Die Geschichte von Carl Feldtmann

Der Hotdog-Millionär aus Verden

Ein Bäckerlehrling aus Verden machte mit Hotdogs Karriere in den USA. Die Geschichte des Auswanderers Carl Feldtmann, der in New York mit Fast Food reich wurde.
25.07.2020, 05:00
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Der Hotdog-Millionär aus Verden
Von Jürgen Hinrichs
Der Hotdog-Millionär aus Verden

Der Hot Dog ist ein Klassiker und findet in der ganzen Welt Verbreitung. Es gibt diverse Varianten, diese hier ist die ganz schlichte.

123RF

Die gebrühte Wurst ins weiche Brötchen, Ketchup dazu, Senf und Mayonnaise, oben drauf Röstzwiebeln und dünne Gurkenscheiben – fertig ist der Hotdog. So konnte man ihn mehr als 20 Jahre in Bremen in der Papenstraße essen, kurz vor Galeria Kaufhof: „Bellmanns American Hotdog“, der kleinste Imbiss, den man sich denken kann, drei Quadratmeter vielleicht, mehr nicht. Und so bekommt man ihn neuerdings wieder, bei „Neighbour’s Dog“ auf dem Domshof, allerdings in verfeinerter Art.

Doch woher stammt der Snack eigentlich, wer hat ihn erfunden, die Schweizer vielleicht? Nein, bestimmt nicht. Es waren die Frankfurter, sagen die Frankfurter, und sie haben recht, in der Stadt am Main ist vor 150 Jahren das erste Mal Wurst im Brötchen verkauft worden. Seinen Durchbruch fand die Kombi mit Kleckergefahr aber in den USA. Als Hotdog eben, und den hat ein Mann groß gemacht und sich selbst damit auch, der aus Deutschland kommt, aus Niedersachsen, genauer: aus Verden! Niemand dort, der davon bisher wusste. Ein Sohn der Allerstadt, getauft im Dom, gehört zu den Begründern des Fast Foods.

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Der Mann hieß mit vollem Namen Carl Rudolph Gustav Feldtmann. Er wurde am 8. November 1841 als Sohn eines Wollhändlers geboren. Die Mutter bekam später noch sechs weitere Kinder, einen Sohn und fünf Töchter. So haben es auf Bitten des WESER-KURIER die Verdener Familienforscher recherchiert. Der Verein kannte die Geschichte nicht und will ihr jetzt weiter nachgehen. „Schließlich ist es ein Verdener!“, sagt die Vorsitzende Bärbel Ebeling.

Feldtmann war 14 Jahre alt und Bäckerlehrling, als er sich im Jahr 1856 entschloss, in die USA auszuwandern. Er nahm den Weg über Bremerhaven, so wie Abertausend andere Menschen, die sich in der „Neuen Welt“ Erfolg versprachen. Nach Angaben des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven hatte die Auswanderungsbewegung im Jahr 1854 ihren Höhepunkt erreicht. Damals verließen 215.000 Deutsche ihre Heimat in Richtung Amerika. „Durch die Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts verloren Kleinbauern, Handwerker und Tagelöhner insbesondere in ländlichen Gegenden ihre Existenzgrundlage und litten an Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit“, erklärt das Auswandererhaus.

Carl Feldtmanm

Carl Feldtmanm

Foto: Illustration: FR

Perfekt für den kleinen Hunger

Bei dem Jungen aus Verden hat möglicherweise noch etwas anderes eine Rolle gespielt. Vier Monate vor seiner Reise über den Atlantik war seine Mutter gestorben. So ein Schicksalsschlag kann der Grund sein, zu Hause zu bleiben, um als ältestes Kind der Familie zu helfen. Er kann aber auch mit Macht eine Entscheidung befördern, die bereits gereift war. In den USA wurde aus Carl Feldtmann der eingebürgerte Charles Feltman. Er schlug sich zunächst mit Jobs durch, kam dann aber auf die bahnbrechende Idee, in New York von einem Handkarren aus Essen zu verkaufen: Fast Food, die Leute liebten es. Wurst im Brötchenmantel mit Sauerkraut als Topping – perfekt für den kleinen Hunger. Es war das Jahr 1867, als Feltmann am Strand von Coney Island mit seinem Geschäft begann. In dem Jahr, kann man sagen, wurde der Hotdog geboren.

