abgenommen. Sichert zwar im Notfall das Brett, nervt aber auch, da verheddert man sich ständig, also lieber ohne.

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Der alte Mann fährt raus, um sich mit dem Meer zu messen. „Ich will Wellen überlisten, stärker als sie sein“, sagt Neumann. „Das ist eine Sucht, die mich nicht loslässt.“ Am Dienstag surft er entlang einer Strömungsrinne zwischen Langeoog und Baltrum. Es ist 16.30 Uhr, Neumann steht schon seit Stunden auf dem Brett, das Segel liegt locker in seiner Hand, da überlistet ihn die Welle, nicht andersrum. Als er wieder auftaucht, so schildert er es am Tag darauf am Telefon, sieht er, wie das Brett schon vier Meter von ihm entfernt treibt.

Kurz versucht er, es noch einzuholen. Dann dreht er um. Der Wind peitscht mit Stärke sechs über die Nordsee, keine Chance, gegen die Strömung anzuschwimmen. Nur was jetzt? „Ich habe mir immer wieder gesagt: Jetzt bloß keine Angst kriegen, klar im Kopf bleiben.“ Vor Maui hat er auch einmal sein Brett verloren, „da bin ich so richtig durchge­waschen worden, einmal komplett durchgeschüttelt“. Nur war das Ufer nicht weit, und er konnte zum Strand schwimmen. Jetzt unmöglich.

Von der Küste trennen Neumann zwei Kilometer. Schiffe, das ahnt er, werden sich nicht in die Strömungsrinne verirren, dafür ist die Nordsee hier zu flach. Er blickt übers Wasser, irgendwo muss doch eine Lösung sein. Dann sieht er, wie weißer Schaum die Wellen in der Ferne krönt. Wo Gischt ist, denkt er, da muss es eine Sandbank geben. Dorthin will er sich treiben lassen. Doch das dauert.

Ein Anruf von der Sandbank

„Manche meinen, mit 80 Jahren geht man nicht Surfen, sondern spielt Halma“, sagt Neumann. Sieht er anders. „Wer so etwas behauptet, hat vom Leben nichts verstanden.“ Neumann hatte mal einen Schlaganfall, eine Weile her. Heute ist er wieder fit, deutlich fitter als andere in seinem Alter.

Nach einer Zeit ohne Brett draußen auf dem Meer beginnt aber auch er zu zittern. Er spürt, wie die Kälte in die Knochen kriecht. Neumann hält den Kopf über Wasser, den restlichen Körper darunter, die Nordsee ist mit 23 Grad ähnlich warm wie die Luft. Er treibt und treibt, es vergehen Minuten, bis er tatsächlich auf der Sandbank ankommt.

Das Wasser steht ihm bis zur Hüfte. Er öffnet den Neoprenanzug und zieht ein Etui hervor, darin ein wasserfestes Handy. Jeden Abend warnt ihn seine Frau vor dem Einschlafen: Lade den Akku, sonst lasse ich dich nicht aufs Meer. Macht er. Neumann lädt den Akku, jeden Abend. Vor ein paar Tagen hat er damit einem Stand-up-Paddler, der abgetrieben war, das Leben gerettet. Jetzt rettet er sich selbst, mit einem Anruf in Bremen.

Viel Zeit bleibt den Rettern nicht

Neumann meldet sich bei der Seenotleitung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Ob man ihn nicht abholen könne? Er steht hier, das Handy in der Hand, auf einer Sandbank, irgendwo vor Langeoog und Baltrum.

Als Ralph Rüffert den Anruf aus Bremen bekommt, ist ihm gleich klar: Das wird kein normaler Einsatz. Rüffert, 53 Jahre alt, ist bei der Gemeinde Langeoog als IT-Techniker angestellt. Vielleicht zehnmal im Jahr verlässt er seinen Arbeitsplatz und fährt raus aufs Meer, als Seenotretter. Meistens muss er los, weil der Motor eines Bootes versagt. Oder ein Kutter auf eine Sandbank zugesteuert ist. Selten ist es wirklich dramatisch. Am Dienstag schon.

Viel Zeit bleibt nicht, um Neumann zu finden. Eine Stunde wohl, kaum länger. Rüffert kann nur ahnen, wo er suchen muss. Immerhin, Neumann hat noch ein paar Fetzen ins Handy gerufen, schwarzer Neoprenanzug, rote Mütze. Aber reicht das um einen 80-Jährigen in der Nordsee zu finden?

Nie mehr Surfen? Undenkbar

Es geht nur meterweise voran, das Wasser ist zu flach. Das Boot schlurft über Sandbänke, minutenlang, Neumann nicht in Sicht. In Bremen versuchen sie, den Mann auf der Sandbank anzurufen, auch Rüffert probiert es. Niemand nimmt ab. Später stellt sich raus: Es konnte nicht funktionieren. In Neumanns Handy war eine Rufumleitung eingeschaltet.

Irgendwann sieht der Surfer ohne Brett am Horizont ein Boot umherirren. So weit weg, kann das sein? Die müssen ihn an der Südspitze von Langeoog suchen. Sofort ruft er wieder in Bremen an, irgendwo vor der Nordküste muss er sein, sicher nicht im Süden. Rüffert korrigiert den Kurs, die Zeit wird knapp. 17.10 Uhr, das Wasser steigt. Rüffert bleiben vielleicht noch 20 Minuten, bis es zu spät ist. Dann erkennt er eine Silhouette, ein alter Mann, zweihundert Meter vom Boot entfernt.

Die letzten hundert Meter watet Neumann zum Schiff. Noch am Abend spendet er eine dreistellige Summe an die Seenotretter auf Langeoog. „Ist immer noch günstiger als die Kosten für einen Sarg“, sagt er und röhrt vor Lachen in den Hörer. War es das jetzt mit dem Surfen? Horst Neumann hält die Frage für einen Scherz. Natürlich nicht, geht weiter, alles wie immer, nur eines: Am nächsten Brett lässt er die Fußschlaufe dran.

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