Warum der Snack diesen Namen erhielt, ist nie richtig geklärt worden. Die Metzger unter den deutschen Einwanderern sollen bekannt dafür gewesen sein, dass sie „wurstförmige Hunde“ halten, gemeint waren Dackel. Vielleicht daher? Oder die wenig appetitliche Variante, dass über den Inhalt der Hotdog-Wurst gemunkelt wurde. Dackel! Die Kunden focht das nicht weiter an, sie ließen es sich trotzdem schmecken.

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Feltman musste wegen des großen Erfolgs schnell Personal einstellen. Binnen weniger Jahre hatte er so viel Geld zusammen, dass noch ganz anderes möglich wurde. 1871 begann der Unternehmer auf Coney Island mit dem Bau von mehreren Restaurants, Bars, einem Biergarten und Attraktionen wie Badehaus, Achterbahn und Freilichtkino. Es war damals der größte Restaurantkomplex der Welt, der Name: „Feltman’s“. In der besten Phase kamen jährlich mehr als fünf Millionen Gäste.

Auf Besuch in Deutschland

Der Junge aus Verden wurde zum reichen Mann. Das Reisen war für ihn jetzt keine Flucht mehr, sondern Vergnügen und Anknüpfung an die alte Heimat. Aus einer Passagierliste geht hervor, dass Feltman in Bremerhaven an Bord der „Kronprinz Wilhelm“ ging und am 31. August 1909 in New York ankam. Er war also auf Besuch in Deutschland. Vielleicht auch in Verden. Heute lassen sich dort keine Nachfahren mehr finden.

In New York lebte Feltman mit Frau und drei Kindern in einem eigenen Haus im Stadtteil Brooklyn. Es ging ihm gesundheitlich zusehends schlechter, und möglicherweise auch deshalb, um Abschied zu nehmen, brach er nur ein Jahr nach der Reise über den Atlantik wieder nach Deutschland auf. Die Reise war seine letzte. Feltman starb im Alter von 68 Jahren am 20. September in Kassel. Was er dort wollte, ist unbekannt. Sein Grabmal steht auf einem Friedhof in Brooklyn. Das Mausoleum mit dem Namenszug des Toten über dem prächtigen Portal zeugt von der Bedeutung und dem Reichtum des Mannes.

Das Feltman’s auf Coney Island in New York irgendwann in den 1930er-Jahren.

Das Feltman’s auf Coney Island in New York irgendwann in den 1930er-Jahren.

Foto: Boston public Library

Nach Feltmans Tod führten seine beiden Söhne und ein Enkel das Geschäft weiter. In der eigenen Küche wuchs ihnen dann Konkurrenz heran. Nathan Handwerker half bei „Feltman’s“ aus, ein kleines Licht in der Mannschaft, wahrscheinlich unterschätzt. Später gründete Handwerker ein eigenes Hotdog- Restaurant und überflügelte schließlich seinen früheren Brötchengeber.

„Nathan’s Famous“ punktete vor allem mit niedrigen Preisen. 1946 verkaufte die Familie Feltman ihre Gewerbeimmobilien und verabschiedete sich von der Fast-Food-Branche. Der Name ist seit drei Jahren auf Coney Island aber wieder präsent. Es gibt ein neues „Feltman’s“, wieder ein Hotdog-Restaurant. Mit Carl Rudolph Gustav Feldtmann alias Charles Feltman und seinen Nachkommen hat das aber nichts zu tun.

Info

Zur Sache

Ahnenforschung

Die Geschichte über den Hotdog-Unternehmer basiert auf Recherchen von Ancestry, der weltweit größten Plattform für Ahnenforschung. Die Organisation verfügt über 24 Milliarden digitalisierte historische Dokumente, darunter 660 Millionen deutschsprachige. Das sind zum Beispiel Geburts-, Heirats- und Sterberegister, Passagierlisten, Kirchenbücher, Ein- und Auswandererlisten, Verlustlisten und Militärregister sowie Telefon- und Adressbücher. Die Stammbaumerstellung ist kostenlos. Wenn Nutzer auf historische Originaldokumente zugreifen möchten, wird ein Mitgliedsbeitrag erhoben. ­Ancestry ist unter anderem Kooperationspartner des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven, wo man Ahnenforschung an Arbeitsstationen ausprobieren kann.

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